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Gas geben und bremsen zugleich

Die Schusterbahn könnte über Kornwestheim nach Ludwigsburg und Markgröningen verlängert, die S-Bahn-Linie 5 über Bietigheim hinaus nach Vaihingen und Mühlacker geführt werden. Doch in der Region zeichnet sich eine Politik der zwei Geschwindigkeiten ab.

Insiderbähnle im Kornwestheimer Bahnhof: In 15 Minuten fährt die Schusterbahn nach Untertürkheim. Archivfoto: Ramona Theiss
Insiderbähnle im Kornwestheimer Bahnhof: In 15 Minuten fährt die Schusterbahn nach Untertürkheim. Foto: Ramona Theiss

Kreis Ludwigsburg. Über ihren Status als Insiderbähnle ist die Schusterbahn zwischen Untertürkheim und Kornwestheim in den vergangenen Jahren nie hinausgekommen. Wo früher Tausende Arbeiter zum Salamanderwerk fuhren, sind heute sechs Zugpaare morgens und abends unterwegs. Seit Monaten versuchen allerdings drei Fraktionen in der Region, die Schusterbahn wachzuküssen und sie zu einer Tangentiale auszubauen, die auf der einen Seite bis Ludwigsburg und Markgröningen führt und auf der anderen Seite in den Kreis Esslingen. Alternativ könnte sie nach der Vorstellung von Grünen, SPD und Linken/Pirat auch in Richtung Bietigheim statt Markgröningen als Teil einer Express-S-Bahn gelenkt werden. Der Tenor: Hauptsache, es geht schnell.

Nach einer Klausurtagung der Region ist die Dreiergruppe ihrem Ziel offenbar näher gekommen. Einstimmig hat sich der Verkehrsausschuss am frühen Mittwochabend entschieden, den Ausbau der Schusterbahn voranzutreiben. „Wir haben den Schuss gehört“, sagte der regionale Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler und versprach, nun Dampf zu machen. Gespräche mit dem Stadtbahnzweckverband in Ludwigsburg, der die stillgelegte Markgröninger Bahn reaktivieren will, und dem Land seien angelaufen. Allerdings müssten noch Untersuchungen entlang der Strecke und eine detaillierte Betrachtung des Bahnhofs in Ludwigsburg folgen. Wurmthaler: „Das schüttelt man nicht so einfach aus dem Ärmel.“

Die Befürworter in der Region verweisen darauf, dass die Fördermöglichkeiten für die Schusterbahn gerade so günstig sind wie noch nie. Das gilt auch für die Markgröninger Bahn. Tatsächlich sieht eine Potenzialanalyse des Landes beide Strecken bei den Fahrgästen weit vorne. „Wir dürfen die Hände jetzt nicht in den Schoß legen, denn dann ist der Zug vielleicht schon abgefahren“, sagte der neue Fraktionschef der Regio-SPD, Thomas Leipnitz, im Ausschuss. Ähnlich äußerten sich die Linken.

Auf wen sie anspielen: CDU, Freie Wähler und FDP. Dabei gehörten die Liberalen zu Jahresbeginn noch zur Koalition der Willigen. Die FDP sprach sich am Mittwoch aber dafür aus, sich mehr Zeit für Untersuchungen zu nehmen. „Wir stehen zur Schusterbahn, aber wir wollen keinen Schnellschuss“, so die Stuttgarterin Gabriele Heise. Die CDU plädiert dafür, „einen vernünftigen Schritt nach dem anderen zu gehen“. Sie führte auch die „dramatischen Fahrgasteinbrüche und Einnahmeausfälle“ beim ÖPNV während der Pandemie ins Feld.

Der Freie Wähler Bernhard Maier warb dafür, jetzt „Atem zu schöpfen“, bevor weitere Ausbauvorhaben angegangen werden. Maier erinnerte daran, dass in den kommenden Jahren mehr als eine Milliarde Euro in den Ausbau der S-Bahn gesteckt werde. Als Beispiele nannte er den elektronischen Lotsen ETCS, neue Züge und engere Takte. „Vieles ist noch nicht finanziert.“ Auch auf die Landkreise würden Belastungen zukommen.

Der Verband will jetzt Grundlagen schaffen, um in weitere Gespräche mit dem Land einzusteigen. Im Anschluss soll auf der Schusterbahn ein Nutzen-Kosten-Verhältnis ermittelt werden.

So weit sind die Beteiligten bei der Verlängerung der S-Bahn-Linie 5 über Bietigheim und Vaihingen nach Mühlacker in den Enzkreis noch lange nicht. Was beide Projekte aber gemeinsam haben: eine Region der zwei Geschwindigkeiten.

Der Verkehrsdirektor Wurmthaler hält eine Umsetzung dieses Projektes nicht vor 2035 für realistisch. Das sehen Grüne, SPD und Linke/Pirat anders. „Eine Verlängerung der S5 ist die mit großem Abstand aussichtsreichste Linienverlängerung im ganzen S-Bahn-Netz“, sagte der Stuttgarter Grüne Michael Lateier im Ausschuss. So steht es auch in einem gemeinsamen Antrag der drei Fraktionen. 2035 ist ihnen deutlich zu spät.

Druck machen seit langem auch zwei Bürgermeister aus dem Kreis, der Sachsenheimer Holger Albrich und der Sersheimer Jürgen Scholz, dessen Kommunen an der Trasse liegen. „Es kann nicht weiter hingenommen werden, dass andernorts neue Bahnstrecken und kürzere Taktungen umgesetzt werden, aber nicht bei uns, wo der Bedarf und das Potenzial der S5-Verlängerung eindeutig belegt wurden“, so der Sersheimer Scholz.

Die konservativen Parteien in der Region sehen jedoch das Land in der Pflicht, die Raumschaft nach Inbetriebnahme von Stuttgart21 in vier Jahren mit zusätzlichen Regionalzügen auszustatten. Der Freie Wähler Maier bewertet es als „strategisch falsch“, jetzt schon eine S-Bahn zu planen, die über die Region hinausreicht, bevor das Land ein Angebot gemacht habe.

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