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Freikauf von der Gratulationspflicht

Wenn ein neues Jahr beginnt, ist es guter Brauch, seinen Mitmenschen Glück zu wünschen. Das kann je nach Größe des Familien- und Bekanntenkreises eine recht langwierige Sache werden, wenn die Neujahrsgrüße allen persönlich oder per Brief überbracht werden sollen. Erleichterung versprachen hier die Ende des 19. Jahrhunderts gängigen Neujahrswunschenthebungskarten.

Die Liste der Spender: Die Namen derjenigen, die eine Karte gekauft und somit etwas für den sozialen Zweck getan haben, werden publikumswirksam in der Zeitung veröffentlicht. Hier ist das Inserat im Neckar- und Enzboten von 1934 zu sehen. Foto: Ramon
Die Liste der Spender: Die Namen derjenigen, die eine Karte gekauft und somit etwas für den sozialen Zweck getan haben, werden publikumswirksam in der Zeitung veröffentlicht. Hier ist das Inserat im Neckar- und Enzboten von 1934 zu sehen. Foto: Ramona Theiss

Besigheim. „Diese Karten befreiten von der Pflicht, allen Verwandten, Bekannten, Kollegen und Vorgesetzten briefliche Neujahrsglückwünsche zu übermitteln“, erzählt Sandy Richter. Die Besigheimer Stadtarchivarin hat in den Beständen einige Exemplare solcher Neujahrswunschenthebungskarten entdeckt, die auch unter anderen, ebenfalls recht sperrigen Namen bekannt waren: Neujahrswunschentschuldigungskarte oder Neujahrsgratulationsbefreiungskarte sowie -enthebungskarte. Der Zweck war bei allen Karten der gleiche: Sie machten das individuelle Briefeschreiben überflüssig. Wie die Stadtarchivarin mitteilt, haben sich solche Karten seit 1814 verbreitet und hielten sich mancherorts bis in die 1930er Jahre. „Bis heute wird der Brauch gelegentlich wiederbelebt“, sagt Richter und verweist auf die Innsbrucker Glückwunschkarte, die es seit 2016 gibt.

Die erste Dokumentation der Enthebungskarten im Besigheimer Stadtarchiv stammt vom Jahreswechsel 1879/80. „Die Entschuldigungskarten waren eine kommunale Angelegenheit. Zum Kauf eingeladen wurde durch die Gemeinde oder Stadt.“ In der Zeitung wurde verkündet, wann die Karten gekauft werden konnten. Gegen eine Gebühr, und gegebenenfalls mit einer darüber hinausgehenden Spende, konnte man sich damit freikaufen von der persönlichen Gratulationspflicht. „Die Besigheimer Honoratioren und jeder, der etwas auf sich hielt, haben das gemacht“, erzählt Sandy Richter. Nicht nur von Besigheimern, wie etwa Dekan Dr. Max Sting und seiner Frau, sind Karten im Archivfundus aufbewahrt, sondern auch von Menschen aus den umliegenden Gemeinden – beispielsweise von Carl Gottlob Raithelhuber (siehe Fotos oben). Auf seiner Karte aus dem Jahr 1892 ist außer dem Firmennamen „Raithelhuber, Bezner & Co. Papierfabrik“ auch der Ortsname Kirchheim vermerkt. Manche der Karten wirken wie Visitenkarten, andere sind noch einfacher – lediglich ein kleines Stückchen Papier. Die Optik variierte stark, in anderen Ortschaften seien beispielsweise Künstler gefragt worden, ob sie die Karten verschönern wollten.

Die Karten wurden im Rathaus verkauft. Im Jahr 1932 kosteten sie eine Reichsmark. Wer wollte, konnte noch zusätzlich etwas spenden. Letzteres sei überaus erwünscht gewesen, sagt Richter. Denn der Betrag habe der Wohltätigkeit in der Stadt gedient: Die dadurch eingenommenen Gelder flossen in die Armenkasse – „meist zum Holzkauf für die Armen der Gemeinde“. Es blieb auch nicht verborgen, wer auf diese Weise etwas Gutes tat: „Die Liste der Einzahler beziehungsweise der Spender, meist angeführt von den Bürgermeistern und den Honoratioren der Stadt, wurde publikumswirksam in der Presse veröffentlicht.“ Aus den Anfangsjahren ist in den Archivbeständen auch eine Namensliste vorhanden von denjenigen, die von den Spenden profitiert haben.

Doch es gab auch Jahre, in denen weniger Karten verkauft wurden und somit entsprechend wenig Geld eingenommen wurde. Als Beispiel nennt die Stadtarchivarin den Jahreswechsel 1928/29. In dem Gemeinderatsprotokoll vom 29. Dezember 1928 ist zu lesen: „Für Lösung von Neujahrswunschenthebungskarten von 1929 gingen nur 155 Reichsmark ein, gegenüber 177 Reichsmark im letzten Jahr und 203 Reichsmark für 1926. Um die hiesigen Bedürftigen wie seither wenigstens einigermaßen mit einer angemessenen Gabe erfreuen zu können, beschließt der Gemeinderat auf Antrag des Vorsitzenden: obigen Betrag auf 200 Reichsmark aus Mitteln der Stadtkasse zu erhöhen, also aus dieser 45 Reichsmark zuzuschießen. Die Verteilung dieser 200 Reichsmark auf die Bedürftigen der Stadt wird vom Gemeinderat sofort vorgenommen.“

Die Möglichkeit, sich durch den Kauf solch einer Karte von der persönlichen Gratulationspflicht zu befreien, endete im Jahr 1936. Wie Richter erklärt, wurden die Karten im Nationalsozialismus verboten zugunsten des „Winterhilfswerks des Deutschen Volkes“.

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