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Fragen zum Tod eines Piloten

Helmut Sautter sammelt Material über die Geschichte der Starfighter und nimmt Kontakt mit Hinterbliebenen auf

Helmut Sautter aus Erdmannhausen mit einem Starfighter-Modell. Foto: Ramona Theiss
Helmut Sautter aus Erdmannhausen mit einem Starfighter-Modell. Foto: Ramona Theiss
Pilot Klaus Heinrich Lehnert. Foto: privat
Pilot Klaus Heinrich Lehnert. Foto: privat

Erdmannhausen. Sie wollten mit hochmodernen Fluggeräten den Himmel erobern und waren Mitte der 60er Jahre Stars in der Pilotenszene. Doch viele mussten ihr Leben lassen. Der 66-jährige Helmut Sautter aus Erdmannhausen hat Material über die Geschichte der Starfighter gesammelt und sogar Kontakt mit Hinterbliebenen aufgenommen.

Helmut Sautter ist von Beruf Werkzeugmacher und technikbegeistert. So gehört zu seiner Sammlung auch ein Starfighter-Modell. Er verfügt sogar über Trümmerteile dieses Flugzeugtyps, von dem einst so viele geschwärmt haben. Vor mehr als sechs Jahren begann er sich mit dem Thema zu beschäftigen und startete eine umfassende Recherche. So ließ ihn vor allem das Schicksal des damals 33-jährigen Klaus Heinrich Lehnert nicht mehr los. „Toter steuerte das Geister-Flugzeug“ lautete eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung vom Dezember 1965. Was war geschehen?

Major Lehnert galt als einer der erfahrensten Piloten der deutschen Luftwaffe auf dem Starfighter. Den überschallschnellen Abfangjäger hatte er als Traum aller Piloten bezeichnet. Von einem im Fliegerhorst Nörvenich bei Köln gestarteten nächtlichen Navigationsflug kehrte er aber nicht mehr zurück. Der Kontakt riss plötzlich ab und Lehnert raste nach vorn gebeugt in seinem Sitz hängend durch die Luft. Nach zweieinhalb Stunden waren die Tanks leer und das Flugzeug zerschellte an einem Felshang in Norwegen.

Lehnert ist einer von mehr als 100 deutschen Piloten, die mit dem Starfighter abgestürzt sind. Allein im Jahr 1965, als auch Pilot Lehnert ums Leben kam, ereigneten sich 27 Starfighter-Unfälle mit 17 Toten. Das Flugzeug des amerikanischen Rüstungskonzerns Lockheed hatte bald seinen Ruf als „Witwenmacher“ weg. Erst 1987 endete für die Bundeswehr die Starfighter-Ära. Neben Korruptionsgerüchten steht der Starfighter nach wie vor für eine der größten Krisen in der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Für Helmut Sautter haben diese Ereignisse um Major Klaus Heinrich Lehnert nun ein Gesicht bekommen. So nahm er Kontakt mit dessen Nachfahren auf, die ihm Fotos und Dokumente schickten. Sie zeigen den Piloten privat, aber auch im Einsatz. Was ihn besonders schockierte: Lehnerts Ehefrau hatte bereits ihren ersten Mann im Zweiten Weltkrieg verloren und musste auch diesen Verlust hinnehmen. „Es war eigentlich der tragischste Starfighter-Absturz“, sagt Helmut Sautter, den die Ursachensuche nicht loslässt. So hat er sich Zeitschriften, Magazine und Zeitungen aus der damaligen Zeit besorgt, um mehr zu erfahren. Während das Magazin „Stern“ aus dem Jahr 1965 einen Fehler in der Sauerstoffversorgung nennt, spricht der „Spiegel“ in seiner im Januar 1966 erschienenen Titelstory „Die Starfighter-Affäre“ auch von menschlichem Versagen. „Das Wartungs- und Servicepersonal der noch jungen Bundeswehr war mit diesem hochmodernen Fluggerät einfach total überfordert“, vermutet Helmut Sautter. Die Maschine habe eben jeden noch so kleinen Fehler des Piloten und der Technik nicht verziehen. Laut Bild-Zeitung von 1965 könnte es aber auch ein Herzschlag gewesen sein, der Lehnert während des Flugs das Leben kostete.

2015 stand das Schicksal von Piloten wie Klaus Heinrich Lehnert auch im Mittelpunkt des Fernsehdramas „Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern“, unter anderem mit Frederick Lau und Walter Sittler. Es handelt nicht nur vom Absturz des fiktiven Piloten Harry Schäfer, der tödlich verunglückt, sondern auch vom erfolgreichen Kampf seiner Witwe auf Entschädigung – und zwar gegen ein scheinbar übermächtiges Bündnis aus Politik, Militär und Wirtschaft. Der Film, der auch Sautter begeisterte, ist außerdem mit einer der bislang schlimmsten Flugzeugkatastrophen in Deutschland verbunden: Er sollte nämlich samt anschließender Dokumentation ursprünglich am 2. April 2015 ausgestrahlt werden. Nach dem Germanwings-Absturz in den französischen Alpen am 24. März 2015 wurde er aber aus Respekt vor den Hinterbliebenen verschoben und war erst im November 2015 bei RTL zu sehen.

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