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„Ich freue mich auch darauf, Verantwortung abzugeben“

„Alles hat seine Zeit“: Markgröningens Bürgermeister Rudolf Kürner blickt dem Ende seiner 32-jährigen Amtszeit offenbar gelassen entgegen. In seinem Büro hinter ihm steht ein Schrank des lokalen Schreiners Johannes Mössinger aus dem Jahr 1803. Foto:
„Alles hat seine Zeit“: Markgröningens Bürgermeister Rudolf Kürner blickt dem Ende seiner 32-jährigen Amtszeit offenbar gelassen entgegen. In seinem Büro hinter ihm steht ein Schrank des lokalen Schreiners Johannes Mössinger aus dem Jahr 1803. Foto:
Im Erdgeschoss des Rathauses am Marktplatz stehen schon die Wahlurnen für ihren Einsatz am Sonntag bereit. Dann beginnt für die Menschen in Markgröningen ein Aufbruch, denn zum ersten Mal seit 32 Jahren steht nicht mehr der Name Rudolf Kürner auf den Wahlzetteln. Ein Gespräch mit dem 67 Jahre alten Amtsinhaber über Startschwierigkeiten, Wehmut und alte Flipperautomaten.

Markgröningen. Herr Kürner, als Sie im 18. Februar 1990 erstmals zum Bürgermeister in Markgröningen gewählt wurden, stand die Abstimmung im Vorfeld auf der Kippe, weil es zunächst keine Kandidaten gab. Was war da los?

Es hatte sich bis zum Jahresende 1989 tatsächlich niemand um den Posten beworben. Also entschied sich die Stadt, die Stelle am 10. Januar erneut im Staatsanzeiger auszuschreiben. Ich war damals schon als persönlicher Referent und Pressesprecher des Oberbürgermeisters in Filderstadt auf der Suche nach einer Kommune, die zu mir passen könnte. Im Landkreis Ludwigsburg kannte ich mich aber nicht aus. Die Zeit in Filderstadt war spannend. Die Planfeststellung des Flughafens befand sich in der Endphase. Das war eine gute Vorbereitung für spätere Aufgaben.

Wie ging es weiter?

Ich hatte in Filderstadt einen Kollegen, der mit Heinrich Vogel, meinem Vorgänger in Markgröningen, in einer anderen Angelegenheit telefoniert hatte. Sie kannten sich aus dem Studium. Heinrich Vogel klagte im weiteren Verlauf des Gesprächs, dass es keine Bewerber um den Bürgermeisterposten gebe. Mein Kollege hat mir anschließend den Tipp gegeben, in Markgröningen zu kandidieren. Zu meinem Vorgänger hatte ich sofort einen guten Draht. Wir sind beide in Reutlingen geboren.

Wie war Ihr erster Eindruck von Markgröningen?

Ich habe mir die Stadt an einem Januarsonntag mit meiner Frau und unserer Patentochter angeschaut. Am Abend haben wir dann gemeinsam entschieden, dass ich mich bewerbe.

Der Ausgang ist bekannt. Sie holten gleich im ersten Anlauf rund 73 Prozent.

Und das bei zwei Mitbewerbern, die sich schließlich doch noch fanden. Der eine war Thomas Storkenmaier, Hauptamtsleiter in Marbach, er hatte eine ähnliche Qualifikation wie ich. Der andere Kandidat war ein abgewählter Bürgermeister aus Hessen, der vergeblich gehofft hatte, dass die Markgröninger CDU ihn unterstützen würde. Für mich war es ein toller Start, den ich jedem anderen Bürgermeister auch wünsche.

Wie liefen Ihre Wiederwahlen ab?

Ich hatte zweimal deutlich mehr als 90 Prozent, beim vierten Mal waren es 82 Prozent. Ich lag damit immer noch im Schnitt bei Wahlen in Baden-Württemberg, aber natürlich gibt es nach all den Jahren auch Bürger, die sagen: „Jetzt kann er auch mal in Rente gehen.“ Schauen Sie sich die Bundespräsidentenwahl am vergangenen Sonntag an: Frank-Walter Steinmeier hatte in der Bundesversammlung 73,3 Prozent. Da lag ich mit meinen 82 Prozent doch immer noch ganz gut (schmunzelt).

Sind Sie erleichtert, dass es am morgigen Sonntag eine andere Ausgangslage als 1990 gibt und sich fünf Kandidaten um den Bürgermeisterposten in Markgröningen bewerben?

Ich bin froh darüber. Die Kandidaten machen auf mich einen engagierten Eindruck. In der Sache bin ich aber natürlich neutral.

Wie verbringen Sie den Wahlsonntag?

Nach dem Frühstück starte ich mit Bettina Glasbrenner, die als Fachgebietsleiterin im Rathaus für Wahlen zuständig ist, die Rundfahrt zu allen Wahllokalen, um unter anderem den Wahlhelfern für ihren Einsatz an diesem für die Stadt so wichtigen Tag zu danken. Meine Stimme werde ich im Spitalsaal abgeben, meine Frau hat per Brief gewählt. Außerdem werde ich am Grab unserer Ehrenbürgerin Annemarie Griesinger einen Kranz niederlegen. Am Sonntag ist ihr zehnter Todestag. Ab 18 Uhr bin ich dann wieder im Rathaus und hoffe, gegen 20.30 Uhr ein Ergebnis bekanntgeben zu können.

