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Arbeitssuche

„Es ist zum Wohl von uns allen“

Gerlinde Tempel vom Freundeskreis Asyl Besigheim sucht seit eineinhalb Jahren für Flüchtlinge nach Arbeitsstellen. Im Interview mit unserer Zeitung berichtet sie von bürokratischen Hürden und Lichtblicken.

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Ludwigsburg. Frau Tempel, Sie bemühen sich ja schon seit längerem, Flüchtlinge in Arbeit zu bringen. Was haben Sie dazu bisher alles unternommen?

Gerlinde Tempel: Wir sind in einem Fall beispielsweise schon eineinhalb Jahre dran, Arbeit zu finden und haben alle möglichen Ausschreibungen wahrgenommen, aber bei allen Praktikumsstellen immer Absagen bekommen. Dabei hat derjenige eine Arbeitserlaubnis und über integrative Schulungen auch das nötige Sprachlevel B2, das man braucht, um arbeiten zu dürfen, absolviert. Derzeit warten wir schon wieder seit Wochen auf die Antwort eines möglichen Arbeitgebers. Das ist alles lästig, aufwendig und unbefriedigend, da man das Gefühl hat, man sitzt in einer Warteschleife und ist auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Vergangene Woche habe ich etwa für zwei andere Flüchtlinge beim Ausländeramt angerufen. Einmal hat die betreffende Dame anstandslos und schnell die Akte geholt und mir gesagt, dass derjenige nur eine Duldung hat und daher nicht arbeiten darf. Und das andere Mal war ich wieder in einer Warteschleife und wurde mehrmals weiter verbunden und schließlich hat man mir gesagt, ich soll die Anfrage schriftlich stellen. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Zeit man dabei vertut und wie viel Kraft man einsetzen muss, um überhaupt zu erfahren, ob man eine Praktikumsstelle für jemanden suchen darf. Und auf der anderen Seite rufen die Flüchtlinge täglich bei mir an, die arbeiten wollen. Das alles ist schlichtweg ätzend.

Was macht die Angelegenheit so schwierig?

Der ganz unterschiedliche Aufenthaltsstatus, den die Flüchtlinge haben, ist das Problem. Der Großteil hat nur eine Duldung und prinzipiell dürften die Flüchtlinge damit zwar nach drei Monaten auch arbeiten, aber nicht jeder. Der eine darf, der andere nicht. Weshalb ist mir nicht durchsichtig. Und selbst wenn jemand eine Arbeitserlaubnis hat und die Möglichkeit, ein Praktikum zu machen, muss wieder die Ausländerbehörde gefragt und eine Genehmigung eingeholt werden. Das ist lästig und macht es schwierig.

Für die Flüchtlinge ist das sicher noch undurchsichtiger ...

Für die ist das ein Unding. Sie können sich die bürokratischen Hürden, die es gibt, nicht erklären. Kein Wunder, für uns sind sie ja oft auch undurchsichtig. Deswegen ist es für mich kürzlich ein Highlight gewesen, als wir bei einer Gärtnerei angefragt haben, und man uns dort sofort einen Praktikumsplatz angeboten hat. Das ist wirklich das erste und einzige Mal in eineinhalb Jahren, dass es uns gelungen ist, ein Praktikum anzuleiern. Dabei ist der Wunsch zu arbeiten bei den Flüchtlingen da. Deswegen ist es auch uns ein großes Anliegen. Zumal demnächst am Wasen 300 Leute in das neue Flüchtlingsheim einziehen. Da ist es ganz wichtig, dass wir für diese Strukturen schaffen, damit sie sich nicht den ganzen Tag gegenseitig auf die Nerven gehen.

Wie wichtig ist es für Flüchtlinge, eine Tätigkeit zu haben?

Wie wichtig? Das ist eine menschliche Qualität, die auch Würde bedeutet und die Möglichkeit, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn man verdammt ist, nichts zu tun, dann macht das ja auch etwas mit der Psyche. Ich kenne keinen Flüchtling, der Arbeit ablehnt. Alle fragen danach. Für den jungen Mann, dem wir das Praktikum vermitteln konnten, war das ein großer Lichtblick nach eineinhalb Jahren, die er nun in Deutschland ist. Dass das geklappt hat, ist eine ganz große Sache für ihn. Und wenn er seine Deutschkenntnisse jetzt weiter qualifiziert und das Ganze in eine Ausbildung mündet, wäre dies das absolute Glück für ihn. Zumal er von sich auch gesagt hatte, dass er gerne in einer Gärtnerei arbeiten würde, weil er früher in der Landwirtschaft tätig war.

Was müsste sich Ihrer Ansicht nach ändern, damit die Vermittlung leichter wird?

Die Zusammenarbeit mit den Behörden ist einfach eine Willkür, die sich unwürdig und nicht auf Augenhöhe darstellt. Aber das hängt von Personen ab. Ich hatte letztens ja auch eine Dame, die sofort die Akte geholt hat und mir gesagt hat, was Sache ist. Eine rühmliche Ausnahme. Daher wünsche ich mir einfach Menschen, die nicht nur ihren Job machen nach dem Motto, die haben sowieso keine Rechte und sollen froh sein, dass sie dran kommen. Denn jeder Mensch hat das Recht, würdig behandelt zu werden.

Können Betriebe der Region Sie bei der Arbeitssuche unterstützen?

Ja. Praktikumsstellen zu bekommen war bislang kaum möglich. Ich hoffe, dass sich da etwas verändert, dass die Bevölkerung sich dafür mitverantwortlich fühlt. Denn es ist zum Wohl von uns allen, wenn die Menschen Arbeit haben. Wer also eine Praktikumsstelle anbieten kann, kann sich bei mir melden.