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Hinter dem Satz steht ein Ja und ein Aber

„Wir schaffen das!“, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel im Spätsommer vor fünf Jahren gesagt, als Tausende Menschen über die Balkanroute kamen und in Deutschland Schutz suchten. Tausende Menschen in Deutschland waren bereit zu helfen. Haben wir es wirklich geschafft? Diese Frage haben wir Helfern an der Basis gestellt. Die Antwort: eigentlich – ja. Auch wenn manchmal ein Aber bleibt.

Die Hilfsbereitschaft war groß, als im Sommer 2015 Flüchtlinge ins Land kamen. Hier ein Foto von der bayrischen Grenze. Foto: Armin Weigel/dpa
Die Hilfsbereitschaft war groß, als im Sommer 2015 Flüchtlinge ins Land kamen. Hier ein Foto von der bayrischen Grenze. Foto: Armin Weigel/dpa

Kreis Ludwigsburg. „Eigentlich haben wir das gut hingekriegt“, sagt Gerlinde Bäßler vom Arbeitskreis Asyl in Asperg, „nicht allein natürlich, sondern mit Unterstützung der Stadt und mit Hilfe der Sozialarbeiter aus dem Landratsamt und mit vielen Ehrenamtlichen.“

Im Oktober 2015 hausten über 130 Männer in der Notunterkunft des Landkreises, einer alten Fabrikhalle in Asperg, unter schwierigsten hygienischen Bedingungen. Vier Jahre lang ging das so. „Das war schon eine Herausforderung!“, erinnert sich die ehrenamtliche Integrationsbeauftragte. Aber auch die Hilfsbereitschaft war groß.

Die 70 Mitglieder des Arbeitskreises stürzten sich in diese Herausforderung. „Unser Arbeitstag hatte damals 16 Stunden, wir hatten alle das Gefühl, wir leben unser Leben doppelt“, sagt Gerlinde Bäßler im Rückblick. Inzwischen habe sich die Zahl der Aktiven auch aus Altersgründen reduziert.

Ganz am Anfang sei jeder überfordert gewesen, bis Struktur in das Chaos kam: „Das war für uns alle ja eine ganz neue Situation, und bis die Strukturen da waren, hat es geruckelt, aber dann hat es ganz prima geklappt.“

Das Café International wurde eingerichtet, Feste wurden gefeiert, alle, von Ostern bis Weihnachten; Deutschkurse wurden organisiert, die Männer zogen eine Radwerkstatt auf, bei der inzwischen auch Flüchtlinge mitarbeiten und die auch unter Coronabedingungen funktioniert. Und die Asperger spendeten alles, was Räder hat.

Erstaunlich sei gewesen, wie rasend schnell – innerhalb von drei bis vier Monaten – die Kinder im Kindergarten Deutsch gelernt haben; und befriedigend war es, wenn die vom Arbeitskreis Betreuten Prüfungen bestanden, Wohnung und Arbeit gefunden haben.

„Schwarze Schafe gibt es überall“, sagt Gerlinde Bäßler, „aber wir haben ganz klar festgelegt: Wenn wir hintergangen werden, brechen wir die Hilfe rigoros ab.“ Die positiven Momente überwogen jedoch. Momente zum Beispiel, in denen jemand, der mit nichts als einer Plastiktüte aus dem Bus gestiegen war, sich bedankte: „Du warst immer fair und offen zu mir.“

Zu sehr vielen der ehemals Betreuten besteht noch immer ein enger Kontakt, sogar zu einem der Abgeschobenen; der berichte inzwischen, wie er in seinem Dorf in Kaschmir von der indischen Armee beschossen werde. „Es ist wichtig, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen“, zieht die Integrationsbeauftragte von Asperg Bilanz und freut sich, wenn die Asperger inzwischen fragen, „wo die Flüchtlinge denn eigentlich jetzt wohnen“. Das sei doch ein sicheres Zeichen von Integration.

