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Fühlen sich von Politik kaum gehört

Die Pandemie hat auch Werkstätten für Menschen mit Behinderungen vor große Herausforderungen gestellt. Noch immer müssen sie ihre Beschäftigten schützen und gleichzeitig Produktionsaufträge erfüllen.

Hinten von links: Der Geschäftsführer der Theo-Lorch-Werkstätten Stefan Wegner, Pfarrer Friedhelm Nachtigal, die Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg Annette Noller sowie Rainer Bauer von der Diakonischen Bezirksstelle Marbach. An
Hinten von links: Der Geschäftsführer der Theo-Lorch-Werkstätten Stefan Wegner, Pfarrer Friedhelm Nachtigal, die Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg Annette Noller sowie Rainer Bauer von der Diakonischen Bezirksstelle Marbach. An dem Pressegespräch in Großbottwar nahmen auch drei Beschäftigte teil (in der Mitte von links): Leonie Haußner, Ismail Ay und Marcel Weller. Foto: Andreas Becker

Großbottwar/Kreis Ludwigsburg. Bei einem Pressegespräch anlässlich der Woche der Diakonie hat der Geschäftsführer der Theo-Lorch-Werkstätten, Stefan Wegner, einen Einblick in die Arbeit unter Pandemiebedingungen gegeben. Die nach einem ehemaligen Leiter der Ludwigsburger Karlshöhe benannten Werkstätten sind eine gemeinnützige GmbH, die an vier Standorten im Kreis Werkstätten mit Arbeits- und Betreuungsplätzen für Menschen mit Behinderung unterhält, darunter Großbottwar. Derzeit haben die Theo-Lorch-Werkstätten rund 850 Beschäftigte, das heißt Menschen mit Behinderung, sowie rund 250 weitere Mitarbeiter.

Zu Beginn der Pandemie habe man sich vor allem gefragt: „Warum hören wir nichts?“ Denn während die Politik laut Stefan Wegner über Schulschließungen diskutierte, habe sie Menschen mit Behinderung nicht auf dem Schirm gehabt. Zwar sei am Ende doch ein Betretungsverbot für Einrichtungen wie ihre erlassen worden, doch nach wie vor zögere die Politik bei wichtigen Themen. „Auch der Einsatz von mobilen Impfteams kam erst sehr spät durch unsere Bemühungen über sämtliche Kanäle zustande“, so der Geschäftsführer. Inzwischen laufe es aber hervorragend: In den Theo-Lorch-Werkstätten werden diese und kommende Woche die Zweitimpfungen verabreicht.

Derzeit gestaltet sich der Arbeitsalltag noch sehr aufwendig: Das Mittagessen findet in bis zu 16 Schichten statt, das Schutzkonzept gleicht laut Stefan Wegner inzwischen einer Doktorarbeit, und die Kosten für Hygiene bewegen sich im sechsstelligen Bereich. Aktuell ist in der Produktion nur ein Schichtbetrieb möglich, in dem aber bei weitem nicht alle eingeplant sind. „Für die Beschäftigten fiel von heute auf morgen die gewohnte Tagesstruktur weg“, so Stefan Wegner über den Lockdown. Er befürchtet auch Langzeitfolgen, etwa dass Fähigkeiten verloren gehen.

Neben der menschlichen ist da auch noch die wirtschaftliche Seite: Die Werkstätten haben Aufträge von Unternehmen, die erfüllt werden müssen. In der Pandemie seien davon 30 Prozent weggefallen, die verbleibenden habe man erfüllen können, wenn auch mit Verzögerung. Trotz Aufwärtstrend hat Stefan Wegner noch immer Sorgen. Denn die Löhne der Beschäftigten werden durch die Produktion bezahlt, der Puffer ist inzwischen aufgebraucht. Zudem laufen derzeit noch Verhandlungen mit dem Kostenträger des Arbeitsbereichs, dem Landkreis Ludwigsburg. Laut der Pressesprecherin der Theo-Lorch-Werkstätten, Isabell Brando, will man gemeinsam eine gute Lösung finden, da die finanziellen Rückforderungen des Landkreises berechtigt seien.

Die Löhne der Beschäftigten in den Theo-Lorch-Werkstätten liegen laut dem Geschäftsführer über dem Bundesdurchschnitt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen beruft sich auf eine Statistik des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, der zufolge das durchschnittliche monatliche Arbeitsentgelt eines Werkstattbeschäftigten im Jahr 2019 etwa 207 Euro betrug. In diesem Betrag enthalten sind 52 Euro Arbeitsförderungsgeld. Man müsse aber berücksichtigen, so Stefan Wegner, dass die Beschäftigten nicht ständig arbeiten, sondern etwa auch Bildungsangebote in Anspruch nehmen, und gegebenenfalls auch noch Grundsicherung erhalten. Er begrüße aber, dass das Gesamtsystem auf Bundesebene optimiert werden soll.

Beim Gespräch gaben auch Beschäftigte Einblicke in ihr Leben in der Pandemie. Für Leonie Haußner war es schwierig, dass man nicht so viel machen und sie nicht wie gewohnt ihre Oma im Pflegeheim besuchen konnte. „Ich habe mich gefreut, als wir den Anruf gekriegt haben und die Freunde und Kollegen mal wieder sehen konnten“, beschrieb Marcel Weller die Rückkehr in die Werkstatt. Für die Gesellschaft wünscht sich Ismail Ay vor allem eines: „Mehr Geduld miteinander.“

INFO: Die Woche der Diakonie, eine der größten Spendenaktionen in Baden-Württemberg, findet vom 13. bis zum 20. Juni statt. Nähere Informationen dazu sowie zur Arbeit der Diakonie und zum Thema Inklusion in der Coronazeit gibt es in unserer morgigen Ausgabe.

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