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Grenzenlose Klänge vor dem Dichterdenkmal

Musiker in Bewegung: Das Stegreif Orchester.Foto: Christian Püschner/p
Musiker in Bewegung: Das Stegreif Orchester.Foto: Christian Püschner/p
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Das Stegreif Orchester gastiert am Samstag mit Beethovens Neunter beim Herbstintermezzo der Schlossfestspiele auf der Schillerhöhe

Marbach/Berlin. Das passt wie die Faust aufs Auge: Schillers „Ode an die Freude“, einst von Ludwig van Beethoven in dessen berühmter 9. Sinfonie vertont, kommt am Samstag auf die Marbacher Schillerhöhe – und das in einer höchst ungewöhnlichen Form. Denn das Berliner Stegreif Orchester, das dieses monumentale und in der Regel entsprechend groß besetzte Werk zu den Schlossfestspielen bringt, hat es sich auf die Fahnen geschrieben, Grenzen zu verschieben und zu überwinden, starre Formen aufzulösen und frischen Wind in eigentlich Wohlbekanntes wehen zu lassen.

Nun fiel das Beethoven-Jubiläum und damit auch das „#bfree“-Projekt des Stegreif Orchesters ausgerechnet ins erste Coronajahr 2020 – denkbar schlechte Rahmenbedingungen für ein Orchester, das – ohne Dirigent, Stühle und Noten agierend – gerne frei im gesamten Konzertraum wandelt. „Das war anfangs ein echtes Problem für uns“, sagt Viola Schmitzer, die als Mitglied des künstlerischen Teams für die choreografischen Elemente zuständig ist. „Aber wir haben das Beste aus der Situation gemacht und das Stück den Gegebenheiten angepasst.“

Zum ersten Mal überhaupt spiele das 2015 von Juri de Marco gegründete Orchester wegen der Einschränkungen angesichts der Coronapandemie mit „#bfree“ bühnenzentriert, wenn auch in stetiger Bewegung, erklärt die 30-jährige gebürtige Rottweilerin, die zu den Gründungsmitgliedern des Projekts gehört. Was sich hingegen seit den ersten Planungen im Januar vergangenen Jahres nicht verändert hat, ist die Musik. „Wir bauen ein Gerüst aus dem Originalwerk, hinzu kommen freie Elemente sowie Volkslieder aus Europa und Amerika“, sagt Schmitzer. Diese Lieder kamen direkt aus dem Ensemble, dessen Mitglieder aus ganz vielen Ländern der Welt stammen.

Die rund 30 jungen Musiker des Projekts – von denen 23 in Marbach dabei sind – verstehen sich eher als eine Art Kollektiv oder Band denn als Orchester im klassischen Sinne, betont die Chroreografin, die, von Haus aus Hornistin, an der Universität der Künste in Berlin „Musik und Bewegung“ studiert hat. Es wird improvisiert, die Abläufe sind grob abgesprochen, damit die Soli einzelner Musiker ihren Platz finden. Als „europäische Utopie“ apostrophiert ist das Konzert, das als Kooperation der Schlossfestspiele mit dem Podium Esslingen stattfindet – beim Stegreif Orchester verschwimmen die Grenzen Europas in der Tat, nach innen wie nach außen.

Das „#bfree“-Konzert ist ein später Höhepunkt der auch in diesem Jahr stark beeinträchtigten Saison der Ludwigsburger Schlossfestspiele, deren Intendant Jochen Sandig die kleine „Festspielinsel“ im Herbst installiert hat, um noch ein paar im Mai abgesagte Programmpunkte nachzuholen. Und das Stegreif Orchester liegt Sandig am Herzen, schließlich war es das von ihm damals geleitete Radialsystem in Berlin, in dem das Projekt seinen ersten Auftritt hatte.

Eingeläutet wird das 75-minütige Konzert in der Stadthalle im Außenbereich vor dem Schillerdenkmal mit einer Art lebendiger Klanginstallation – wenn denn das Wetter mitmacht. „Dieser Anklang an Schiller, direkt vor dem Denkmal“, sagt Viola Schmitzer, „das ist wirklich etwas Besonderes“ – für das Orchester wie auch fürs Publikum.

Info: Die Veranstaltung startet um 18 Uhr mit einer Klanginstallation am Schillerdenkmal und setzt sich dann gegen 19.15 Uhr in der Stadthalle fort. Bei Regen oder Temperaturen unter 14 Grad beginnt der Abend direkt um 18 Uhr mit dem Einlass in die Stadthalle. Karten gibt es unter Telefon Telefon (07141) 939636 sowie auf www.schlossfestspiele.de.