Logo

Große Fenster, viele Blicke

Künstlerin Barbara Ungepflegt hat ihr Zimmer im Buswartehäuschen am Rathausplatz bezogen

Viele Gespräche und ein Einbruch: Barbara Ungepflegt beim Start des Projekts. Archivfoto: Ramona Theiss
Viele Gespräche und ein Einbruch: Barbara Ungepflegt beim Start des Projekts. Foto: Ramona Theiss

Gerlingen. Ein wenig Schmeichelei schadet als Neuling nie, dachte sich wohl auch Barabara Ungepflegt, als sie, nur wenige Tage nach ihrem, nunja, Einzug in das Buswartehäuschen am Rathausplatz der Gerlinger Öffentlichkeit präsentiert wurde. Mit dem Kurator des gerade unter dem Motto „Unter Beobachtung. Kunst des Rückzugs“ gestarteten Festivals der Kulturregion, Gottfried Hattinger, hat die Wiener Performance- und Installationskünstlerin offenbar festgestellt: „Das hier ist die beste Bushaltestelle der Welt!“ Gute Lage, zwei gegenüberliegende Sitzbereiche, großflächige Verglasung – alles da, was die „spinnerte Wienerin“, wie sie sich selbst bezeichnet, für ihre Aktion braucht. Der städtische Baubetriebshof hat angepackt, Plexiglasscheiben und eine verschließbare Tür eingebaut. Drei Wochen lang lebt Barabara Ungepflegt nun auf drei Quadratmetern, mit Sofa, Tisch, Stühlen, Kochfeld, Spüle und allerlei alltäglichem Krimskrams, der so herumliegt.

Sie selbst, oder vielmehr ihre Kunstfigur, wirkt dabei wie aus der Zeit gefallen und etwas verloren: Sie trägt einen blauen Kittel mit weißen Punkten, eine gelb-weiß gemusterte Bluse, dazu knallgelbe Latschen, wie eine Reinigungskraft aus den 70ern. Die 44-Jährige, die echten Leben natürlich einen anderen Nachnamen trägt („Was ist Sein, was ist Schein?“), kokettiert emsig mit der Unbeholfenheit, die sie ausstrahlt. Was sie hier macht? Mal schauen. Warum sie da ist? Weiß sie eigentlich auch nicht. Dabei stellt ihr Projekt mehrere spannende Fragen.

So lotet sie mit ihrer Installation Airpnp“ etwa die Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum aus. Doch wer ist wirklich drinnen und wer ist draußen, wer ist Beobachter und wer Beobachteter? Alles eine Frage der Perspektive. Und sind wir nicht ohnehin schon längst alle gläserne Bürger? „Hineinspechteln“ nennt sie in ihrem Wiener Idiom, was ihre Umwelt ruhig gerne tun soll, wenn sie da sitzt, liest, sich Kaffee kocht oder den Abwasch macht. Reingucken, beobachten, gerne auch mal klopfen und einen Plausch beginnen. Zugleich lautet eine stets im Raum schwebende Frage: Unter welchen Bedingungen findet jemand in einer wirtschaftlich florierenden Region noch bezahlbaren Wohnraum?

Bereits 2017 hat die Künstlerin, die daheim in Österreich das „Bundesministerium für Heimatschmutz und internationale Affären“ betreibt, eine ähnliche Aktion in Wien gemacht. Nun ist sie gespannt, wie sich das Ganze in einer deutlich kleineren Stadt darstellt. Natürlich könnte sie hier eher als größerer Störfaktor empfunden werden, sagt Ungepflegt, vielleicht werde sie aber auch ganz besonders herzlich aufgenommen. Sie ist auf vieles gefasst, wenn sie täglich von 7bis 22 Uhr ihrer Arbeit nachgehen wird. Vor allem nachts wäre es ohne Heizung dann doch ganz schön kühl – und gerade in Zeiten von Corona würde eine Erkrankung schnell das Ende des Projekts bedeuten.

Zum Einkaufen, Duschen und für die Toilette verlässt sie den Ort kurzzeitig. Ungefährlich sei solch ein Projekt natürlich nie, sagt die Künstlerin. Grundsätzlich hat sie aber bislang positive Erfahrungen gemacht. „Das Bedürfnis nach Austausch ist bei fast allen vorhanden.“ So hat ihr schon kurz nach ihrem Einzug eine offenbar obdachlose Frau einen Brief zukommen lassen, in der sie ihre Not schildert. Barbara Ungepflegt ist schon in Kontakt mit der Stadtverwaltung, wie man ihr helfen könnte. Verantwortung mitten im Herzen der Stadt. Wie sie es hier findet? „Joar, nett“, sagt sie und lächelt. Was man nach ein paar Tagen in der schwäbischen Provinz halt so sagt. Am Ende ihrer Zwischenmiete will sie eine Art Abschlussbericht darüber vorlegen, wie sie Gerlingen und seine Menschen erlebt hat – aus der Perspektive einer Bushaltestelle.

Autor: