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„Eure Forderung ist gerecht und rechtmäßig“

Konflikt um Tarifbindung bei Sachsenheimer Zulieferer Dräxlmaier geht mit Betriebsversammlung weiter – Unterstützung für Belegschaft aus der Politik

In einer Pause der Betriebsversammlung (von links): Roland Schäfer (Daimler-Betriebsrat Untertürkheim), Alexander Reinhardt (Audi-Betriebsrat Neckarsulm), Matthias Fuchs (IG Metall), Sandra Detzer (Bundestagskandidatin der Grünen), André Kaufmann (IG
In einer Pause der Betriebsversammlung (von links): Roland Schäfer (Daimler-Betriebsrat Untertürkheim), Alexander Reinhardt (Audi-Betriebsrat Neckarsulm), Matthias Fuchs (IG Metall), Sandra Detzer (Bundestagskandidatin der Grünen), André Kaufmann (IG Metall), Athanasios Kenteridis und Andreas Fitterer (beide Dräxlmaier-Betriebsrat Sachsenheim). Foto: wd

Sachsenheim. Am Dienstag um 6 Uhr, nach seiner gut achtstündigen Nachtschicht im Lager des Sachsenheimer Dräxlmaier-Werks, hatte Suat Koyuncu Feierabend. Er fuhr aber nicht sofort nach Hause, sondern legte sich im Auto gut zwei Stunden lang aufs Ohr, um bei der morgendlichen Betriebsversammlung auf dem Werksgelände dabei sein zu können. Der 42-Jährige nahm daran teil „für meine Rechte, für meine Kollegen, für meine Familie, für mich“, wie er betonte.

Dass neben vielen Frühschichtlern auch Kollegen aus Nacht- und Spätschicht zu der Versammlung kamen – etwa 130 von insgesamt 300 waren anwesend –, das zeige, wie wichtig diesen Mitarbeitern das Thema Tarifbindung sei, sagte am Dienstag Gewerkschaftssekretär André Kaufmann von der IG Metall Ludwigsburg-Waiblingen.

Am Sachsenheimer Dräxlmaier-Standort ist über den Sommer ein Konflikt ausgebrochen, in dem es laut Kaufmann um eine „große Frage“ geht: Ob in der Automobilbranche Antriebskonzepte für Elektromobilität, also Zukunftstechnologie, mit Tarifverträgen produziert werde oder nicht.

Das Management des 1958 gegründeten Familienunternehmens strebt keine Tarifbindung an und hat laut Roland Polte, Personal-Geschäftsführer in der Vilsbiburger Zentrale, stattdessen ein Angebot mit „attraktiven finanziellen Konditionen“ vorgelegt. Darin geht es etwa um eine Ortszulage, um Schichtzulagen und eine Antrittsprämie (80 Euro an Samstagen). Mit dem Angebot sei man an „wirtschaftliche Grenzen“ gegangen, weil das Sachsenheimer Werk noch nicht profitabel sei. An Verhandlungen mit der Gewerkschaft ist das Management nicht interessiert. Warum? „Wir wollen unsere Unabhängigkeit wahren“, antwortete Polte am Dienstag am Rande der Betriebsversammlung. „Unser Ansprechpartner ist der Betriebsrat, die IG Metall repräsentiert nicht unsere komplette Belegschaft.“ Wichtig sei jetzt, „wieder Ruhe in den Betrieb zu bekommen, ein gutes Produkt zu machen und so Arbeitsplätze nachhaltig zu sichern“, so Polte. Druck und Einschüchterungen gegenüber Mitarbeitern habe es „in keinster Weise“ gegeben.

Das sehen Betriebsrat und Gewerkschaft anders – und nennen mehrere Beispiele, in denen es in diesem Konflikt solche Einschüchterungsversuche der Geschäftsleitung gegenüber Mitarbeitern gegeben habe. Dass die Dräxlmaier-Führung sich nicht nur „unfair, sondern auch unmoralisch“ gegenüber der Belegschaft verhalte, wie der katholische Betriebsseelsorger Christian Gojowczyk am Dienstag im Gespräch sagte – davon waren auch andere Redner in der Betriebsversammlung überzeugt. Die Gewerkschaft hatte neben Gojowczyk etwa Bernd Riexinger eingeladen. Der Politiker der Partei Die Linke sagte in Richtung Mitarbeiter, er habe kein Verständnis dafür, „dass ein Konzern mit über vier Milliarden Euro Umsatz“ und eine Familie, „die zu den 85 reichsten in Deutschland gehört, Euch einen Tarifvertrag verweigert“. Die Einführung eines Tarifvertrags „muss eine Selbstverständlichkeit sein“, betonte Riexinger auch im Gespräch mit unserer Zeitung. Verweigere schon ein so wichtiger Zulieferer wie Dräxlmaier einen Tarifvertrag, könne das eine Negativspirale in Gang setzen: „Wie sieht es dann erst bei den kleineren Zulieferern aus?“

