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Expressiver Realist mit politischer Aussage

Der Kunstverein Korntal-Münchingen zeigt in der Galerie 4/1 eine Querschnittsaustellung des Feuerbacher Künstlers Otto Herrmann

Natalie Kreisz (links) und Julia Novak von der Otto & Maria Herrmann Stiftung in der neuen Ausstellung des Kunstvereins Korntal-Münchingen. Foto: Holm Wolschendorf
Natalie Kreisz (links) und Julia Novak von der Otto & Maria Herrmann Stiftung in der neuen Ausstellung des Kunstvereins Korntal-Münchingen. Foto: Holm Wolschendorf

Korntal-Münchingen. Mit einer Gesamtschau des Werks von Otto Herrmann setzt der Kunstverein Korntal-Münchingen sein Ausstellungsprogramm im Herbst fort. 1899 in Feuerbach geboren und an der Stuttgarter Kunstakademie ausgebildet, habe Herrmann, der sich künstlerisch zeitlebens dem Figurativen verschieben fühlte, im Nachkriegsdeutschland lange zu einer „verschollenen Generation“ gehört, so Natalie Kreisz vom Vorstand der Otto & Maria Herrmann Stiftung, die gemeinsam ihrer Vorstandskollegin Julia Novak die ausgesprochen sehenswerte Ausstellung in der Galerie 4/1 kuratiert hat. Der Gedanke einer „Stunde null der Malerei“, wie der Paradigmenwechsel zur Abstraktion nach dem Zweiten Weltkrieg oft beschrieben wurde, sei dem 1995 verstorbenen Maler und Grafiker wohl eher suspekt erschienen, meint Novak. Dazu habe Herrmann sich viel zu sehr als in Traditionslinien stehender Künstler betrachtet und dementsprechend seinen Lebensunterhalt, so er nicht durch seine Frau Maria Herrmann, die eine der ersten ausgebildeten Sozialarbeiterinnen in Stuttgart war, finanziert wurde, als Gebrauchsgrafiker „in der Industrie“ (Herrmann) verdient. Frustriert über die Debatte anlässlich seiner von Theodor Pliviers Roman „Stalingrad“ inspirierten, 1950 in Stuttgart ausgestellten Serie „Die Verdammten“, zog Herrmann, der sich als „Stalingrad-Maler“ abgestempelt sah, weitgehend aus dem öffentlichen Kunstleben zurück. Lediglich im Zuge der Re-Politisierung der Kunst in den späten Sechzigern erfuhr das allgemeine Interesse an seinen Arbeiten nochmals einen gewissen Auftrieb.

Erst in jüngerer Vergangenheit sei eine wieder zunehmende, vorurteilsfreie Rezeption gegenständlicher Positionen zu beobachten, so Novak. Insbesondere auch einer jüngeren Generation mit „undogmatischem Blick“ das vielfältige Werk von Otto Herrmann vorzustellen, ist den beiden Stiftungsleiterinnen ein wichtiges Anliegen und so freuen sie sich, über die Gelegenheit, mit dieser Ausstellung einen „Querschnitt durch acht Jahrzehnte“ präsentieren und erstmals seit langem die „unterschiedlichen Facetten“ seines Oeuvres beleuchten zu können.

Dessen Umfang ist nicht zu unterschätzen: Kreisz und Novak haben aus dem Archiv, das rund 1400 Öl- und Mischtechnikbilder sowie umfangreiche Bestände von Lithografien und Zeichnungen, über 50 Exponate ausgewählt, die teilweise erstmals gezeigt werden. Wobei das mit den acht Jahrzehnten so eine Sache ist: „So gut wie nie“ habe Herrmann seine Arbeiten signiert, seufzt Novak. Entsprechend haben sie die Ausstellung thematisch gegliedert, wobei jeder der fünf Räume einem Themenkreis zugeordnet ist. Im Erdgeschoss steht dem Betrachter zunächst eine Begegnung mit dem eher „unbekannten Herrmann“ (Novak) bevor. Bereits im Entrée lernt man unter dem Rubrum „Außergewöhnliche Frauenporträts“ einen Maler kennen, der seinen Cézanne ebenso gut studiert hat wie seinen Kandinsky, Picasso, Macke oder Matisse. Dem expressiven Realismus, wie er hier etwa mit der großformatigen Badeszene „In Arkadien“ zu sehen ist, wird Herrmann durch sein gesamtes Schaffen hindurch treu bleiben.

Dass Herrmann ein Künstler mit gesellschaftspolitischer Aussage war, scheint dennoch in allen Themenbereichen durch. So sind seine Porträts meist mit einem Subtext versehen, der auf prekäre Umstände verweist. Nebenan erfährt man von Herrmanns Empathie für „Zirkus und Vergnügung“: Ob Rock’n’Roll oder Swing – mit lebendigem, dynamischem Schwung fängt Herrmann die Musik der Zeiten ein. Im Obergeschoss begegnet man mit fünf Blättern seiner Serie „Mutter Courage“ und drei Lithografiensteinen seiner bekanntesten Arbeit „Die Verdammten“ dem gesellschaftspolitisch engagierten Künstler. Dazu auch Werke neueren Datums: Straßenschlachten der Siebzigerjahre, Selbstverteidigung von Frauen. Delikate Alltagsbeobachtungen und Stillleben sowie Landschaften runden das Bild ab.

Vielfältig war Herrmann auch hinsichtlich seiner Materialien: Neben Öl kamen oft auch Kreide, Tempera, Kohle und Rötel zum Einsatz. Stets erweist sich die Grafik als Zentrum seiner Kunst: Anfang der Dreißigerjahre arbeitet Herrmann freiberuflich als Illustrator für Zeitschriften wie den Simplicissimus. Am 23. Oktober findet ein Kunstrundgang „Mit Otto Herrmann durch die Nacht“ in Feuerbach mit zwölf Stationen statt. Für den Kunstverein Korntal-Münchingen wiederum handelt es sich um den Auftakt einer kommenden Reihe, die der Beschäftigung mit regionalen Künstlernachlässen gewidmet ist.

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