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Hart erarbeitete Leichtigkeit

Gabriele Tergit 1932. Foto: DLA Marbach
Gabriele Tergit 1932. Foto: DLA Marbach
Das DLA beleuchtet Leben und Werk der Deutsch-Britin Gabriele Tergit

Marbach. Punkt 19 Uhr scheint alles startbereit für den Jungfernflug der „Zoom-Kapsel“, doch der Countdown verzögert sich etwas: Die Literaturkritikerin Nicole Henneberg hat sich noch nicht im Browserfenster eingefunden, der stellvertretende DLA-Archivleiter Jan Bürger hängt sich ans Telefon, während Museumsleiterin Heike Gfrereis damit beschäftigt ist, unbeabsichtigt geöffnete Mikrofone stummzuschalten und die Aufzeichnung zu starten. Manches Detail der digitalen Infrastruktur wirft noch Fragen auf: „Wie gehe ich raus als Host?“, will Gfrereis wissen. Doch bald sind die letzten Unklarheiten beseitigt, Henneberg ist an Bord und die Kapsel tritt ihre Reise in den virtuellen Literatur-Orbit an. Rasch gewinnt die Sprachraumfähre an Höhe. Oder besser gesagt Tiefe: Denn die neue Reihe verstehe sich als Format, das gemeinsame „Gänge ins Archiv“ ermögliche, so Bürger.

Ziel der Mission: Der Nachlass der 1894 in Berlin als Elise Hirschmann geborenen Gabriele Tergit, über deren Leben und Werk man im Verlauf der kommenden anderthalb Stunden unter dem Titel „Erinnerungen an den Kurfürstendamm“ viel erfährt. Nachdem sie mit ihrem 1931 erschienen Debütroman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ zu einer Bestsellerautorin der Weimarer Republik avancierte, bevor die als Tochter eines jüdischen Industriellen im proletarisch geprägten Friedrichshain aufgewachsene Publizistin 1933 vor den Nazis erst nach Prag, dann nach Palästina, schließlich nach London floh, geriet ihr Werk jahrzehntelang in Vergessenheit. Zwar erfuhren einige ihrer Veröffentlichungen ab 1977 eine Wiederauflage, auch ihre Autobiografie „Etwas Seltenes überhaupt“ fand einen Verleger.

Von einer Wiederentdeckung auf breiter Front kann indes erst in den vergangenen fünf Jahren die Rede sein. Maßgeblich dafür verantwortlich ist Nicole Henneberg, die im Frankfurter Verlag Schöffling & Co große Teile von Tergits Œuvre – neben „Käsebier“ und der Familienchronik „Effingers“, Tergits zweitem Roman, auch eine Sammlung ihrer Gerichtsreportagen – neu herausgab, wofür sie sich auch intensiv mit dem im Marbacher Archiv lagernden Nachlass auseinandergesetzt hat. „Sehr berlinisch“ habe Tergit auf sie gewirkt, als sie zum ersten Mal mit deren Schreiben in Berührung kam, sagt Henneberg: „Dieser klare, direkte Ton, dieser feine Humor, der ein bisschen schroff wirkt, aber eigentlich mit sehr viel Herz funktioniert, und ihre moderne Sprache haben mich auf Anhieb fasziniert.“ Dass Tergits Anfänge im Journalismus liegen, habe das komplette Werk geprägt: „Sie war eine trainierte Zeitungsschreiberin. Auch ‚Käsebier‘ erschien zunächst als Fortsetzungsroman.“ Ganze Passagen seien dabei wiederum ihren stets politische, soziale und psychologische Aspekte verknüpfenden Gerichtsreportagen entnommen: „Sie hat die verschiedenen Formen ihres Schreibens eng zusammengehalten, die Gerichtsreportagen literarisch, die Romane journalistisch geschrieben.“

Präzise beobachtet und großartig erzählt seien alle ihre Texte, meint Henneberg. Dass diese Leichtigkeit hart erarbeitet wurde, lässt sich anhand der gezeigten Typoskripte gut nachvollziehen. Gegen Ende des Gesprächs entlocken Bürger und Gfrereis Henneberg noch eine kleine Sensation: Derzeit sei sie mit Vorbereitungen zur Herausgabe eines bislang unveröffentlichten dritten Romans beschäftigt, der im Herbst erscheinen soll. Wie im Flug vergangen ist die Zeit der gelungenen, mit über 40 Teilnehmern gut besuchten Premiere; manche der Gäste lauschten in Amerika, auch Literaturkritiker Denis Scheck hatte sich zugeschaltet.