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Hass zu spüren, wäre zu einfach

Anerkennung für die Exil-Literatur: Can Dündar (rechts), Cem Özdemir (Mitte), Sandra Richter (rechts daneben), Zeichner Mohamed Anwar sowie Moderatorin Dîlan Çakir. Foto: Holm Wolschendorf
Anerkennung für die Exil-Literatur: Can Dündar (rechts), Cem Özdemir (Mitte), Sandra Richter (rechts daneben), Zeichner Mohamed Anwar sowie Moderatorin Dîlan Çakir. Foto: Holm Wolschendorf
Der türkische Exil-Journalist Can Dündar stellt am DLA in Marbach seine hochpolitische Graphic Novel „Erdogan“ vor

Marbach. Gut sechs Jahre ist es her, dass Can Dündar, in der Türkei unter anderem wegen angeblicher Spionage angeklagter und zeitweilig inhaftierter Journalist, nach Berlin floh, aus der Heimat in die Freiheit – zumindest politisch. Denn es war ein harter Einschnitt: „Wir haben damit fast alles verloren, Geld, Familie, unser Zuhause – wir hatten nur noch unser Talent und unsere Kultur“, sagt er auf Englisch, als er im Humboldt-Saal des Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA) sitzt, um gemeinsam mit dem ihm freundschaftlich verbundenen türkischstämmigen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir „Erdogan“ vorzustellen. Seine im vergangenen Jahr veröffentlichte Graphic Novel – eine Art komplexer, ernster Comic also – ist eine ebenso erhellende wie packende Lektüre, die den Werdegang des heutigen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nachzeichnet. Jenes Mannes also, der letzten Endes dafür verantwortlich ist, dass Dündar im Exil leben muss.

„Es ist schwierig, über jemanden zu schreiben, der dein Leben zerstört hat“, erklärt Dündar nüchtern. „Hass zu spüren, wäre zu einfach – ich wollte lieber fair sein.“ Er habe mit seinem vom bei der Vorstellung ebenfalls anwesenden ägyptisch-sudanesischen Zeichner Mohamed Anwar illustrierten Buch keine Rache nehmen wollen. Vielmehr habe er mittels zahlreicher Quellen wie Medienpublikationen, Aussagen von Wegbegleitern und eigenen Berichten Erdogans objektive Erklärungen für die Entwicklung jenes Mannes bieten wollen, der aus ärmlichen Verhältnissen heraus große Pläne entwickelte, das etablierte System ändern wollte – und schließlich selbst ein Teil davon wurde. Vom Opfer zum Aggressor: Das soll aus Dündars Sicht eine Warnung an die Gesellschaft und besonders Mitbürger mit politischen Ambitionen sein. „Seid vorsichtig, macht nicht die gleichen Fehler!“

Cem Özdemir, Marbacher Schillerredner des Jahres 2020, betont, was für ein besonderer Moment es sei, nun am DLA dieses Werk präsentieren zu können, und zieht die Verbindung zu Friedrich Schiller, der einst von Stuttgart nach Mannheim floh, um einer möglichen Haft zu entgehen. „Exil-Autoren kommen in unser Land, weil sie daheim nicht mehr leben können, und arbeiten hier, in einer fremden Sprache“, sagt Özdemir und ergänzt mit Blick auf Dündar: „Dieses Haus ist eine Oase.“

Ein besonderer Tag sei dies, sekundiert Dündar, ehemaliger Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet, eine große Ehre, gar „ein turning point“ (Wendepunkt), da seine Arbeit zum ersten Mal von einer deutschen Institution wahrgenommen werde. Exil-Literatur ist ein Thema, das DLA-Direktorin Sandra Richter schon länger umtreibt, zu Papier gebracht etwa in ihrer über 700-seitigen „Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur“ (2017). Für das Marbacher Archiv und seine auch pragmatischen Zwänge kondensiert sich dies in einer so knappen wie zugleich komplizierten Frage: Was genau ist eigentlich deutsche Literatur? Diese Frage zielt automatisch in beide Richtungen: Sie betrifft deutschsprachige Literatur, die etwa von Deutschen wie Klara Blum, Stefan oder Hilde Domin im Ausland geschrieben wurde. Oder aber eben Werke ausländischer Autorinnen und Autoren, die in Deutschland und unter Einfluss der hiesigen Bedingungen entstanden. Aber möglicherweise in ihrer Muttersprache. „Es ist wichtig für uns, die neue Exilliteratur anzuerkennen, auch ohne deutsche Sprache“, betont Sandra Richter. Will heißen: Diese Literatur gehört auch ins Marbacher Archiv.

Der türkische Präsident Erdogan hasst Cartoons, heißt es, nicht zuletzt, da er selbst schon öfter Gegenstand von Karikaturen wurde, weshalb wiederum einige Cartoonisten in türkischen Gefängnissen sitzen. „Er hat einfach keinen Humor“, so Dündar trocken. Die offenbar mangelnde Kritikfähigkeit erscheint vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie dennoch kurios, wurde der islamistische Agitator doch selbst wegen eines Gedichts inhaftiert. Als politischer Gefangener wurde er zum Opfer und dadurch noch bekannter. „Ein Gedicht kann kein Verbrechen sein“, betont der 1961 in Ankara geborene Dündar, und fordert Meinungsfreiheit für alle – auch für jemanden wie Erdogan.

Nun sorge der Präsident selbst für eine zumindest inoffizielle Zensur, die im Kopf der Menschen stattfinde, nach dem Motto: Man kann alles frei sagen – aber danach muss man mit den Konsequenzen leben. „Morgens um fünf klingelt dann eben nicht der Milchmann, sondern die Polizei.“ Im Gefängnis habe auch er sich stärker gefühlt, sagt Dündar. „Man ist bekannt, mächtig und hat eine Plattform.“ Lebe man hingegen im Exil, heiße es oft, man sei einfach geflohen, ein Verräter, ein Terrorist gar. „Deutschland ist für jemanden wie mich eigentlich eines der gefährlichsten Länder“, scherzt er mit Blick auf die große türkische Community. Wenn er erkannt werde, werde der Erdogan-Kritiker wahlweise „geküsst oder getötet“ – das sei in etwa gleich wahrscheinlich.

Eine Graphic Novel sei ein guter Weg, gerade junge Leute zu erreichen, glaubt Dündar. Allerdings werden seine zahlreichen Bücher in der Türkei unter dem Druck der Obrigkeit längst nicht mehr gedruckt und sind im Handel auch nicht erhältlich. Auf digitalen Wegen, so hofft er, könnte sich etwa „Erdogan“, das im Original auf Türkisch sowie in deutscher und französischer Übersetzung erschienen ist, dann doch auch in der Türkei verbreiten.

Das vorliegende Buch schließt übrigens Ende der 90er ab, einige Jahre bevor der – im Buch schon klar angedeutete – Weg zum international zunehmend isolierten Alleinherrscher abgeschlossen ist. „Ich denke, wir machen auf jeden Fall noch einen zweiten Teil“, erklärt Dündar in Marbach. „Aber es dauert wohl noch etwas, bis er fertig wird – er endet natürlich mit dem Ende von Erdogans Herrschaft.“