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„Ich habe nie bereut, dass ich weggegangen bin“

Als die Mauer fiel, brach für Sabine Rossow-Braun ein Stück ihrer Wirklichkeit zusammen. Ein Jahr später zog sie nach Ludwigsburg und begann hier ein neues Leben. Der heutige Blick auf die DDR macht sie wütend.

Holm Wolschendorf. Foto: Andreas Becker
Holm Wolschendorf. Foto: Andreas Becker
Sandra Weidmann. Foto: Holm Wolschendorf „Wir haben heimlich unsere Koffer gepackt“ Flucht war schon lange ein Thema für Carsten Sauerwald. Den ersten Fluchtversuch musste er abbrechen. Beim zweiten Mal schaffte er über Ungarn den Weg in den Westen.
Sandra Weidmann. Foto: Holm Wolschendorf „Wir haben heimlich unsere Koffer gepackt“ Flucht war schon lange ein Thema für Carsten Sauerwald. Den ersten Fluchtversuch musste er abbrechen. Beim zweiten Mal schaffte er über Ungarn den Weg in den Westen. Wenige Tage später fiel die
Sabine Rossow-Braun.Foto: Andreas Becker
Sabine Rossow-Braun. Foto: Andreas Becker
Carsten Sauerwald.Foto: Andreas Becker
Carsten Sauerwald. Foto: Andreas Becker

Sabine Rossow-Braun steht unmittelbar vor ihrem 21. Geburtstag, als am 9. November 1989 die DDR kollabiert. Die junge Frau will Lehrerin werden und studiert zu diesem Zeitpunkt im dritten Semester Pädagogik an der Ostberliner Humboldt-Universität. „Die Nachricht, dass die Mauer offen ist, haben wir gar nicht für voll genommen. Wir dachten, die wird wieder zugemacht“, erinnert sich die heute 50-jährige Ludwigsburgerin. Am Tag danach will sie es dann doch genauer wissen. Dieser Tag ist ihr Geburtstag und gemeinsam mit einem Studienfreund geht sie nach der Vorlesung „Die politische Ökonomie des Kapitalismus“ über die Grenze. „Wir konnten es nicht glauben. Dort war eine riesige Partystimmung. Es war unheimlich voll. Überall wurde geklatscht und gejubelt.“ Dieser Tag hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Was sie auf der anderen Seite der Mauer sieht, ist eine fremde Stadt. „Das sah völlig anders aus. Das war nicht das Berlin, das ich kannte. Die Leute hatten sogar einen anderen Berliner Dialekt.“ Der erste Gegenstand, den sie sich im Westen kauft, ist ein Deutsch-Englisch-Wörterbuch von Langenscheidt. Das besitzt sie heute noch.

Aufgewachsen ist Sabine Rossow-Braun in einem kleinen Ort, der direkt an Ostberlin grenzt. „Ich hatte eine völlig normale DDR-Kindheit.“ Sie durchläuft das komplette Programm mit Pionieren und der FDJ. Die ideologische Färbung der DDR-Jugendorganisationen empfindet sie weder als bereichernd noch als störend. Dass ihr altes Leben in der DDR so abrupt enden würde, hätte sich Rossow-Braun als junge Frau niemals vorstellen können. „Natürlich hatte der Mauerfall einen Vorlauf. Es gab ein großes Unsicherheitsgefühl und Druck in der DDR. Es war klar, dass es so nicht weitergeht. Mir hat das Angst gemacht.“

Nach dem 9...November 1989 wird ihr schnell klar, dass ein Studium an einer DDR-Hochschule jetzt wohl „für die Katz ist“. Doch sie fühlt sich jung genug, um noch einmal von vorne zu beginnen. Also streckt sie ihre Fühler aus. Zum Beispiel zu einer Brieffreundin, die in einem kleinen Ort an der Jagst in Baden-Württemberg wohnt. Die besucht sie und lernt auf der Rückfahrt jemanden aus Ludwigsburg kennen. So beginnt das neue Leben.

Durch weitere Kontakte und einige Zugfahrten zwischen Ost und West später entscheidet sich Sabine Rossow-Braun Ende 1990 nach Ludwigsburg zu gehen. Sie will an der Pädagogischen Hochschule oder an der Verwaltungshochschule ein neues Studium beginnen. Am Ende wird es die Verwaltungshochschule. Wegen der Sicherheit. „Wer den Zusammenbruch eines Staates erlebt hat, für den gibt es nichts Bedeutenderes als Sicherheit.“

Der ursprüngliche Plan ist, nach dem Studium zurückzukehren. Doch daraus wird nichts. In Ludwigsburg lernt Sabine Rossow-Braun ihren Mann kennen, einen schwäbischen Handwerker. Mit ihm gründet sie eine Familie. Seither ist Ludwigsburg ihre Heimat, die Stadtverwaltung ihr Arbeitgeber. „Ohne den Mauerfall wäre ich nie weggegangen, sondern in meinem kleinen, engen Leben geblieben. Wegzugehen war gegen meine Natur.“ Im Rückblick ist für sie aber klar: „Ich habe nie bereut, dass ich weggegangen bin.“

Was sie heute stört, ist der – meist westliche – Blick auf den Osten. „Ich habe weder Einschränkungen noch Gehirnwäsche erlebt“, sagt Sabine Rossow-Braun über ihr Leben in der DDR. Sie habe damals nicht verstanden, dass jemand in den Westen flieht. „Wir hatten Angst vor dem Westen. Dort gab es Arbeitslose und Drogenabhängige.“ Existenzielle Ängste habe sie in der DDR dagegen nicht gespürt. „Man hat sich keine Sorgen machen müssen.“ Der Umgang der Menschen untereinander sei freundlich, nett und offen gewesen. Niemand habe seine Haustüre abgeschlossen.

Heute werde die Geschichte erzählt, dass Westdeutschland ein kleines versifftes Staatsgefängnis gerettet habe. Diesen Gedanken findet Rossow-Braun überheblich. Die DDR-Bürger seien bei der Wiedervereinigung um ihre Erinnerungen und Erfahrungen gebracht worden. „Vor allem für die älteren Leute war das eine Katastrophe.“ Alle Wertvorstellungen seien plötzlich auf den Kopf gestellt worden.

Auf die Berichterstattung – wie jetzt zum Jubiläum – kann sich Sabine Rossow-Braun oft nicht einlassen. „Das nervt mich und ist mir viel zu eindimensional. Das kommt für mich der Wahrheit nicht nahe genug.“

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