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„Es brodelt unter den Mitarbeitern“

Für einigen Unmut bei Mitarbeitenden in Pflegeheimen sorgte die jüngste Coronaverordnung, die zwar Lockerungen vorsieht, aber vor allem für Besucher. Jetzt fordert die Evangelische Heimstiftung, dass auch für geimpftes Pflegepersonal die Masken fallen dürfen.

Geimpftes Personal von Pflegeheimen hofft, die Bewohner bald auch ohne FFP2-Maske pflegen zu können. Foto: Spitzi-Foto /stock.adobe.com
Geimpftes Personal von Pflegeheimen hofft, die Bewohner bald auch ohne FFP2-Maske pflegen zu können. Foto: Spitzi-Foto /stock.adobe.com

Kreis Ludwigsburg. Seit Beginn der Coronakrise bekommen Pflegekräfte viel Lob von allen Seiten. Menschen standen abends an den Fenstern und auf den Balkonen und spendeten Beifall für das Pflegepersonal. Heute wird nicht mehr geklatscht. Im Gegenteil: Nach mehr als einem Jahr Pandemie fühlen sich viele Mitarbeitende in Pflegeeinrichtungen im Stich gelassen. Derzeit wundern sie sich über die jüngste Coronaverordnung im Land, die erste Lockerungen für Pflegeheime vorsieht. Denn: Sie beziehen sich vorwiegend auf die Bewohner. Demnach wird die Beschränkung der Besucherzahl aufgehoben, wenn 90 Prozent der Bewohner geimpft oder genesen sind. Dann müssen die Besucher in den Zimmern ihrer Angehörigen auch keine Schutzmaske mehr tragen. Einzige Erleichterung fürs Personal ist die Reduzierung der Testpflicht von dreimal auf einmal pro Woche.

„Mitarbeitende wurden diesmal vergessen, dabei leisten sie seit über einem Jahr Unglaubliches und tragen jede Einschränkung loyal mit“, kritisiert Bernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung (EHS) mit Sitz in Stuttgart. Das sei nicht mehr tragbar, weshalb die EHS „rasche und spürbare Lockerungen für geimpfte Pflegende“ fordert. Schneider hat dabei insbesondere das Tragen von FFP2-Masken im Visier.

Die Zweitimpfquote liege bei allen Bewohnern der Heimstiftung bei über 80 Prozent. Rechne man, wie in der Coronaverordnung vorgeschrieben, auch die Genesenen dazu, hätten die meisten Pflegeheime sogar eine Impfquote von über 90 Prozent. Da seien die beschlossenen Lockerungen, dass mehr Besucher zugelassen sind und in Einzelzimmern auf Maske und Abstand verzichtet werden kann, nachvollziehbar. „Gleichzeitig fühlen sich die Pflegekräfte aber von der Politik vergessen“, so Schneider. „Es ist nicht nachvollziehbar, warum die einzige Erleichterung für geimpfte Mitarbeitende darin besteht, sich nur noch einmal, statt wie bisher dreimal wöchentlich testen zu lassen. Die größte Belastung für Pflege- und Betreuungskräfte ist nach wie vor der Zwang zum Tragen einer FFP2-Maske“, schildert Schneider die Situation in den Heimen. Es sei nicht mehr vermittelbar, dass geimpfte Pflegekräfte weiterhin mit FFP2-Masken arbeiten müssen, obwohl 90 Prozent der Bewohner und über 50 Prozent des Personals geimpft sind.

„Es brodelt unter den Mitarbeitern“, sagt Kerstin Wulle, Hausdirektorin der Residenz Ingersheim. Es sei für sie nicht zu verstehen, warum Unterschiede zwischen geimpftem Personal und ungeimpften Besuchern gemacht werden. Knapp 90 Prozent aller 49 Kollegen im Haus hätten bereits vollen Impfschutz, lediglich ein Bewohner sei nicht geimpft. „Natürlich halten wir uns weiter an die Maßnahmen, aber der Unmut und das Unverständnis über diese Willkür steigt“, ärgert sich Wulle. Dennoch gibt sie die Hoffnung nicht auf, dass es auch bald für die Mitarbeiter zu Lockerungen kommt: „Es muss unbedingt nachgesteuert werden.“

Das sieht auch Hausdirektor Martin Bofinger vom Karl-Gerok-Stift in Vaihingen so. „Die Unterscheidung zwischen geimpften Mitarbeitern und ungeimpften Besuchern ist nicht nachvollziehbar“, sagt er. Rund 60 Prozent der Kollegen und etwa 80 Prozent der Bewohner seines Hauses seien geimpft beziehungsweise genesen. Bis dort die Grenze von 90 Prozent überschritten wird, dauert es also noch etwas. Dennoch, so Bofinger, sei bei den Mitarbeitern das Gerechtigkeitsempfinden schon getroffen worden. Wie in allen anderen Einrichtungen müssen sich Besucher auch in Vaihingen erst testen lassen und dann mit Schutzmaske direkt den Weg zum Zimmer des Bewohners einschlagen. Der Aufenthalt in Gemeinschaftsbereichen ist für Besucher nur dann erlaubt, wenn mindestens 90 Prozent der Bewohner geimpft oder von einer Covid-19-Erkrankung genesen sind.

„Ich denke, wir brauchen beim Thema Infektiösität Geimpfter noch genauere, bessere Erkenntnisse. Sollte von geimpften Personen tatsächlich keine Gefahr mehr ausgehen, müsste die Maskenpflicht umgehend erlassen werden“, sagt Stefan Ebert, Geschäftsführer der Kleeblatt-Gesellschaft. Bis dahin reiche es eventuell auch, wenn die geimpften Pflegekräfte nur einen medizinischen Mundschutz tragen müssen. Dies wäre seiner Meinung nach vermutlich ein Anreiz, dass sich noch mehr Mitarbeiter impfen lassen würden.

Pflegedienstleiter Sven Schade vom Kleeblatt-Pflegeheim in Murr macht deutlich, dass seine Kollegen die Entscheidung des Landes mittragen. Die Akzeptanz unter den Kollegen sei gut. „Dennoch freuen wir uns auf die Botschaft, irgendwann ohne Maske arbeiten zu dürfen“, sagt er.

Der Bitte unserer Zeitung ans baden-württembergische Sozialministerium um eine Stellungnahme wurde zügig und knapp Folge geleistet: „Unser Haus hat Verständnis für die Forderung der Evangelischen Heimstiftung – wir befinden uns da in einem schwierigen Spannungsverhältnis und in komplexen ethischen Fragestellungen. Das Land prüft mögliche Schritte derzeit unter Hochdruck und berät sie auch mit dem Bund und den anderen Ländern.“

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