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Halbtrauer, Zitronen und Hefezopf

Im Stadtmuseum informiert „Totenhemd & Leichenschmaus“ über Bestattungs- und Trauerrituale auf dem Dorf

Museumsleiterin Nina Hofmann trägt Grau, die Trauergesellschaft dagegen trug Schwarz. An Emilie Straub erinnert ein Brautkranz aus Haar.
Museumsleiterin Nina Hofmann trägt Grau, die Trauergesellschaft dagegen trug Schwarz. An Emilie Straub erinnert ein Brautkranz aus Haar.
Kunstvolles Erinnerungsbild.Fotos: H. Wolschendorf
Kunstvolles Erinnerungsbild. Foto: H. Wolschendorf
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Ditzingen. Wenn die Totenglocke läutete, wusste vor hundert Jahren jeder im Dorf: Es war jemand gestorben. Was dann weiter geschah, folgte festen Ritualen und Bräuchen, die – vor allem auf dem Dorf – streng eingehalten wurden: Weil sie den Trauernden Halt gaben und weil es so üblich war. Diesen Trauerritualen spürt die neue Ausstellung im Ditzinger Stadtmuseum nach. „Totenhemd & Leichenschmaus“ heißt sie, zusammengestellt hat sie die Leiterin des Stadtmuseums Nina Hofmann, gemeinsam mit Maike Sander, die über Trauerkultur forscht und der Ditzinger Gruppe „Ewig anders“.

Für die Ausstellung, die das komplette Erdgeschoss des Museums einnimmt und außerdem in die Dauerausstellung im Obergeschoss integriert ist, haben 50 Menschen aus allen Ditzinger Stadtteilen Leihgaben zur Verfügung gestellt; andere Exponate stammen aus Museen und Privatsammlungen.

Wie es weiterging in Ditzingen, in Heimerdingen, in Hirschlanden und Schöckingen, nachdem die Totenglocke erklungen war, hat Nina Hofmann in Interviews mit Zeitzeugen herausgefunden, und diese Erinnerungen machen den Charme dieser Ausstellung aus, weshalb sich das Lesen der vielen Texttafeln besonders lohnt.

„Jetzt machen wir dich schön!“

Da war zum Beispiel Frau Bauer. In den 1950er Jahren war sie in Hirschlanden als Leichenfrau tätig. Ihre Aufgabe war es, den Verstorbenen zu waschen, anzukleiden und für die Aufbahrung herzurichten. Frau Bauer hatte dabei ihre ganz eigene Art. Sie begrüßte jeden Toten mit seinem Namen und dem Spruch: „Jetzt machen wir dich schön!“ Von der Heimerdinger Leichenfrau gibt es sogar noch Abrechnungen. Mitte der 1930er Jahre gab es für das Versorgen eines erwachsenen Leichnams 1,50 Reichsmark, was heute etwa 6,45 Euro entspricht.

Weil meistens zu Hause gestorben wurde, war der Tote auch zu Hause aufgebahrt und die zweitägige Totenwache war ein einziges Kommen und Gehen, die durchaus auch mal feucht-fröhlich werden konnte. Am Leichenzug nahm das gesamte Dorf teil, Sargschreiner Wenzler hatte gute Arbeit geleistet, die Träger nahmen den Sarg auf die Schultern. In manchen Gegenden wurden sie gegen den Verwesungsgeruch mit Rosmarinzweigen ausgestattet, im Oberamt Leonberg mit Zitronen, die zum Teil mit Nelken besteckt waren. Mussten sie den Sarg auf dem Weg zum Friedhof absetzen, sang der Beerdigungschor ein Lied – in Heimerdingen gibt es ihn heute noch.

Selbstverständlich trug die Trauergesellschaft Schwarz: Die Ausstellung zeigt eine ganze Reihe von Modellen, die den biblischen Ausdruck für Trauer „in Sack und Asche gehen“ durchaus elegant interpretieren. Vom Trauersack des Mittelalters, einem schwarzen Kapuzenmantel ist nicht mehr viel übrig, nur glänzen durfte nichts, weshalb schwarzer Krepp ein beliebter Stoff für Trauerkleidung war. Die Männer bürsteten den Zylinder – angeschafft für Hochzeiten und Beerdigungen – gegen den Strich, damit auch der feierliche Hut nur noch matt schimmerte.

Schwarz vom Schuh bis zum Schirm

Während Männern als Zeichen der Trauer ein schwarzer Flor am Ärmel oder eine kleine Schleife am Revers reichte, unterlagen Frauen einer strengen Kleiderordnung. Ein halbes Jahr Volltrauer – mindestens! – bedeutete schwarz, ausschließlich, von den Schuhen über die Küchenschürze bis zum Kopftuch und zum Regenschirm. Zur Not wurde bunten Kleider eingefärbt. Halbtrauer erlaubte Grautöne und Abtrauer schon mal einen weißen Kragen. Wer mehrere Todesfälle in der Familie hatte, kam aus den schwarzen Kleidern manchmal Jahre lang nicht heraus.

Zum Leichenschmaus ging man in Ditzingen gern in den Schwanen. Eine erhalten gebliebene Rechnung listet unter anderem 70 Brezeln, vier Flaschen Riesling, fünf Flaschen Trollinger, Kaffee und Kuchen auf. Kosten: 318 Mark. Der Kuchen dürfte Hefezopf gewesen sein, wie es sich in Schwaben gehört. Der Tisch für den Leichenschmaus im Obergeschoss ist denn auch spartanisch gedeckt. Eine schöne Idee: Menschen aus anderen Ländern berichten von ihren Sitten. In Nigeria wird eine Ziege geschlachtet und in Japan geht man ins Restaurant, das liegt praktischerweise gleich im Krematorium.

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