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„Frauen trifft die Krise härter“

DGB und Verbände demonstrieren auf dem Rathaushof: Gleichberechtigung angemahnt

„Solidarität ist Zukunft“: Für mehr Zusammenhalt gehen Gewerkschaften, Parteien und Verbände auf die Straße. Fotos: Ramona Theiss
„Solidarität ist Zukunft“: Für mehr Zusammenhalt gehen Gewerkschaften, Parteien und Verbände auf die Straße. Foto: Ramona Theiss
„Der 1. Mai gehört auf die Straße“: IG Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger am Mikrofon.
„Der 1. Mai gehört auf die Straße“: IG Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger am Mikrofon.

Ludwigsburg. Etwa 100 Menschen sind am Samstagmittag auf den Rathaushof gekommen. Der Ludwigsburger Kreisverband des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) demonstriert am Tag der Arbeit unter dem Motto „Solidarität ist Zukunft“ für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Coronakrise – in Ludwigsburg wie in zahlreichen Städten. Allein in der Region Nord-Württemberg fanden 13 Kundgebungen statt. Im vergangenen Jahr hatte der DGB wegen des Pandemieausbruchs auf Demonstrationen verzichtet, damals stimmten 2000 Gewerkschafter im Internet Arbeiterlieder an.

„Wir müssen unsere Positionen

in der Öffentlichkeit vertreten“

Eine gelungene Aktion, sagt Gastredner Roman Zitzelsberger, als er zum Mikrofon greift. In diesem Jahr wolle man aber bewusst Präsenz zeigen. „Der 1. Mai gehört nicht ins Wohnzimmer, sondern auf die Straße“, betont der Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. „Wir müssen unsere Positionen nicht im Internet, sondern in der Öffentlichkeit vertreten.“

Das Gesundheitsamt und die Stadtverwaltung in der Folge hatten die angemeldete Teilnehmerzahl wegen der hohen Covid-19-Infektionszahlen von 300 auf 100 Personen reduziert. An dem Samstag stand die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis auf 195,8, in der Stadt Ludwigsburg auf 220,1. Der DGB-Kreisverband kritisierte diese Entscheidung, da es solch eine Begrenzung in anderen Städten nicht gegeben hatte und zog einen Eilantrag vor Gericht in Erwägung, sah von diesem letzten Schritt aber schließlich ab. Tatsächlich haben sich an diesem regnerischen Samstag maximal 100 Personen auf dem Rathausplatz versammelt. Alle tragen Masken, die Abstände werden eingehalten. Die Polizei hält sich zurück, die Demonstration zum Tag der Arbeit kann wie geplant ablaufen.

Zitzelsberger ruft seine Zuhörer ausdrücklich dazu auf, sich an die Hygienevorschriften zu halten und sich auch so von Kundgebungen der Coronaleugner abzugrenzen. In dieser Bewegung habe sich längst eine gefährliche Mischung aus Rechtsextremen, Reichsbürgern und Impfgegnern vereinigt, so Zitzelsberger, auch die AfD habe sich angeschlossen. Kritik an der staatlichen Coronapolitik sei zulässig und erwünscht. „Aber wer da mitläuft, kritisiert nicht die staatliche Autorität und kämpft nicht für Grundrechte“, so der IG-Metall-Landeschef. „Er verhält sich unsolidarisch und rücksichtlos, nimmt den Tod Tausender Menschen billigend in Kauf.“

Laut Zitzelsberger hat die Pandemie die gesellschaftliche Ungleichheit verschärft. „Es ist schwieriger geworden, aus der Armut rauszukommen. Und Frauen trifft die Krise noch härter.“ Denn Frauen müssten Kinder erziehen, Angehörige pflegen, Hausarbeit erledigen – und das Homeoffice komme noch obendrauf. „Wir sind beim Thema Gleichberechtigung noch lange nicht so weit, wie wir gerne denken“, sagt Zitzelsberger. Seine Forderung: Das Verhältnis zwischen Lohnarbeit einerseits sowie Sorge-, Pflege- und Familienarbeit muss völlig neu bewertet werden, „wir müssen die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen endlich beseitigen“.

„Gesundheitsvorsorge muss zurück

in die öffentliche Hand“

Aus Sicht des zweiten Gastredners Paul Schobel, ehemaliger Betriebsseelsorger, wird die Coronapandemie nicht zuletzt auf dem Rücken der Pflegekräfte ausgetragen. „Sie sind am Ende ihrer Kräfte“, so Schobel. Im Gesundheitswesen werde unter betriebswirtschaftlichen Aspekten über menschliches Leben oder Sterben entschieden. Seine Schlussfolgerung: „Das Gesundheitswesen hat am freien Markt nichts verloren und muss in die öffentliche Hand zurückgeführt werden.“

Nach einer guten Stunde zerstreut sich die Menge. Stefano Purificato, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands Ludwigsburg, zieht trotz der erschwerten Bedingungen eine positive Bilanz. „Wir konnten auf wichtige Themen wie prekäre Arbeitsverhältnisse, Kurzarbeit oder die schwierige Lage von Selbstständigen hinweisen.“ Landeschef Zitzelsberger hofft, dass zum letzten Mal mit Hygienevorschriften demonstriert wurde. „Nächstes Jahr können wir wieder in großer Rund eine Halbe trinken und eine Bratwurst essen, auch das ist der 1. Mai.“

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