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Golf

Gerlingerin Harm in der Männer-Bastion

Erstmals in der 87-jährigen Geschichte richtet der von Männern dominierte Augusta National Golf Club die Finalrunde eines Damen-Turniers aus. Die Gerlingerin Leonie Harm will dabei sein.

Konzentriert: Leonie Harm hat das Ticket für Augusta.Foto: dpa
Konzentriert: Leonie Harm hat das Ticket für Augusta. Foto: dpa

Augusta.. Vor sechs Jahren schien die Golf-Karriere von Leonie Harm mit einem Schlag beendet zu sein. Bei einem schweren Verkehrsunfall entging sie nur knapp dem Tod. Nun kann die 21-Jährige aus Gerlingen Zeugin einer Zeitenwende sein: Am 6. April wird im elitären Augusta National Golf Club an der Magnolia Lane erstmals die Finalrunde eines Damen-Turniers ausgespielt.

Leonie Harm ist eine von 72 Spielerinnen, die bei der Augusta National Women’s Amateur Championship starten, quasi als Vorprogramm, denn Tiger Woods und Co. spielen wenige Tage später um den Masters-Titel und das berühmte grüne Jackett. Nur die besten 30 Amateur-Golferinnen qualifizieren sich für den Schlusstag auf dem wohl bekanntesten Golfplatz der Welt im US-Bundesstaat Georgia, wo bis 2012 ausschließlich Männern das Privileg vorbehalten war, den weißen Ball über die Spielbahnen zu schlagen.

An jenen Morgen des 3. Mai 2013, an dem der schreckliche Unfall passierte, hat Leonie Harm nur noch bruchstückhafte Erinnerungen. Vor der Schule bricht sie zum Joggen auf. Als die talentierte Golferin eine Hauptstraße überquert, wird sie frontal von einem Auto erfasst – mit rund 70 Stundenkilometern.

Im Krankenhaus versetzen die Ärzte die damals 15-Jährige in ein künstliches Koma. Ihre Überlebenschancen bezeichnet Leonie Harm im Rückblick als „gering“. Die Namen der schweren Verletzungen füllen eine riesige Krankenakte: Schädel-Basis-Bruch, die Hüfte, das Fußgelenk sowie eine Rippe sind angeknackst. Auch das Felsenbein, das das Innenohr umgibt, ist ebenfalls gebrochen. Die Lunge ist geprellt, Hämatome haben sich im Gehirn gebildet.

Doch Leonie Harm kämpft. „Nach fünf Tagen war ich wieder einigermaßen wach“, erzählt sie. „Nach zwei Wochen habe ich mich aus dem Krankenhaus entlassen, und nach ungefähr sieben Wochen konnte ich langsam wieder Golf spielen.“ Schier unvorstellbar. Als bleibende Schäden behält sie „nur ein eingeschränktes Hörvermögen auf meinem rechten Ohr und damit auch einen schlechten Gleichgewichtssinn“.

Heute, sechs Jahre später, steht die junge, selbstbewusste Frau mitten im Leben. Seit 2016 studiert sie dank eines Sport-Stipendiums Biochemie an der Universität von Houston in Texas und spielt im Uni-Team der Houston Cougars erfolgreich Golf. In den Sommermonaten reist sie immer wieder nach Deutschland, um an den Mannschaftsspielen für den Golf Club St. Leon-Rot zu starten.

Ob professionelles Golf oder doch eine Karriere in der Forschung – diese Zukunftsfrage treibt Leonie Harm derzeit um. „Ich tendiere derzeit dazu, der Profilaufbahn einen Versuch zu geben. Falls das nicht klappen soll oder es mir doch nicht so viel Spaß machen würde, will ich in die Krebsforschung einsteigen.“

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