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Rückzug

„Hausfrau werde ich sicher nicht“

Die Reaktionen auf den Rückzug von Bürgermeisterin Birgit Hannemann pendeln zwischen Bedauern und Verständnis.

Birgit Hannemann – als Bürgermeisterin immer im Amt. Archivbild: Oliver Bürkle
Birgit Hannemann – als Bürgermeisterin immer im Amt. Archivbild: Oliver Bürkle

Erdmannhausen. Nachdem Bürgermeisterin Birgit Hannemann in der Ausschusssitzung am Dienstagabend angekündigt hat, im nächsten Frühjahr nicht mehr für das Bürgermeisteramt zu kandidieren, gehen im Ort die Wogen hoch.

„Keine Entscheidung gegen das Amt,

sondern für die Familie.“

Birgit Hannemann
Bürgermeisterin

„Es war keine Entscheidung gegen das Amt, sondern für die Familie“, macht sie nochmals im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich.

Sie bleibe auch nach Ende ihres Amtes am 31. Mai in Erdmannhausen wohnen, betont die studierte Wirtschaftspädagogin. Dort, wo sie erst jüngst mit ihrem Mann Björn und den drei Kindern ins eigene Haus gezogen ist. Im Großraum Stuttgart werde sie nach einer Stelle suchen, die es ihr erlaube, Familie und Beruf zu vereinbaren, so Hannemann.

Als sie im Frühjahr 2012 mit knapper Mehrheit gegen Amtsinhaber Lutz Schwaigert die Bürgermeisterwahl gewonnen hatte, versprach sie eine bürgernahe Politik und das beherzigte sie auch. Als Birgit Flaig war sie damals angetreten, sie wurde im Wahlkampf von der CDU und der SPD unterstützt und sie bewies, dass sie auch mit Kind den Beruf weiter ausüben kann.

Im Juni 2014 war Sohn Noah auf die Welt gekommen, vier Jahre später schließlich die Zwillinge Elias und Jonas. Als Bürgermeisterin war sie eigentlich immer im Amt, auch wenn sie mal Urlaub hatte und nur für ihre kleinen Söhne da sein wollte.

Die seien in der Öffentlichkeit immer nur die Kinder der Bürgermeisterin, erzählt sie und spricht von einem Leben auf dem Präsentierteller. Nach eigenem Bekunden hatte sie das so nicht erwartet. „Da gibt es schon eine gewisse Erwartungshaltung bei den Bürgern“, stellt sie fest. „Ich kann sagen, dass ich darüber stehe, aber nicht, wenn es auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird“, macht sie deutlich. Auch sie seien zum öffentlichen Gut geworden und das will sie ihnen nicht mehr länger zumuten.

Hannemann hat dabei in jüngster Zeit auch Gespräche mit Bürgermeisterkollegen aus einem anderen Landkreis geführt und die hätten ihr bestätigt, dass manche Kinder darunter leiden, wenn alles was sie tun, beäugt und kommentiert werde. „Es war die Hölle“, habe die inzwischen erwachsene Tochter eines Kollegen gesagt.

Hannemann räumt ein, dass sie sich in einem Konflikt befand. Sie hätte ihren Einsatz für den Ort und die Vereine auch herunterfahren können. „Damit wäre ich aber auch nicht glücklich gewesen“, gesteht sie. Insofern ist der Rückzug nach acht Amtsjahren konsequent.

CDU-Kreisrat Horst Stegmaier, der Hannemann einst als Kandidatin nach Erdmannhausen geholt hat, zollt ihr Respekt für die Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren. „Die Familie geht vor“, sagt Stegmaier.

„Wir bedauern es sehr, dass sie aufhört, können es aber auch verstehen“, meint der SPD-Fraktionsvorsitzende Hans-Georg Götz. Bei diesem Amt sei es schwierig, Familie und Beruf zu vereinen. „Als Chefin einer Verwaltung kann man eben kaum von zu Hause arbeiten“, macht Götz deutlich.

In der CDU gibt es ebenfalls große Betroffenheit über den Rückzug. „Auch eine Bürgermeisterin hat einen Anspruch auf ein Privatleben“, versichert die stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Vanessa Gruber und fragt sich, ob man auch so mit einem männlichen Bürgermeister, der drei Kinder habe, umgegangen wäre.

„Ich kann es verstehen, dass die Bürgermeisterin jetzt Prioritäten setzen muss“, meint die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Martina Glees-Brück. Wenn sich die Bürgermeisterin wegen der Kinder zurückziehe, dann tue ihr das persönlich sehr leid, fügt sie an. Auch der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, Franz Pilhartz, drückt sein tiefes Bedauern über diesen Schritt aus.

Als erster stellvertretender Bürgermeister gratulierte er Hannemann in der Sitzung des Verwaltungs- und Technischen Ausschusses am Dienstagabend zum 40. Geburtstag und seine Rede war auch ein Rückblick auf eine bald achtjährige Amtszeit – samt tatkräftigem Start mit Sondersitzungen, dem Neubau des Kinderhauses Kunterbunt und vielen Veranstaltungen zum 1200-jährigen Ortsjubiläum.

Birgit Hannemann hat Baggerbisse vorgenommen und Bierfässer angestochen, etliche Projekte befinden sich derzeit in der Realisierung. Die Geburtstagsrede wurde nach der überraschenden Ankündigung schließlich zur Laudatio auf eine scheidende Bürgermeisterin.

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