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Gespenstische Fahrt durch die Nacht

Bei der Überwachung der Ausgangssperre hat die Polizei in der Nacht zum Donnerstag 1700 Personen kontrolliert und dabei 67 Verstöße festgestellt.

An verschiedenen Stellen wurden Fahrzeugkontrollen durchgeführt. Hier in der Stuttgarter Straße in Bietigheim-Bissingen.Fotos: Alfred Drossel
An verschiedenen Stellen wurden Fahrzeugkontrollen durchgeführt. Hier in der Stuttgarter Straße in Bietigheim-Bissingen. Foto: Alfred Drossel
Gähnende Leere am Bahnhof in Bietigheim-Bissingen.
Gähnende Leere am Bahnhof in Bietigheim-Bissingen.

Kreis Ludwigsburg. Wegen der besonders hohen Corona-Infektionswerte hat der Landkreis verfügt, dass sich zwischen 21 und 5 Uhr niemand mehr auf den Straßen bewegen darf – mit wenigen Ausnahmen. Bei 1700 kontrollierten Autofahrern wurden rund 60 Verstöße festgestellt.

Es ist 21 Uhr. Genau ab jetzt dürfen die Bürger nicht mehr nach draußen. Der Busbahnhof in Bietigheim-Bissingen ist schlagartig leer gefegt. Busse verkehren weiterhin planmäßig – allerdings ohne Fahrgäste. Zwei junge Frauen stehen nach 21 Uhr noch am Bussteig und warten. Sie kommen vom Shoppen und sind auf dem Nachhauseweg. „Ausgangssperre“, sagen sie, „so genau wird das doch wohl nicht genommen.“

Am Taxistand wartet ein Fahrer auf Fahrgäste. „Jetzt warte ich noch einen Zug ab, dann gehe ich nach Hause“, sagt der Taxler, der seit 15 Jahren in der Stadt fährt. Es ist 21.20 Uhr. Schon im vergangenen Jahr sei das so gewesen. „Ab 21 Uhr ist nix mehr los“, klagt er.

Die Eingangshalle des Bahnhofs ist leer. Um 21.05 Uhr fährt ein Regionalzug ein. Ein paar Leute steigen aus und eilen zum Ausgang. Eine Frau bleibt auf dem Bahnsteig stehen und wartet auf den nächsten Zug Richtung Stuttgart. Eigentlich wollte sie längst zu Hause sein, sagt sie, doch sie habe den falschen Zug genommen. Jetzt fürchtet sie Kontrollen, denn eine Bescheinigung über ihre Arbeit habe sie nicht. Und wenn sie 150 Euro bezahlen müsse, sei das schon eine Menge Geld.

Der türkische Griller schneidet um 20.56 Uhr den letzten Döner und gibt ihn über die Theke. In einem Schnellrestaurant, wo sonst um diese Zeit Autoschlangen stehen, deren Insassen auf Burger und Pommes warten, ist alles leer. „Wir bleiben bis 22 Uhr hier und warten. Vielleicht kommt doch noch einer“, sagt der Verkäufer. Seinen Namen will er nicht nennen, wie alle an diesem Abend. Sie verstecken nicht nur ihr Gesicht hinter der Maske, sondern wollen anonym bleiben.

Auch der Tankwart im Gröninger Weg verharrt bis 22 Uhr an seiner Tankstellenkasse. Doch ab 21 Uhr ist keiner mehr gekommen. „Wahrscheinlich werden wir künftig früher schließen“, sagt er enttäuscht, dabei verkauft er Diesel mit 1,25,9 Euro derzeit recht günstig.

Es ist 21.30 Uhr. Die Polizei sperrt die Stuttgarter Straße in Bietigheim auf Höhe des früheren DLW. Die Beamten des Reviers richten eine Kontrollstelle ein und werden von Bereitschaftspolizisten unterstützt. Schnell bilden sich Autoschlangen in beide Richtungen.

Eine junge Polizistin fragt freundlich einen Porsche-Fahrer, wo er herkommt. Sie lächelt. Das ist aber wegen der Maske nur zu erahnen. Der Fahrer ist vorbereitet und reicht eine Bescheinigung seines Arbeitgebers aus dem Fahrzeug. „Ich komme von der Arbeit“, ist die häufigste Antwort. Die Atmosphäre an der Kontrollstelle ist entspannt. „Die Leute sind meist freundlich, und wem die Kontrolle nicht passt, der schweigt“, bestätigt ein Beamter. Die Polizei wickelt die Kontrollen rasch ab. Verlangt hier und dort den Führerschein oder die Fahrzeugpapiere. Dann geht es weiter. Im Landkreis und in Ludwigsburg hat die Polizei mehrere Kontrollstellen eingerichtet und mobile Kontrollen organisiert. Zwischen 23 Uhr und Mitternacht kontrollieren die Beamten auf der Bundesstraße in Besigheim. Autoverkehr war dort fast keiner.

Fast gespenstisch ist die Fahrt durch den nächtlichen Landkreis. Nur alle paar Minuten kommen Scheinwerfer eines Autos entgegen. Auf der Autobahn fahren fast nur Lastwagen. „So hätten wir es gerne“, stellt ein Fernfahrer auf dem Rastplatz Wunnenstein fest. Ein anderer Fahrer fühlt sich zu allein. „Das ist auch nicht schön“, sagt er und beißt in seine Stulle. Die Gastronomie findet eben auch nicht statt.

Bei den Polizeikontrollen wurden 1700 Personen in 1400 Fahrzeugen von 40 Polizeibeamten kontrolliert, teilt Polizeisprecher Peter Widenhorn am Morgen mit. Dabei wurden 67 Verstöße festgestellt. Die Betroffenen werden angezeigt und müssen mit einem Bußgeld zwischen 75 und 150 Euro rechnen. Es gibt Ausnahmen bei der Ausgangssperre: für Berufspendler, Tierbesitzer und Ehrenamtler. Die Polizei kündigt weitere Kontrollen an.

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