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Frieden nur mit Worten

Das deutsch-syrische Künstlerkollektiv Literally Peace baut Wortbrücken zwischen den Kulturen

Haben noch so einige Projekte in Planung: Das Künstlerkollektiv um Maria Tramountani (Mitte). Foto: Literally Peace/p
Haben noch so einige Projekte in Planung: Das Künstlerkollektiv um Maria Tramountani (Mitte). Foto: Literally Peace/p

Stuttgart. Eine Begegnung reichte, um ihr Leben zu verändern. So jedenfalls beschreibt es die 30-jährige Stuttgarterin Maria Tramountani, Gründerin des jungen Künstlerkollektivs Literally Peace – zu Deutsch: wortwörtlich Frieden. Das war damals, 2016, in Barcelona, als sie bei einem internationalen Schreibwettbewerb den jungen Syrer Hazem Raad traf. Er konterkarierte ihre Vorstellungen vom „klassischen Kriegsopfer“, erzählt sie in unserem Gespräch am Telefon, und eröffnete ihr eine neue Sicht auf das Leben der Menschen in Syrien. Seither widmet sie sich zusammen mit mittlerweile rund 20 weiteren engagierten Künstlern bei Literally Peace dem Austausch und Zusammenwachsen der Kulturen.

Frieden schaffen ohne Waffen. Diesen Slogan formulierten 1982 Robert Havemann und Rainer Eppelmann in ihrem berühmten „Berliner Appell“, damals an die Regierung der DDR. Frieden schaffen mit Worten. So könnte man heute, fast 40 Jahre später und freilich plakativ formuliert, das Motto von Literally Peace zusammenfassen. Doch die junge Gruppe von vorwiegend deutschen und syrischen Künstlern führt tatsächlich einen sehr lebendigen transkulturellen Dialog für den Weltfrieden, mit unterschiedlichsten Akteuren und Aktionen. So lasen sie zuletzt – Corona geschuldet nur virtuell – unter dem Titel „Zukunft in Zeiten von Krieg und Frieden“ bei den diesjährigen Stuttgarter „Internationalen Wochen gegen Rassismus“. Zugeschaltet unter anderem aus Berlin, Wuppertal und Damaskus, trugen die sechs Autoren dort ihre poetischen und politischen Texte auf Deutsch, Syrisch-Arabisch und Englisch vor. Und standen am Ende – wie stets an solchen Abenden – trotz oft beträchtlicher räumlicher Distanzen auf einer gemeinsamen Bühne in ihrem geeinten Streben nach Frieden.

Neben Lesungen, die durchaus auch musikalisch unterlegt werden und zu denen Literally Peace seit der Gründung am 1. April 2017 mittlerweile regelmäßig eingeladen wird, entwickelt das Kollektiv durch die künstlerische Vielfalt seiner Mitglieder immer wieder neuartige Projekte. So entstand im Sommer 2019 mithilfe zweier junger Filmemacher aus Deutschland und Syrien ein Kurzfilm, in dem ein gemeinsam verfasster Text zum Thema Heimat von verschiedenen Wortkünstlern an unterschiedlichsten Orten vorgetragen wurde, zum Beispiel in der Innenstadt von Damaskus und entlang der Baustelle von „Stuttgart 21“.

Mit Stolz erzählt die in Remseck aufgewachsene Maria Tramountani auch von der Ausstellung, die ebenfalls 2019 im Bad Cannstatter Kulturkabinett gezeigt wurde. Hier konnten die Besucher Bilder von Künstlern sehen, die sich mit Themen wie Frieden, Toleranz und Vielfalt auseinandersetzten, woraus wiederum Texte entstanden – und umgekehrt. Und aktuell, verrät Tramountani, probe ein Teil des Vereins, wenn auch derzeit durch Corona ausgebremst, für ein Tanztheater, das diesen Sommer aufgeführt werden soll. Auch eine Schreibwerkstatt und Workshops in Deutschland und Syrien, online und vor Ort, solle es künftig geben unter dem Motto „Worte der Hoffnung – Words of Hope“.

Und der umfangreiche Autoren-Blog, der sich auf der Website des Kollektivs findet und mit dem vor vier Jahren alles begann? „Die Textbeiträge wachsen stetig“, bestätigt Tramountani, die Interkulturalität und Integration studierte und heute beim Landesjugendring Baden-Württemberg unter anderem Projekte mit jungen Geflüchteten betreut. Wenn sie auf die folgenreiche Begegnung mit Mitbegründer Hazem Raad in Barcelona zurückblickt, schildert sie ihr persönliches Aha-Erlebnis von damals so: „Als Helfender und Hilfesuchender ist es immer schwierig mit der Augenhöhe“. Will heißen: Sie war es gewohnt, Menschen aus Kriegsgebieten vor allem als Opfer zu sehen, die Hilfe benötigen – und sich selbst als Helfende. „Dass Hazem neben allem Krieg und Schrecken so viel mehr von seinem Leben zu berichten hatte, von seinen ganz persönlichen Hoffnungen, Perspektiven und Träumen, veränderte mein Denken. Das möchte ich an andere Menschen weitergeben.“

Das tut sie, gemeinsam mit ihren Mitstreitern, jeden Tag aufs Neue: Literally Peace baut Wortbrücken zwischen den Kulturen, mit denen sich die Entfernung von Stuttgart nach Damaskus und zurück mitunter wie ein Katzensprung anfühlt.

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