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Farbflächen mit großen Gefühlen

Ausblicke und Einblicke: Sean Scully neben seiner Muranoglas-Installation. Foto: Holm Wolschendorf
Ausblicke und Einblicke: Sean Scully neben seiner Muranoglas-Installation. Foto: Holm Wolschendorf
„Black Window 3“. Foto: Holm Wolschendorf
„Black Window 3“. Foto: Holm Wolschendorf
Sean Scully hat internationale Strahlkraft, und doch zieht es ihn schon zum zweiten Mal nach Eberdingen ins „Kunstwerk“. Er ist einer der Lieblingskünstler von Sammler Peter W. Klein, der über ihn sagt: „Emotionen vermittelt er perfekt.“

Eberdingen. Vermeintliche Ausblicke und Nichtausblicke spielen in vielen Werken Sean Scullys eine wichtige Rolle, im konkreten wie im übertragenen Sinne. So entstand anno 2020, mitten in der Pandemie, etwa „Black Window 3“: Eine Arbeit aus den charakteristischen horizontalen, landschaftlich anmutenden Balken in verschiedenen Farben – ergänzt durch eine kleine, mit energischem Strich in schwarzer Farbe bemalte Leinwand, die nach dem sogenannten „Inset“-Prinzip in die größere eingefügt wurde. „Während Corona war die Zukunft düster“, erklärt der international renommierte irisch-amerikanische Künstler, der beim Gespräch munter zwischen längeren englischen Ausführungen und kürzeren deutschen Sätzen wechselt. Die „Nichtfarbe“ Schwarz eröffnet – nicht nur bei Scully – einen Raum ins Ungewisse, in die Unendlichkeit, sei es als schwarzes Quadrat (wie bei Kasimir Malewitsch) oder umgekehrt als Rahmen für Farbiges. Als Kontur, Umgebung oder Kontrapunkt. „Black Window 3“ umreißt thematisch damit fast alles, was in der Scully gewidmeten neuen Ausstellung „Bodies of Color“ im Kunstwerk in einer schillernden Vielfalt zu sehen ist – und hängt daher nicht ganz zufällig direkt am Eingang.

Vor fünf Jahren hatte Scully bereits eine Doppelausstellung in Eberdingen, gemeinsam mit seiner Frau Liliane Tomasko, die ebenfalls Künstlerin ist. Nun zeigt Scully im Haus des Sammlers Peter W. Klein seine erste Einzelschau, mit einer Mischung aus Werken aus der Sammlung Klein – fünf seiner 26 Scullys sind aktuell zu sehen – und Leihgaben, 25 Arbeiten oder Reihen aus drei Jahrzehnten sind es insgesamt. Ein ganz wesentlicher Aspekt in der wieder einmal virtuos konzipierten Hängung von Sammlungsleiterin Valeria Waibel ist die Kommunikation zwischen Werken, die etwa einander gegenüber gestellt sind. „Das Vergleichen und die Verweise liegen mir immer am Herzen“, sagt sie.

„Abstrakte Arbeiten sind mir oft zu emotionslos gewesen“, erklärt Klein. „Das ist bei Scully einfach anders – Emotionen vermittelt er perfekt.“ Es war im Jahr 2000, als Klein das erste Werk von Sean Scully kaufte, weitere folgten, mittlerweile ist der 76-Jährige einer der absoluten Lieblingskünstler des Hausherrn. „Meine Arbeit ist ziemlich emotional“, betont auch Scully, „aber auch philosophisch.“ Deswegen sei er wohl in Deutschland besonders populär, mutmaßt der Künstler, dessen trockene Art manchmal dazu führt, dass man die augenzwinkernde Ironie seiner Bemerkungen erst etwas zeitverzögert erkennt. Zumal es ihm mit Kunst selbstverständlich ernst ist. Beim Malen gehe er ganz oft von links nach rechts und wieder nach links, daher der intensive, räumliche Strich, erklärt er. „Kunst zu schaffen bedeutet nicht Distanz, sondern Anbetung.“

Den haptischen Aspekt seiner starken Pinselstriche treibt Scully mit einer Rauminstallation aus Muranoglas, „Venice Stack“, auf die Spitze, Um-die-Ecke-Denken inklusive. „Für mich ist es interessant, wie es etwas ist und doch wieder nicht“, philosophiert Scully. „Denn das ist gerade der Zweck von Glas: Man kann rausschauen, ohne draußen zu sein – eine doppelte Realität.“ In Größe und Wirkung ebenfalls imposant ist „KANKANKAN for KANdinsky“, eine vierteilige Serie mit über drei Meter hohen Arbeiten, deren farbig gestreifte Flächen auf schwarzem Hintergrund an Kirchenfenster oder Türen gemahnen. Der Name spielt auf Kandinskys Buch „Über das Geistige in der Kunst“ an, vor allem aber, sagt Scully, der in New York, Aix-en-Provence und Oberbayern lebt, denke er bei dem russischen Maler immer an viele Farben. Erstmals überhaupt wird das Quartett in einer Ausstellung gezeigt. Scully schreitet nachdenklich durch den lichtdurchfluteten Raum und nickt zufrieden: Eberdingen ist eben fast ein Heimspiel.

Info: Die Ausstellung „Bodies of Color“ ist bis 18. Dezember zu sehen – Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Sonntag sowie an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos auf www.sammlung-klein.de.