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Soziales

Frauen für Frauen schlagen Alarm

Gewaltopfer aus dem Frauenhaus finden keine Wohnungen und landen teilweise im Obdachlosenheim „Riedle“

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Die Adresse des Frauenhauses ist anonym – eigentlich. Falls einer der gewalttätigen Partner doch die Adresse herausbekommen sollte, können sich die Frauen mit ihren Kindern in einen Schutzraum flüchten. Dort gibt es Telefon und einen Notfallknopf, mit dem sie die Polizei alarmieren können. Fotos: Holm Wolschendorf
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Ludwigsburg. „Wir stehen vor drängenden Problemen“, warnt Adelheid Herrmann, Leiterin des vom Verein Frauen für Frauen getragenen Beratungszentrums für Häusliche Gewalt. Der Mietwohnungsmarkt in Ludwigsburg und Umgebung ist schwer umkämpft. Frauen, die zunächst im Frauenhaus Zuflucht gefunden haben, können in der Regel aus triftigen Gründen nicht mehr zurück in ihre Wohnung. Doch auf dem freien Wohnungsmarkt eine neue Bleibe zu finden, ist nicht einfach für sie. „Unsere Klientinnen haben alle Stigmata“, erklärte Herrmann. „Frauen und Kinder brauchen adäquaten Folgewohnraum“, fordert sie deshalb. „Wir haben eine Verantwortung gegenüber Gewaltopfern.“

Das Problem nach der Zeit im Frauenhaus eine Wohnung zu finden, ist nicht neu. Schon vor 25 Jahren sei es eine Herausforderung gewesen. Bisher galt die Abmachung, dass keine Frauen aus dem Frauenhaus in die männerdominierte Obdachlosenunterkunft ins „Riedle“ geschickt werden. Dies konnte zuletzt jedoch nicht immer verhindert werden. Eine fatale Entwicklung findet Adelheid Herrmann und schlägt Alarm. „Die Frauen kommen als Gewaltopfer nicht aus dem Obdachlosenmilieu.“ Die Unterbringung im Riedle sei widersinnig, berge Gefahren: „Die Frauen rutschen ab“, warnt Herrmann. Die Unterbringung im Frauenhaus ist über Tagessätze durch das Jobcenter finanziert. Der Verein Frauen für Frauen muss diesem gegenüber die Aufenthaltsdauer der Frauen rechtfertigen – sonst bleibt der Verein auf den Kosten sitzen. Eine längere Unterbringung über den eigentlichen Bedarf der Frauen und ihrer Kinder hinaus geht also sonst zulasten des Vereins. Ohnehin ist das Frauenhaus, das Platz für insgesamt 15 Personen bietet – also acht Frauen und ihre Kinder – und das Einzige im Kreis Ludwigsburg ist, ausgelastet. Es kommt vor, dass Frauen abgewiesen werden müssen. „Alle sehen das Problem – und sind ratlos“, so Herrmann.

Es sind nicht nur die Sorgen und Nöte von Frauen, die den Verein Frauen für Frauen in vielfacher Hinsicht umtreiben. Neben dem Frauenhaus unterhält der Verein auch verschiedene Beratungsangebote. In diesem Monat endet nach drei Jahren die Beratung für Frauen in finanziellen Notlagen. Trotz der großen Nachfrage konnte nach der dreijährigen Förderphase durch die Fernsehlotterie die Anschlussfinanzierung nicht sichergestellt werden. Die Fachberatungsstelle für sexualisierte Gewalt ist die Einzige ihrer Art im Landkreis. Das Angebot gibt es seit 1994, es ist etabliert, die Stelle ist gut ausgelastet. Trotzdem sah sich der Verein jetzt gezwungen, die Stelle von 50 auf 30 Prozent zu reduzieren, denn die Zuschüsse der Stadt Ludwigsburg allein reichen einfach nicht aus. Dabei ist der Bedarf eher steigend.

„Ein großes Thema, das jetzt auf uns zukommt, sind die mehrfach traumatisierten Flüchtlingsfrauen“, so Arezoo Shoaleh, Sozialarbeiterin und Trainerin für interkulturelle Kommunikation bei Frauen für Frauen. Auch Frauen, die Opfer einer K.O.-Tropfen-Attacke geworden sind, finden dort immer häufiger Hilfe, bis sie einen Platz zur Traumatherapie bekommen.

Herrmann und Shoaleh schilderten diese Problematik auch Bürgermeister Konrad Seigfried und den Stadträten im Sozialausschuss des Gemeinderats. Doch dort konnten sie keineswegs eine Zusage mitnehmen, dass im kommenden Haushaltsjahr die Zuschüsse aufgestockt werden. „Wir können Ihnen nicht pauschal Hoffnung auf Aufstockung der Finanzen machen“, sagte beispielsweise Gabriele Moersch (Freie Wähler). Elfriede Steinwand (Grüne) brachte die Beteiligung des Kreises an der Beratungsstelle für Häusliche Gewalt ins Spiel: „Woher kommen die Frauen?“ Schließlich handele es sich um eine kreisweit tätige Einrichtung, da könnten andere Kommunen durchaus einen Beitrag leisten. Auch Claus-Dieter Meyer (CDU) sieht den Kreis in der Pflicht, vor allem, wenn Flüchtlingsfrauen betroffen sind, für deren Betreuung der Kreis zuständig ist. Andere Töne kamen von der SPD: „Ich bin erstaunt, mit wie wenig Zuschüssen Sie überhaupt auskommen“, so Ulrike Faulhaber.

 

Dreharbeiten im neuen Schutzraum

Das Ludwigsburger Frauenhaus hat als Einziges seiner Art in Baden-Württemberg einen Schutzraum für Frauen eingerichtet. Der Trägerverein Frauen für Frauen hat in Kooperation mit dem Polizeipräsidium Ludwigsburg und finanzieller Unterstützung von öffentlicher Hand ein neues Schutzkonzept entwickelt. Sollte es dem Verfolger gelingen, das videoüberwachte Frauenhaus aufzuspüren, können sich die betroffenen Frauen und Kinder in einen sicher verschließbaren Schutzraum flüchten. Dort gibt es eine Notrufeinrichtung, von der aus sie die Polizei alarmieren können. Damit sollen die Frauen sich noch sicherer fühlen können.

Mit diesem Projekt nimmt der Ludwigsburger Verein Frauen für Frauen einmal mehr eine Vorreiterrolle im Land ein. Bisher setzen die Frauenhäuser in Deutschland auf Anonymität. Doch die ist immer wieder in Gefahr, vor allem, wenn die Adressen seit längerer Zeit bekannt sind. In den Niederlanden geht man andere Wege: Sichtbar, sicher und selbstbestimmt – unter diesem Motto funktioniert das sogenannte Oranje Huis. In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits erste Versuche, das Konzept der Niederländer zu übertragen. Adelheid Herrmann hat sich vor Ort über das Konzept der Oranje Huis informiert, bevor der Schutzraum im hiesigen Frauenhaus eingerichtet wurde.

Gestern war ein Filmteam des Südwestrundfunks zum Drehen vor Ort; heute soll der Beitrag um 19.30 Uhr in der Landesschau aktuell zu sehen sein. (sts)