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Erst Kinderpornos, dann Missbrauch – und nun Haft

Drei Verhandlungstage sind vom Landgericht Heilbronn angesetzt worden.
Drei Verhandlungstage sind vom Landgericht Heilbronn angesetzt worden.
Ein 31-Jähriger muss sich vor dem Landgericht verantworten, weil er sich an seiner kleinen Nichte und zwei Neffen vergangen hat. Zum Prozessauftakt hat er fast alle Taten eingeräumt und um Hilfe gebeten.

Marbach/Heilbronn. Eigentlich wollten die zwei Jungen und das Mädchen nur ihre Großmutter in deren Marbacher Wohnung besuchen, und sich manchmal mit ihrem ebenfalls dort lebenden Onkel am Computer vergnügen – doch der erwachsene Mann wollte mehr als nur ein Spiel. Mehrfach soll er sich an den Kindern, die im Tatzeitraum zwischen Sommer 2013 und Frühjahr 2019 im Grundschulalter waren, vergangen haben.

Er steht deshalb seit Mittwoch vor der zweiten Großen Strafkammer des Heilbronner Landgerichts, angeklagt ist er unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung. Vor allem das Mädchen wurde sein bevorzugtes Ziel. Erstmals soll er sie als Sechs- oder Siebenjährige ausgezogen, berührt und schließlich seinen Finger eingeführt haben, mehrere einzelne Fälle listet die Staatsanwältin auf. Später, als Neunjährige, habe der Angeklagte das Kind dann sogar zum Oralverkehr gezwungen und nach ihrer Weigerung schließlich ihren Kopf zu seinem Penis hin gedrückt.

Nach der ersten Tat, deren Zeitpunkt sich laut Anklageschrift nicht mehr genau bestimmen lässt, soll er ihr eingeschärft haben, es niemandem zu erzählen, sonst würde er ihre Eltern schlagen oder gar töten. Das Mädchen hielt sich daran – vielleicht auch, weil die Oma ihr nach einer Tat Vorhaltungen machte, was sie in dem Zimmer zu suchen gehabt hätte – bis Juni 2019, und vertraute sich schließlich einer Lehrerin an.

Die vorgeworfenen Taten räume er fast alle ein, wie seine Verteidigerin am Mittwochmorgen angab. Nur zum Oralverkehr habe er das Mädchen nicht gezwungen. „Er weiß, dass er Probleme hat und Hilfe braucht“, schloss sie ihre Erklärung. Warum er genau diesen einen Vorwurf bestreitet, die übrigen Angaben des Mädchens aber alle bestätigt, blieb auch auf Nachhaken der Richterin, ob das möglicherweise etwas mit seinem Kulturkreis zu tun habe, offen.

Keine Ausbildung, dafür Drogen und Haft

Fest steht nur, dass sein Lebenslauf alles andere als vorzeigbar ist. Schon in der Grundschule musste er eine Klasse wiederholen, in der Hauptschule nochmals eine, ehe er ohne Abschluss abging. Aus dem Berufsvorbereitenden Jahr wurde er rausgeschmissen, weil er Atteste gefälscht hatte. Und auch der dritte Anlauf zum Abschluss scheiterte, kurz vor den Prüfungen. „Aus Dummheit und Faulheit.“ Und auch sonst zeigte er wenig Ambitionen, jobbte mal hier, mal da – kiffte, kokste und betäubte sich mit synthetischen Drogen dafür umso aktiver. Mit 14 trank er regelmäßig, mit 18 nahm er erstmals Cannabis, mit 20 Kokain. Auch Ecstasy, Speed und Pep warf er sich ein, teils bis zur Ohnmacht. „Und ich habe alles getan, um da heranzukommen“, sagte der 31-Jährige aus – und das nicht nur legal.

Mehrere Male war er schon im Arrest oder Gefängnis, wann und wie lange konnte er am Mittwochvormittag nicht immer genau sagen. Während einer mehrmonatigen Inhaftierung aber hat er den Hauptschulabschluss dann doch geschafft, nach einem weiteren Aufenthalt aber sei die Drogensucht noch schlimmer gewesen als zuvor.

Und auch vor den Sexualstraftaten sei er zumeist betäubt gewesen, gibt er auf Nachfragen des Psychiaters an. „Ich habe nicht realisiert, was ich tue und mir keine Gedanken über das Ausmaß gemacht, war skrupellos. Es war Chaos in meinem Gehirn.“

Vor lauter Drogen habe er auch keine Zeit für eine Beziehung gehabt – überhaupt waren da nicht allzu viele. Seit dem 20. Lebensjahr habe er nichts Festes mehr gehabt, stattdessen sei sein Interesse an Kindern gewachsen. Schaute er sich zunächst nur gelegentlich entsprechende Pornos an, während er in einem Internetcafé jobbte, und sei „fassungslos“ gewesen, was es da alles gebe, so steigerte sich das deutlich. Und auch, wenn er sich selbst befriedigte, habe er an Kinder gedacht – oder an Sex, wenn er welche im Fernsehen sah. „War es mit erwachsenen Frauen zu mühselig?“, wollte die Richterin wissen. „Ja“, antwortete er kurz.

Mittlerweile aber – er sitzt ohnehin seit April 2019 wegen Einbruchsdiebstählen in Haft – habe er den Drogen abgeschworen („weil ich bis hierhin viel versaut habe“). Und er schäme sich auch, wenn ihm wieder Gedanken an Kinder kämen. Dabei habe er doch einen Wunsch: „Eine normale Ehe mit einer Frau.“

Doch bis es dazu kommen kann, wird wohl viel Zeit ins Land gehen. Nicht unter sechs Jahre bei einem Geständnis, zu weniger war die Staatsanwaltschaft nicht bereit, als es vor dem eigentlich für März 2020 geplanten Prozessauftakt Gespräche gab. Und nun sind die Karten ohnehin neu gemischt, eine Verständigung gab es nicht. Ein Urteil soll Mitte Februar gefällt werden.