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Herr Hömseder und sein Wunsch nach mehr Musik

Da steht er, der Überzeugungstäter, mitten in seinem Wohnzimmer und kann nicht anders. Peter Hömseder erzählt Geschichten, von der Faszination Rockmusik in seinen jungen Jahren und von den Bemühungen, diese Begeisterung auf seine Schüler zu übertragen. Von den didaktischen Möglichkeiten der Musik, von der großen Befriedigung, mit den Schülern auf der Bühne zu stehen und die selbst erarbeiteten Stücke vorzuführen. Und von dem Staunen der Profimusiker, die plötzlich erkennen, welch kreatives Potenzial in den Schülern steckt. Und natürlich steht er mit seiner Gitarre im Wohnzimmer, denn mit ihr kann er das alles am besten erklären.

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Die Grundschulklasse beim musikalischen Zusammenspiel. Foto: Fotos: Rainer Pfisterer
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Hingabe bei der Probe.
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So sieht Begeisterung aus.

Ludwigsburg. Angefangen hat es im Alter von zwölf Jahren. Der kleine Peter entdeckt in Erdmannhausen die Welt der Musik für sich, wächst mit dem Rock der 70er-Jahre auf. Da bekommt er die erste Gitarre. Er nimmt Unterricht und stellt fest, dass nicht die laute, sondern die leise akustische Musik sein Ding ist. Diese Erkenntnis bestimmt noch immer seine Welt. Heute ist er mit seinem Akustik-Duo „Two men, one beer“ unterwegs und spielt Hits von Tom Petty über Bruce Springsteen bis Bob Seeger. „Ich liebe Ehrliches und Handgemachtes“, sagt er.

Doch zuerst geht es in die Lehre. Peter Hömseder erlernt einen handwerklichen Beruf, aber schon bald zieht es ihn an die Pädagogische Hochschule in Ludwigsburg. Er will Kindern etwas beibringen, will sie begeistern für den Unterrichtsstoff. Geschichte, Geografie und Religion sind seine ersten Fächer. Der Start des Junglehrers Hömseder ist an der Möglinger Hanfbachschule. Er unterrichtet die Klassen 3 und 4 und schon früh beschleicht den Referendar die Ahnung, dass mit der Musik, als verbindendes Element, sich die Inhalte besser vermitteln lassen.

Den ersten Versuch startete er mit den alten Neandertalern. Das Leben unserer frühen Vorfahren stand auf dem Lehrplan und es galt die Schüler, für die Höhlenmenschen auf der Schwäbischen Alb zu begeistern. Da fiel ihm wieder die Musik der 70er-Jahre ein. Mit dem alten Schmachtfetzen „Lady in black“ der britischen Band Uriah Heep sollte es doch gelingen, ein wenig Bewegung in das Leben der frühen Menschen zu bringen. Die Schüler schrieben den Text und mussten sich auf diese Weise mit dem Lehrstoff auseinandersetzen. „Wir haben schnell gemerkt, dass der musikalische Unterricht funktioniert – und zwar fächerübergreifend“, erzählt Hömseder. Das Wichtigste sei allerdings gewesen, dass die Schüler auch Spaß an der Sache fanden. Sie begeisterten sich für das Thema. „Am Ende haben alle wunderbare Neandertaler-Arbeiten geschrieben.“ Und das nächste Projekt zeichnete sich bereits ab.

Es gibt wenig Schüler, die sich auf Anhieb mit Grundschulgedichten anfreunden können. Doch dann kam Peter Hömseder auf die Idee, die ganze Sache musikalisch anzugehen. Er komponierte aus Schulbuchgedichten Rocksongs. Seine Schüler erfanden dazu die passenden Bewegungen.

Später wechselte Hömseder an die Gustav-Sieber-Schule in Tamm – doch seine Rock’n’Roll-Pädagogik nahm er mit. Und weiter ging es mit der Musik im Unterricht: Zu einem Wellengedicht, dachten sich seine Schüler eine Choreographie aus. Bei einem Wiegelied für den Ozean vollzogen die Kinder nach, wo die Wellen oder der Wind schlafen gehen. Mit den wiegenden Bewegungen wurde das Gedicht besungen und natürlich auch auswendig gelernt. „Wir hatten einen Schüler dabei, der zuvor noch eine Sprachheilschule besuchte. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie stolz der Junge war, als er die Strophen fehlerfrei vortragen konnte. Dazu ist nur die Musik fähig“, so Hömseder.

In Tamm wurde die Sache dann richtig groß. Pate stand dabei die Brenz-Band. Im Jahr 2007, bei dem Besuch einer Werkstatt für Behinderte, lernten die Schüler Mitglieder der bekannten Band kennen, die aus behinderten und nichtbehinderten Mitgliedern besteht. Es wurde der Termin für einen gemeinsamen Auftritt ausgemacht. Über den Leiter der Brenz-Band, Horst Tögel, kam der Kontakt zum Stuttgarter Kammerorchester zustande und damit auch zu dem weltberühmten Geiger Daniel Hope. Ein Märchen bahnte sich an.

Der Intendant des Stuttgarter Orchesters wurde kontaktiert und ihm klar gemacht, dass Herr Hömseder und seine musikalische Klasse etwas ganz Besonderes seien. Das wollte Max Wagner sehen und vor allem hören. Der Besuch hinterließ einen bleibenden Eindruck, also wurde die Klasse zu einer Orchesterprobe nach Stuttgart eingeladen. „Für die Schüler und mich war es eine große Ehre, vor dem weltberühmten Orchester aufzutreten.“ erzählt Hömseder. Stargeiger Daniel Hope war anschließend so begeistert, dass sofort ein neues Projekt entstand: Schulgedichte im Zusammenspiel mit klassischer Musik.

Der nächste Coup dann in diesem Jahr. Die Schlossfestspiele gastierten in Tamm und mit ihnen das berühmte Comedy-Duo Rebecca Carrington und Colin Brown. Diese traten schon mit Paul McCartney und Robbie Williams auf. Die musikalische Klasse sollte eigentlich nur im Rahmenprogramm auftreten. Doch schon nach den Proben waren auch die beiden Stars hin- und hergerissen. Es folgte eine CD in den Ludwigsburger Bauer-Studios und eine Tournee, die die Schüler nach Marbach, Möglingen Backnang, Großaspach und Tamm brachte – immer vor ausverkauften Häusern. Für die Schüler ein einmaliges Erlebnis.

Diese Klasse ist inzwischen Geschichte, die Kinder besuchen mit neugewonnenem Selbstvertrauen die weiterführenden Schulen. Herr Hömseder fängt wieder von vorne an mit einer neuen musikalischen Klasse. Doch das Funkeln in den Augen ist geblieben. Er zitiert mit einem kleinen Lächeln den Alt-Rocker Tom Petty: „The future is wide open“.