Rechnen Sie damit, dass einer der Kandidaten im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht und Markgröningen am Sonntagabend den Namen des neuen Bürgermeisters schon kennt?

Ich wünsche mir, dass wir uns einen zweiten Wahlgang ersparen können. Corona hat dafür gesorgt, dass unser Team im Rathaus reduziert ist. Außerdem müssen wir uns jetzt mit voller Kraft dem Schäferlauf zuwenden. Aber Bürgermeisterwahlen haben eigene Gesetze.

Spüren Sie Wehmut, dass Ihr Name am Sonntag nicht mehr auf dem Wahlzettel steht?

Ja, natürlich. Ich bin fast die Hälfte meines Lebens Bürgermeister in Markgröningen, und ich bin es immer noch gern. Aber alles hat seine Zeit. Ich freue mich auch darauf, die große Verantwortung abgeben zu können.

An welchen Themen hätten Sie noch gerne in Markgröningen weitergearbeitet?

Es ist vieles auf den Weg gebracht worden. Wir haben Projekte wie die Kita im Nonnenpfad in Unterriexingen, die Sanierung der Sporthalle I, das interkommunale Gewerbegebiet in Schwieberdingen und natürlich die Bahnreaktivierung angestoßen. Daran werde ich auch als Ruheständler Anteil nehmen, wenn die Vorhaben eingeweiht werden. Am Benzberg bekommen wir ein rund 15 Ar großes Grundstück für einen neuen Kindergarten. Die evangelische Kirchengemeinde hat sich bereiterklärt, hier die Trägerschaft zu übernehmen.

Die Unesco hat den Schäferlauf als Kulturerbe geadelt, neuerdings steht er auch als Zusatzbezeichnung auf den Straßenschildern. Haben Sie sich damit Ihren Eintrag in den Markgröninger Geschichtsbüchern gesichert?

Eine so schöne Plattform wie den Schäferlauf hat nicht jeder Bürgermeister. Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Auf einige Errungenschaften bin ich auch stolz. Wir haben 1994 den Schafhaltungsfonds eingeführt, er hat mittlerweile rund 600000 Euro eingespielt. Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, dass wir einen eigenen Stadtschäfer bekommen. Das Highlight ist aber sicherlich die Auszeichnung der Unesco, da haben wir in meiner Amtszeit etwas Bleibendes schaffen können. Die Zusatzbezeichnung auf den Ortsschildern sehe ich als sehr schönen Werbeeffekt an.

Der Schäferlauf hat der Stadt aber nicht nur Freude gemacht.

Wir sind auch leidgeprüft. In den 50er Jahren stürzte eine Tribüne auf dem Stoppelfeld ein. Einmal ging ein Pferdekutschengespann vom Oberen Tor bis zum Marktplatz durch. Das waren Vorfälle, die vielen Menschen in Markgröningen noch heute im Gedächtnis sind. Wenn ich in Bad Urach oder Wildberg die Schäferläufe besuche, kann ich das Treiben entspannt verfolgen. Da stört es mich auch nicht, wenn es regnet. In Markgröningen beten wir vorher, dass es trocken bleibt (lacht).

Der Stadt geht es finanziell nicht gut. Hat das Amt zuletzt weniger Spaß gemacht?

Das Problem ist, dass Markgröningen für eine 15000-Einwohner-Stadt eine sehr ausgeprägte Infrastruktur hat. Wir übernehmen im Bildungsbereich Aufgaben für die Nachbarkommunen, für die wir keine finanzielle Beteiligung einfordern können. Außerdem haben wir mit etwa 2700 Hektar eine weit überdurchschnittliche Gemarkungsgröße. Die 100 Baudenkmale in der Innenstadt fordern uns seit 40 Jahren viel ab. Das alles zu unterhalten, kostet wahnsinnig viel Geld.

Am Benzberg sind Ihnen zudem die Kosten für die Sanierung des Bildungszentrums um die Ohren geflogen. Unter dem Strich stehen 31 Millionen Euro – etwa zehn Millionen mehr als geplant.

Wir haben 15500 Quadratmeter an Schulfläche generalsaniert. Vergleichen Sie das mal mit Nachbargemeinden, die ebenfalls Schulen modernisiert haben und teilen Sie die Quadratmeter durch die Kosten: Sie werden feststellen, dass wir nicht zu viel ausgegeben haben.

Was war das Problem?

Wir haben alle zusammen einen Fehler gemacht. Der Gemeinderat wollte, dass wir noch zu Kosteneinsparungen kommen, was dazu führte, dass die Generalsanierung für ein Jahr gestoppt wurde. Allerdings explodierten in dieser Zeit die Baukosten. Die Preise für Holz und Stahl spielen verrückt. Das werden wir mutmaßlich auch beim Neubau der Kita im Nonnenpfad zu spüren bekommen.

Ihre Amtszeit endet nach 32 Jahren am 14. Mai. Wie geht es für Sie weiter?

Ich ziehe mich ins Privatleben zurück. Konkrete Pläne habe ich noch nicht, allerdings einige Hobbys und Freunde. Ich habe mir ein altes Motorrad zugelegt, eine BMW K100, vier Zylinder, Baujahr 1985, das ich umbauen will. Auch wenn mein Schwiegervater witzelt, dass die Maschine schon wie neu aussieht. Außerdem sammele ich alte Flipperautomaten. Da warten einige gute Stücke darauf, dass ich sie wieder benutze.