Die Frage „Haben wir es geschafft?“ beantwortet Helmut Gabler vom Arbeitskreis Asyl Remseck mit sowohl als auch: „Wir haben vieles geschafft, anderes aber nicht.“ In der Aufbruchstimmung in diesem Sommer 2015 habe jeder mit angepackt und es habe viele Erfolge gegeben, viele der Angekommenen seien in Ausbildung und Arbeit gebracht worden, aber: „Die Integration in die Gesellschaft ist noch ein langer Weg!“ Natürlich gebe es nicht nur Erfolge: „Die kulturellen Unterschiede sind groß, da braucht es viel Geduld.“ Im Wege stünden der Integration zentrale Sammelunterkünfte, Container ohne vernünftiges WLAN, zu wenig bezahlbare Wohnungen, zu wenig Kindergartenplätze und eine Reserviertheit in der Gesellschaft den Flüchtlingen gegenüber.

In den Hochzeiten waren in Remseck 60 bis 70 Ehrenamtliche aktiv, inzwischen habe das Engagement etwas nachgelassen. Nach wie vor aktiv ist der Junge Arbeitskreis Asyl, bei dem zwischen zehn und zwanzig Oberstufenschüler nicht nur Nachhilfe geben, sondern auch Zeit mit jungen Flüchtlingen verbringen. Im neuen Schuljahr soll wieder für dieses Projekt geworben werden.

„Ich finde die Frage schwierig“, sagt Pfarrerin Martha Siebert aus Oberstenfeld, „es gibt eine Menge Positives, aber auch vieles, das nicht funktioniert.“ Die größten Schwierigkeiten sieht sie darin, Wohnungen und eine Arbeit für Flüchtlinge zu finden; zermürbend sei die Bürokratie.

Große Aufregung hatte es 2015 in Oberstenfeld gegeben, weil Flüchtlinge dort in der Erstaufnahme in Zelten untergebracht werden sollten. Schließlich wurde doch ein Containerdorf aufgestellt, das zwischendurch fast leer war. Inzwischen sei jeder Container wieder belegt, allerdings nur mit einer Person. Vielen Ehrenamtlichen vom Freundeskreis sei im Laufe der Jahre die Luft ausgegangen; eine kleine Gruppe versuche, die entstandenen privaten Kontakte zu halten. Erschwerend komme hinzu, dass man sich coronabedingt nicht treffen kann. Martha Sieberts Fazit: „Die Situation ist schwierig.“

Andreas Bührer, Pfarrer an der evangelischen Amanduskirche, zieht für den Arbeitskreis Asyl in Freiberg dagegen eine positive Bilanz: „Wir haben das recht gut hingekriegt, aber wir hatten ja auch keine Alternative, wir mussten uns dem Problem stellen.“ Ganz unvorbereitet war der Kreis der Aktiven dabei nicht. Bereits Anfang des Jahrtausends hatte sich ein Kreis von Ehrenamtlichen um Flüchtlinge gekümmert, der 2013 mit Anstieg der Flüchtlingszahlen in die Asylarbeit regelrecht hineingestoßen worden sei. Mit zehn, elf Freiwilligen hatte es angefangen, in der Hochphase waren 50 Menschen im Arbeitskreis aktiv. Pfarrer Bührer: „Sehr viele Menschen haben sich rufen lassen und haben sich auf ganz tolle Weise eingebracht. Eine Frau hat sich um unbegleitete Minderjährige gekümmert, als wären es ihre eigenen Kinder.“

Und ja, manches habe besser, anderes schlechter geklappt, auch abhängig davon, was die geflüchteten Menschen selbst an Interessen und Bereitschaft mitgebracht haben. Pfarrer Bührer erinnert sich an Enttäuschungen auf beiden Seiten, wenn Asylanträge abgelehnt wurden. Mit einigen der betreuten Familien sind die Arbeitskreis-Aktiven noch heute in Kontakt, andere habe man aus den Augen verloren.

Pfarrer Bührers Fazit: „Der Satz damals war richtig, weil er Mut gemacht und die Richtung vorgegeben hat.“

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