Er habe „großen Respekt vor Belegschaften, die um ihre Interessen kämpfen“ und so ihr demokratisches Recht wahrnähmen, sagte Riexinger dann in seiner Versammlungsrede. „Wer nicht kämpft und für seine Sache einsteht, bekommt keinen Respekt, auch nicht von der Gegenseite.“ Riexinger wurde auch grundsätzlicher: Gehe es allgemein um die Schließung von Firmenstandorten oder deren Verlagerung in Billiglohnländer, müssten Betriebsräte darüber mitbestimmen dürfen. Es seien die Belegschaften, die Betriebe über Jahrzehnte aufgebaut hätten.

Mit Sandra Detzer, Bundestagskandidatin für den Wahlkreis Ludwigsburg, sprach am Dienstag eine weitere Vertreterin der Politik in der Versammlung. Mit starkem Fokus auf Elektromobilität sei Dräxlmaier ein „führender Zulieferer für die Mobilität der Zukunft“. Bei diesem Konflikt „kommt alles auf den Tisch, was die Branche umtreibt“, so Detzer. Wie könne man in den „neuen Geschäftsfeldern“ der Branche Tarifbindung so gestalten, dass Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Land gehalten werden? Wie könne ein gutes Auskommen der Branche in einer klimaneutralen Zukunft gesichert werden? Darum gehe es. Wichtig sei, „dass Belegschaft, Gewerkschaft und Unternehmensführung gemeinsam eine gute Lösung“ finden, so Detzer vor den anwesenden Mitarbeitern. Deren Anliegen – die Tarifbindung – sei wichtig und könne beispielhaft für Entwicklungen im Land, sogar in Deutschland und Europa sein: „Ihr könnt eine Vorreiterrolle übernehmen“, rief die Bundestagskandidatin den Beschäftigten zu.

Auch Betriebsseelsorger Gojowczyk wandte sich direkt an die Mitarbeiter: „Eure Forderung ist gerecht und rechtmäßig.“ Mit Solidarität werde man diesen Kampf gewinnen. Der Geschäftsleitung warf er illegitimes, intransparentes und ungerechtes Verhalten vor. Er kritisierte, dass das Management mit Drohungen und Druck arbeite. „So mit der Angst der Menschen zu spielen, ist ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde.“

Matthias Fuchs, Geschäftsführer der IG Metall Ludwigsburg-Waiblingen, betonte gestern, die Dräxlmaier-Führung müsse die Forderung von so vielen Mitarbeitern nach einem Tarifvertrag akzeptieren: „Das ist auch eine Frage des Respekts gegenüber der Belegschaft.“ Außerdem dürfe die Tarifbindung nicht sukzessive abnehmen: „Es geht auch ums Prinzip“, sagte Fuchs. Auch Roland Schäfer, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender des Untertürkheimer Daimler-Werks, kam am Dienstag zu der Versammlung. Würde sich die Dräxlmaier-Führung in dem Konflikt durchsetzen, „hätte das Signalwirkung auf andere Arbeitgeber insbesondere in der Zulieferindustrie, dass man mit der Belegschaft machen kann, was man will. Dagegen muss man sich wehren“, so Schäfer im Gespräch.

Aus Vilsbiburg war der Konzernbetriebsratsvorsitzende von Dräxlmaier, Rudolf Lang, angereist. Für ihn sei die Teilnahme an der Versammlung „eine Herzensangelegenheit“, er wolle den Sachsenheimer Kollegen den Rücken stärken und habe „Hochachtung vor der Stärke der Belegschaft“. Lang, seit mehr als 30 Jahren Betriebsrat, stand am Dienstag schon um 6 Uhr auf dem Werksgelände, um solidarisch auch mit der Nachtschicht zu sein, die um diese Zeit Feierabend hatte.

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