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Hausaufgaben für mehr Betreuung

Der Rechtsanspruch auf längere Betreuung von Grundschülern wackelt zwar. Einige Kommunen ohne Ganztagsschule rüsten sich dennoch – der Bedarf ist schließlich da.

Viele Eltern verlangen längere Betreuung – dem will auch die Politik Rechnung tragen. Foto: dpa
Viele Eltern verlangen längere Betreuung – dem will auch die Politik Rechnung tragen. Foto: dpa

Kreis Ludwigsburg. Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht war am Freitag bei ihrem Statement sichtlich angefressen. Denn kurz zuvor hatten einige Bundesländer, allen voran Baden-Württemberg, ihr einen Strich durch die Rechnung für das Ganztagsförderungsgesetz ab 2026 gemacht (wir berichteten). Eine Milliarde Euro würde das allein das Land kosten, insgesamt wollte der Bund aber für alle 16, aus Sicht der Gegner „nur“, 3,5 zur Verfügung stellen, plus eine Milliarde Euro jährlich für die Betriebskosten der Horte oder Schulen, der Bedarf wird aber auf 4,5 geschätzt. Man wolle zwar den Ganztags-Ausbau, „aber der Bund steht hier finanziell mehr in der Pflicht als bisher“, so Kultusministerin Theresa Schopper auf LKZ-Anfrage. Wenig erfreut dürften auch einige Kommunen angesichts der Pläne sein – denn nicht nur die Finanzierung ist ungeklärt.

Deutlich wurde das jüngst in Hemmingen, wo man für zwei Millionen Euro den Hort erweitert, und in Korntal-Münchingen. Dessen Stadträte bekamen, auf Antrag der Grünen, einen Bericht zur Ganztagsschule, die aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen und Bildungsgerechtigkeit für ärmere Familien, die sich keinen Hort leisten können, letztlich installiert werden sollte, so die Forderung.

Überlegungen dazu hatte es bereits vor Jahren gegeben. Doch zum einen gab es Widerstand der Eltern, die um die Flexibilität fürchteten, falls das Programm am Nachmittag verpflichtend sein sollte, was aber auch viele Stadträte nicht wollen – Hort und Kernzeit sind da flexibler, wenngleich für 2021/22 in Korntal kapazitätsbedingt für manche Kinder die gewünschten Zeiten gekürzt werden müssen. Vor allem aber scheiterte die Einführung des Ganztags zunächst an der Teichwiesenschule 2017 an den Lehrern. Es fehlte schlichtweg an Personal – und heute sei der Lehrermangel noch akuter. Auch andere Rektoren sehen laut Bericht „aktuell keine Möglichkeit, die Ganztagsschule einzuführen“.

Aus Sicht des Bundes kein Problem: „Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die benötigten Fachkräfte rechtzeitig gewonnen werden können.“ Beim Land heißt es dagegen auf die Frage, wie man das Personal bekommen wolle und inwieweit man die Kommunen unterstützen werde, nur, man berate derzeit.

Schule oder Hort?

Zumindest aus Sicht einer Kommune wäre die verpflichtende Schule günstiger. Eine Hort- und Kernzeitbetreuung liegt nämlich allein in ihrer Verantwortung, Korntal-Münchingen schießt jährlich gut eine halbe Million Euro zu, auch ist der Bedarf an Räumen und Personal (1,5 pro Gruppe mit 20 Kindern, in den Ferien knapp drei, Arbeitgeberaufwand je Fachkraft laut Stadt 45-50000 Euro) größer – letzteres zu suchen, ist dann ebenfalls ihre Sache. Doch das könnte auf sie auch mit der Ganztagsgrundschule zukommen, vor allem mit freiwilligem Angebot, warnten einige Redner: eben weil es zu wenig Lehrer gibt. Da solle man sich doch mal in Stuttgart kundig machen, so ein Rat.

Dort sind bereits 45 von 69 Grundschulen im rhythmisierten Ganztagsbetrieb. Den Rechtsanspruch könne man deshalb schon erfüllen, heißt es aus dem Rathaus. Das sich den 2013 begonnenen Ausbau auch mehr kosten lässt als üblich: Man orientiere sich beim Personalschlüssel am Hortstandard und beschäftige zusätzlich sozialpädagogisches Fachpersonal. Die Frage nach den Kosten lässt die Stuttgarter Pressestelle offen, weist aber darauf hin, dass das Bundesgesetz Stuttgart nicht teurer käme als die eigenen Pläne.

Ähnliches heißt es aus Bietigheim-Bissingen. Fast alle Grundschulen sind mittlerweile im Ganztag, Ausnahme ist noch die im Buch. Man sei deshalb schon jetzt mit dem Ausbau befasst. Noch viel mehr gilt das für Kornwestheim, wo an allen vier Grundschulen gleichzeitig der Ganztag (als Wahlmöglichkeit) eingeführt wurde, mit einem „breitgefächerten Programm“, auch dank der Zusammenarbeit mit freien Trägern und Vereinen, so OB Ursula Keck. Das Bundesgesetz würde auch hier keine Probleme bereiten, anders als das bei der U3-Betreuung gewesen sei. Murr hingegen hat keine Ganztagsschule, eine Erweiterung der Lindenschule ist für den Schultes aber denkbar. Bedarf nach mehr Betreuung gibt es – und schon eine Warteliste für die Kernzeitbetreuung ab Herbst.

In Korntal wurde derweil die Entscheidung über die Einführung der Ganztagsschule vertagt. Denn abgesehen von der Finanzierungsfrage fehlen weitere Infos. Die letzte Prognose der Schülerzahlen von 2018 sah für 2029, wenn es laut Gesetzentwurf für alle Jahrgänge das Betreuungsangebot geben soll, 1040 Grundschüler vor. Zwei Baugebiete – in „Südlich Werre“ stehen schon Häuser, und das Aichelin-Areal soll mal Heimat für bis zu 1200 Bürger sein – waren da aber noch nicht einkalkuliert.

Nachsitzen muss nun auch die große Politik, die im Vermittlungsausschuss verhandelt. Vor der Wahl kommt eigens deshalb der Bundestag zusammen, sonst wird das Gesetz hinfällig. Zumindest für diese Regierung, nicht aber die Kommunen – denn die Befriedigung des Bedarfs wird sich wohl nicht einfach aussitzen lassen.

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