Logo

Gegen den Strich gebürstet

Die Galerie der Stadt Backnang zeigt einige der bestechenden Linolschnitte von Uta Zaumseil

Weit oben über den Lichtern einer Großstadt: „Nachtflug“ von Uta Zaumseil. Foto: privat
Weit oben über den Lichtern einer Großstadt: „Nachtflug“ von Uta Zaumseil. Foto: privat

Backnang. Im ersten Moment könnte man glauben, nachts im Wald zu stehen. Zumindest die diffusen, in der Dunkelheit des Hintergrunds verschwindenden Baumstämme lassen diesen Schluss zu. Im Zentrum des Bilds ein Reh vor einem Baum, weiß leuchtend – vielleicht im Schein einer Taschenlampe, vielleicht im Visier eines Nachtsichtgeräts – seine Augen. Es scheint uns nicht zu bemerken. Ein zweites, vom linken Bildrand angeschnitten, wendet seinen scheu-neugierigen Blick hingegen direkt dem Betrachter zu. Zwischen ihnen ragt ein heller Zweig ins Bild, daneben eine Figur, noch dunkler als der Hintergrund und nur durch wenige weiße Konturen überhaupt kenntlich gemacht, die damit beschäftigt scheint, etwas in der Art einer Rettungsfolie auszubreiten. Deren Gelb-, Blau- und Grüntöne finden sich auch in der rechten Bildhälfte wieder, doch die Umgebung kann kaum dieselbe sein: Auf einem von geometrischen, vertikalen Parallelen gegliederten Block scheint etwas zu wachsen – Pilze oder Barhocker, wer weiß das schon so genau? –, darüber hängt ein Spannbetttuch. Am rechten Bildrand zwei Personen, die das Geschehen mit ihren Mobiltelefonen einfangen. Dergestalt rätselhaft präsentiert sich „Mehla Berlin“, einer der jüngsten Linolschnitte der 1962 im thüringischen Greiz geborenen Künstlerin Uta Zaumseil. Kaum weniger mysteriös sind die Sujets der anderen, innerhalb der vergangenen vier Jahre entstandenen Hochdruckarbeiten, die Martin Schick derzeit in der von ihm geleiteten Galerie der Stadt Backnang zeigt. Der Mann, der sich in „Nachtflug“, dem titelgebenden Werk der ungemein sehenswerten Schau, auf einem Bett ausgebreitet hat, scheint bis auf die Schuhe vollständig angekleidet und in seine Lektüre versunken. Allerdings schwebt die Matratze, einem fliegenden Teppich gleich, hoch über den Lichtern einer nächtlichen Großstadt.

Die Gruppe der fünf jungen Männer, die in „Baby you can drive my car“ von hinten auf einem Treppenabgang zu sehen sind, streben einem tieferliegenden Ziel entgegen, das nicht erkennbar ist, denn eine breite gelbe Fläche erlaubt keine weitere Einsicht. Vieles spricht dafür, dass es sich um einen U-Bahn-Eingang handelt – die kleine Extratreppe indes, die die Person im auffällig rot-schwarz-karierten Mantel hinabgeht, ist architektonisch kaum denkbar. „Ich mag absurde Situationen“, sagt die bereits mehrfach mit dem Linolschnittpreis der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen ausgezeichnete Künstlerin. In ihren Hochdruckarbeiten – gleichberechtigt stehen Holzschnitt und Linolschnitt nebeneinander, häufig schneidet sie ihre Motive auch in MDF-Platten – kombiniert Zaumseil Gesehenes und Erlebtes. Skizzen gebe es bei ihr keine, ihre Eindrücke hält sie fotografisch fest – früher mit der Spiegelreflexkamera, heute mit dem Mobiltelefon. „Fotos sind immer die Grundlage“, so Zaumseil. Somit kommt auch eine stimmige Räumlichkeit einzelner Objekte ins Bild, die allerdings meist – weil mehrere fotografische Vorlagen im Spiel sind – sogleich auf Widersprüche trifft.

Gegen den Strich gebürstet wirkt auch ihr handwerkliches Vorgehen: Mit dem Hochdruck bedient sich Zaumseil einer Vervielfältigungstechnik, allerdings zur Herstellung von Unikaten. „Verlorene Platte“ nennt sich das Verfahren, bei dem die hellste Farbe zuerst gedruckt wird, um dann mit jeder weiteren Farbe immer mehr Material vom Druckstock abzutragen. Stellenweise bis zu 45 Farbschichten liegen in Zaumseils auf hauchdünnem Japanpapier gedruckten Arbeiten übereinander. Theoretisch könnten so auch Auflagen gedruckt werden, doch Zaumseil sagt: „Mir geht es um das einzelne Bild – ich möchte gern Überraschungen haben, wenn ich arbeite.“ Stattdessen druckt sie denselben Zustand schon mal, unterschiedlich positioniert und eingefärbt, auf Blätter verschiedener Formate, um zu je anderen Bildfindungen zu gelangen. Kurios sind so gut wie alle. Von einem „Kabinett der Merkwürdigkeiten“ spricht Galerieleiter Martin Schick.

Oft ziehen Repoussoir-Figuren den Betrachter ins Geschehen hinein – Parallelen zu Caspar David Friedrich nicht ausgeschlossen. Tief einzudringen gestatten die Bilder indes nicht, denn der Blick bleibt an den delikaten Schlieren der Farbflächen und der unscharfen Tontrennung ihrer Ränder hängen, die jenseits des Abbildens ein Eigenleben zu führen scheinen. Ihre Farben stellt sie mit Pigmenten selbst her – das Bindemittel bleibt ihr Geheimnis. Kleinformatigere Collagen, „Fingerübungen“ in Worten der Künstlerin, ergänzen die exquisite Ausstellung. Die Bildwelten von Uta Zaumseil sind so enigmatisch wie anziehend.

Info: Die Galerie ist wegen der Coronapandemie derzeit geschlossen. Aktuell wird jedoch eine digitale „Kunstsprechstunde“ angeboten, in der Interessierte per Zoom-Konferenz mit Galerieleiter Martin Schick ins Gespräch kommen können. Anmeldung per E-Mail an galerie-der-stadt@backnang.de. Zudem gibt es einen digitalen Blick in die Ausstellung unter https://youtu.be/VXiiqS-vImo. Die Schau soll bis 24. Mai gezeigt werden.

Autor: