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Großer Jahrgang mit weniger Wein

Die gute Nachricht für Weintrinker zuerst: Der 2020er Jahrgang wird hervorragend und zumindest die Württembergische Weingärtner Zentralgenossenschaft (WZG) will ihre Preise nicht erhöhen. Die schlechte Nachricht: Es gibt nicht soviel vom 2020er. Das ist – kurz zusammengefasst – die Schlussbilanz der Weinlese in Württemberg.

Rot oder weiß? Die Zukuft, so Experten, gehört den Hellroten. Foto: adobe/stock
Rot oder weiß? Die Zukuft, so Experten, gehört den Hellroten. Foto: adobe/stock

Cleebronn. „Die Weinliebhaber können sich sehr auf den Jahrgang freuen“, sagte Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV), bei der Pressekonferenz zum Finale der Weinlese in den Räumen der Weingärtner Cleebronn-Güglingen in Cleebronn.

Glaser spricht für die 36 Genossenschaften in Württemberg, deren Mitglieder knapp 70 Prozent der Rebfläche bewirtschaften. In diesem Jahr beobachte man ein „einzigartiges Phänomen“: Die kleinste Erntemenge der vergangenen 30 Jahre, nämlich unter 50 Millionen Liter; im vergangenen Jahr waren es 63,5 Millionen Liter gewesen. Je Hektar Rebfläche liegt der Ertrag bei rund 65 Hektoliter, im Jahr zuvor waren es knapp 86 Hektoliter gewesen.

Den Grund benannte Ute Bader, Wein-Fachberaterin im Genossenschaftsverband, mit einem Wort: Spätfrost! Nach einem milden Winter und einem kühlen März hatten die Reben früh ausgetrieben und waren von den Frostnächten der Eisheiligen erwischt worden. Vor allem im Zabergäu und im westlichen Stromberg hatte der Frost gewütet, während der mittlere Neckarraum glimpflich davongekommen war.

Dazu kam ein weiteres, sehr trockenes Jahr. „In den vergangenen fünf bis zehn Jahren hatten wir deutlich weniger Niederschläge als zuvor“, sagte Ute Bader. Sie habe sich abgewöhnt, von einem „frühen Jahr“ zu sprechen; bedingt durch das sich wandelnde Klima würden frühe Jahre normal: „Die Lese im September wird die neue Normalität sein.“

Trotz aller Wetterunbilden: Das Jahr habe „Trauben wie gemalt“ hervorgebracht und die außergewöhnlich hohen Temperaturen im Herbst hatten beim Riesling Oechslegrade von 85 und bei den Roten Oechslegrade von fast 100 hervorgebracht. „Das werden voluminöse, vollmundige Rotweine, auch bei Lemberger“, prophezeite Ute Bader. Warme Tage und kühle Nächte haben außerdem das Aroma der Weine gefördert.

Die Coronapandemie hat auch den Weinbau nicht verschont. Zwar hatten die Weinbauern im Herbst – anders als die Spargelanbauer im Frühsommer – keine Schwierigkeiten, Erntehelfer einfliegen zu lassen. Die Hygieneregeln seien zudem perfekt eingehalten worden, berichtetet Thomas Beyl, Vorstandsvorsitzender der Cleebronn-Güglinger Wengerter aus der Praxis. Aber dann hatten die Restaurants schließen müssen, Weinfeste wurden abgesagt – fast ein Drittel des Umsatzes werde wegbrechen, hatte am Anfang der Pandemie Axel Gerst, der Geschäftsführer aus Cleebronn geunkt – und war falsch gelegen. Seine Genossenschaft ging am Ende mit einem Plus von zwei Prozent nach Hause.

Woran das liegt, beschreibtGerst volkstümlich: „Die Leute haben erst mal Klopapier und Mehl gebunkert.“ In einer zweiten Phase kam das, was der Weinwirtschaft trotz Corona gut getan hat und was Uwe Kämpfer von der WZG so beschreibt: „Die Leute haben Freunde nach Hause eingeladen

und man hat sich eine gute Flasche Wein gegönnt.“ Im Juni stellte der Lebensmittelhandel den Höhepunkt dieser Entwicklung fest, die bereits im April, Mai angelaufen war. Im zweiten Quartal hat die WZG 12,5 Prozent mehr Wein verkauft als im Vorjahr, beim Wertzuwachs betrug die Steigerung sogar 17,6 Prozent. Das bedeutet: Die Konsumenten haben auch teurere Weine gekauft nach dem Motto: „Ich gönn mir mal was!“ Im Sommer ist dann das Geschäft mit dem Rosé „fast explodiert“. Und: Es wurde mehr deutscher Wein gekauft. Überhaupt habe Corona einen Trend hin zur Regionalität ausgelöst: Beim Urlaub auf der Terrasse wurde regionaler Wein getrunken, den auch die Generation 60 plus im Internet orderte und sich schicken ließ. In Cleebronn, berichten die Verantwortlichen, sei man mit Pakete packen kaum nachgekommen.

„Wir sind trotzdem keine Coronagewinner“, sagte Geschäftsführer Gerst, denn: Weinfeste, Catering, alles weg und wie viele Restaurants Corona nicht überleben werden, bleibe abzuwarten.

Mit einer guten Nachricht wartete Uwe Kämpfer von der WZG auf. Auf die Frage, ob der Wein bei geringeren Mengen, aber gleichbleibenden Kosten teurer werde, antwortete er: „Eigentlich müssten wir erhöhen...“ In einer Situation, in der viele Menschen in Kurzarbeit sind, in der sich die wirtschaftliche Situation vieler veradobe7stockschlechtert, sei das nicht vermittelbar. Deshalb: „Wir von der WZG werden keine Preise erhöhen.“

Und der Ausblick auf die kommenden Jahre? Axel Gerst von den Cleebronn-Güglinger Wengertern hat eine Theorie: Rosé ist der Wein der Zukunft. Das sei auch naheliegend, schließlich wachsen in Württemberg besonders viele rote Trauben. Die Sommer werden durch den Klimawandel wärmer und Rose könne kalt getrunken werden. Die „Hellroten“ lägen jetzt schon bei 30 Prozent der verkauften Weine. Seine Prognose: „Württemberg wird rosarot!“

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