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„Gott bleibt für viele außen vor“

Einen Monat vor Heiligabend und fünf Tage vor dem ersten Advent stellt sich die Frage: Wie werden wir Weihnachten feiern? Ein Gespräch mit dem Ditzinger Dekan Friedrich Zimmermann über Open-Air-Gottesdienste, coronafreie Zonen und liebgewonnene Rituale.

„Corona lehrt uns, dass das Selbstverständlichste nicht mehr selbstverständlich ist“: Der Ditzinger Dekan Friedrich Zimmermann über das Leben in Pandemiezeiten. Foto: Holm Wolschendorf
„Corona lehrt uns, dass das Selbstverständlichste nicht mehr selbstverständlich ist“: Der Ditzinger Dekan Friedrich Zimmermann über das Leben in Pandemiezeiten. Foto: Holm Wolschendorf

Ditzingen. Herr Dekan Zimmermann, wie groß wird die Lust der Weihnachtsgemeinde sein, zum Krippenspiel unter Coronabedingungen zu kommen?

Das Bedürfnis, in dieser Coronazeit Gottesdienst zu feiern und sich mit einem Krippenspiel einstimmen zu lassen auf das Christfest, ist vorhanden. Am Ende müssen die Leute aber selbst entscheiden, ob sie zu einem analogen Gottesdienst kommen oder sich mit Digitalem zufriedengeben.

Spüren Sie Vorfreude?

Wir haben Lust, für möglichst viele ein Angebot an Heiligabend zu schaffen. Wir weichen aus ins Freie, da unsere Kirche zu klein ist für den zu erwartenden Zuspruch und ein gleichzeitiges Einhalten der Abstandsregeln. Außerdem ist die Infektionsgefahr in geschlossenen Räumen erhöht. Zum ersten Mal, seit ich Pfarrer bin, begegnen wir dem mit einem Open-Air-Gottesdienst an Heiligabend.

Wie sieht das aus?

Es wird vieles anders sein als gewohnt. Wir werden in Ditzingen als evangelische Kirchengemeinde um 15 Uhr auf dem Laien vor dem Rathaus einen Gottesdienst mit Weihnachtsspiel feiern, der digital auf drei große Displays eingespielt und mitgestaltet wird von unserer Kinderkirche. Um 18 Uhr feiern wir einen ökumenischen Gottesdienst zusammen mit der katholischen Kirchengemeinde St. Maria, ebenfalls auf dem Laien. Bläser sind angefragt. Sie werden, wenn schon Singen nicht möglich ist, wenigstens Weihnachtslieder erklingen lassen. Gebet, Weihnachtsgeschichte und eine hoffentlich treffende und berührende Kurzansprache werden Bestandteil des Gottesdienstes sein, der rund 30 Minuten Dauer haben soll.

Wie wollen Sie die Besucherzahl kontrollieren?

Wir werden sowohl eine digitale Anmeldung ermöglichen, als auch Zugang zum Gottesdienst für Kurzentschlossene per Teilnehmerliste vor Ort ermöglichen. Eine Nachverfolgung der Teilnehmenden soll damit gewährleistet sein.

Was tun Sie für Menschen, denen das Stehen schwerfällt?

Wir feiern um 16.30 Uhr einen Gottesdienst in der Konstanzer Kirche mit Übertragung ins Gemeindehaus. Die Christmette um 22 Uhr wird ebenfalls in der Kirche mit Übertragung ins Gemeindehaus gefeiert. Die Besucherzahl ist auf rund 150 Personen je Gottesdienst begrenzt.

Jesus ist nicht in eine heile Welt geboren worden, der Engel der Weihnacht ruft den Hirten zu: „Fürchtet euch nicht.“ Ist die Weihnachtsbotschaft in diesem Jahr besonders aktuell?

Das „Fürchtet euch nicht“ hat zu allen Zeiten gegolten. Grund zur Furcht war und ist immer vorhanden. Diese Welt bietet genügend Anlass – über Corona und über gegenwärtige politische Entwicklungen hinaus, die unser demokratisches System erschüttern.

Worauf bezieht sich das der Weihnachtsgeschichte entnommene „Fürchtet euch nicht“?

Es bezieht sich weniger auf die „Weltfurcht“ als auf die Gottesfurcht. Es ist Grund, sich zu fürchten, wo Gott so unmittelbar in das Weltgeschehen eingreift beziehungsweise wie an Weihnachten die Welt betritt. Diese „Furcht“ ist den meisten Zeitgenossen abhandengekommen. Mit Gott wird nicht mehr gerechnet. Gott ist für viele außen vor und bleibt in ihrem Leben außen vor.

Warum ist das problematisch?

Wo Gott außen vor ist, ist auch der Mitmensch außen vor. Warum auch sollte einer „Ehrfurcht“ vor Gottes Ebenbild – eben seinem Mitmenschen – haben, wenn Gott nicht einmal in seinen Gedanken vorkommt? Der Individualismus, und mit ihm einhergehend ein immer stärker werdender Egoismus, lassen diese biblische Aufforderung „Fürchtet euch nicht“ in einem neuen Licht erscheinen.

Muss Corona auch in der Weihnachtspredigt vorkommen – oder sollte sie coronafreie Zone bleiben?

Es gibt keine coronafreie Zone. Aber auch Corona steht unter den Worten „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, griechisch Kyrios, in der Stadt Davids.“ Corona steht nicht darüber, ist nicht mächtiger, so wenig wie der damals herrschende und sich Kyrios nennende Kaiser Augustus.

Was macht es mit den Menschen, wenn sie dieses Jahr auf die üblichen Weihnachtsrituale verzichten und Abstand voneinander halten müssen?

Ich hoffe, dass ganz neu der Wert dieser für so manchen verstaubten Rituale entdeckt wird. Vieles wird erst dann wertvoll und wichtig, wenn ich darauf verzichten muss. Wer denkt schon über das Atmen nach, solange er oder sie genügend Luft zum Atmen bekommt? Corona lehrt uns, dass das Selbstverständlichste – eben das Atmen – nicht selbstverständlich ist.

Weihnachtsmärkte finden dieses Jahr nicht statt. Ist das auch eine Chance für die Kirche, ihre Botschaft unter die Leute fernab des Konsums zu bringen?

Ich persönlich gehe gerne über einen Weihnachtsmarkt, auch wenn ein Weihnachtsmarkt für mich nicht Weihnachten ausmacht. Weihnachten hat seinen Kern in der Geburt von Christus. Ohne Christus ist Weihnachten wie eine zwar vergoldete, aber „taube“ Nuss, die mancher zu Weihnachten an den Weihnachtsbaum, besser Christbaum, hängt. Meines Erachtens wäre es falsch zu meinen, jetzt aber ist das die Chance für uns als Kirche. Wir haben diese Chance immer, Jahr für Jahr, die frohe Botschaft aller Welt zu sagen: „Fürchtet euch nicht“ – und sie auch zu leben.

Was halten Sie von Fernsehgottesdiensten, Podcasts aus den Gemeinden oder Seelsorge per Zoom?

Gut, dass es sie gibt für alle, die nicht mehr außer Haus können. Gut, wenn eine oder einer nicht auf sie angewiesen ist, sondern Menschen von Angesicht zu Angesicht treffen kann. Seelsorge per Zoom kann aber nur ein Hilfskonstrukt sein in allergrößter Not, in einer Ausnahmesituation.

Wie stellen Sie sich das kirchliche Leben in der Adventszeit vor?

Es wird in diesem Jahr anders sein. Wir können die Adventslieder nicht gemeinsam singen – zumindest nicht in Gemeinschaft und nicht in unseren Kirchen oder Gottesdiensten. Insofern wird die Adventszeit eine stillere Zeit als die Jahre zuvor. Sie wird mehr einer Fastenzeit entsprechen, was sie von ihrer Tradition her auch war und ist. Ich hoffe, dass die Leute den Mut haben, zu Hause zu singen. Wir haben vor, für jeden Tag vom 1. bis 24. Dezember einen Impuls, einen Anstoß auf unsere Homepage zu setzen, im Schaukasten auszuhängen oder per E-Mail weiterzuleiten. Vielleicht kommt die eine oder der andere ja auch auf die Idee, telefonisch, schriftlich oder digital Kontakt mit Menschen im persönlichen Umfeld aufzunehmen, die einsam, krank oder sonst vom Leben ausgeschlossen sind.

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