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„Ich würde es wieder tun“

Was heißt es, ein denkmalgeschütztes Haus zu kaufen und zu sanieren? Claudia Wild hat es erlebt

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Denkmal-Besitzerin Claudia Wild.Foto: privat

Ludwigsburg. Nein, an Zufälle glaubt Claudia Wild nicht. „Ich bin überzeugt, die Dinge fallen einem zu, wenn die Zeit dazu reif ist“, sagt die 60-Jährige. In der Leonberger Straße hat sie sich einen ganz besonderen Traum erfüllt. Der Weg dorthin, war alles andere als geplant.

Viele Jahre war Claudia Wild als Betriebswirtin in der Werbebranche tätig. Und viele Jahre trägt sie die Idee in sich, einen eigenen Bildermarkt zu eröffnen. Ab 2010 arbeitet sie darauf hin, diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen. „Zwei Jahre habe ich in Stuttgart, Ludwigsburg und Esslingen nach geeigneten Räumlichkeiten gesucht“, erzählt die gebürtige Pforzheimerin, die heute in Remseck lebt. Ein schwieriges Unterfangen – denn für ihren Bildermarkt sucht sie eine innenstadtnahe Fläche von 500 Quadratmetern.

Das Haus entpuppt sich als Schmuckstück

2012 wird sie schließlich in Ludwigsburg fündig. Bei einer Zwangsversteigerung erwirbt sie für 500 000 Euro ein abgewirtschaftetes Areal an der Leonberger Straße 17. Das Wohnhaus vorne sei für sie zunächst gar nicht interessant gewesen, sagt Wild. Dafür die ehemalige Autowerkstatt und die Garagen hinten. Dort sieht sie sofort Potenzial für ihren Bildermarkt.

Welches Schmuckstück sie mit dem Wohnhaus erworben hat, wird ihr erst nach und nach klar. „Ich habe natürlich gewusst, dass das Haus unter Denkmalschutz steht und viele Jugendstil-Elemente hat. Was mir nicht klar war, ist, was am Ende bei der Sanierung alles rausgekommen ist.“

Das Haus in der Leonberger Straße 17 stammt im Kern aus dem Jahr 1864. Ab 1891 wurde es umgebaut. Damals kommt ein neobarocker Bau über der Toreinfahrt dazu. Zudem erhält das Wohnhaus seine schmuckvolle Fassade.

Diese Elemente sind auch 2012, als Claudia Wild das Haus kauft, noch erhalten. Sie machen bis heute den besonderen Charakter des Hauses aus. Was Claudia Wild damals aber nicht ahnen kann, ist, was sie im Inneren des Hauses erwartet. Gemeinsam mit ihrem Schwiegersohn, der Architekt ist, und mit Unterstützung des Landesdenkmalschutzes geht sie die Restaurierung an.

Das Fachwerk stellt sich gleich als ziemlich morsch heraus. Viele Balken müssen erneuert oder mit frischem Holz ergänzt werden. „Anfangs haben wir jeden Tag eine neue Wand freigelegt.“ In einigen Wohnräumen befinden sich 17 oder sogar 18 Lagen Tapeten an der Wand. Die unterste ist eine Zeitung aus dem Jahr 1884. Im Flur der oberen Wohnungen tauchen sogar Wandmalereien aus dem 19. Jahrhundert auf. Darauf sind das Ulmer Münster und der Kölner Dom zu sehen. Auch im Treppenhaus werden kunstvolle Wandverzierungen freigelegt.

Unter den strengen Regeln des Denkmalschutzes und mit Liebe zum Detail wird das gesamte Haus über zweieinhalb Jahre saniert. Es gibt in dieser Zeit keinen Tag, an dem Claudia Wild sich nicht mit dem Haus beschäftigt. Aus dem einst baufälligen Gebäude wird so ein Kleinod des Jugendstils.

„Die vier Wohnungen zu vermieten, war überhaupt nicht schwierig“, sagt Claudia Wild. Aufgrund der aufwendigen Restauration hat sie viele Zimmer selbst eingerichtet und möbliert. „Die Mieter können mit dem Rollkoffer kommen.“ Die Wohnungen bleiben dadurch von Umzugsschäden verschont.

Auch wenn Claudia Wild sich zuvor weder für denkmalgeschützte Immobilien noch für die Bauten des Jugendstils im Speziellen interessiert hat, mittlerweile ist ihr das Haus sehr ans Herz gewachsen. „Das Haus lebt und korrespondiert perfekt mit dem Bildermarkt“, sagt sie. Man spüre zwischen den alten Mauern viel gute Energie und Liebe.

Der Jugendstil war schon immer ihr Stil

Für den Jugendstil hatte sie schon immer eine Schwäche – seine Extravaganz, seine Sinnlichkeit und seine Exotik. „Jugendstil ist mein Stil. Mich reizt sehr viel an dieser Epoche.“ Bereits als Zehnjährige begeistert sie sich für Jugendstil-Ornamente. Damals lernt sie auch Ludwigsburg kennen. Ihre Großeltern leben hier. Von ihrer Großmutter staubt sie als Kind eine Jugendstil-Bonbonniere ab. „Ich habe Ludwigsburg lieben gelernt.“ Die Barockstadt sei auch ein Gegenpol zum nüchternen und pragmatischen Stil ihrer Heimatstadt Pforzheim gewesen.

Aus der Autowerkstatt, die aus den 60er-Jahren stammt und den alten Pferdeställen, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurden, ist nach dem Umbau der Bildermarkt Hofkunst geworden. Dort ermöglicht Claudia Wild Dutzenden Künstlern, ihre Werke auf den Markt zu bringen – und zwar zu Preisen unterhalb denen von Galerien, wie sie betont. Interessant sind für Wild vor allem „Künstler, die den Durchbruch noch nicht geschafft haben.“

Neben Leidenschaft brauche man für eine denkmalgerechte Sanierung vor allem viel Nerven und viel Geld, sagt Wild. Zwar wird man bei den reinen Restaurationsarbeiten mit bis zu 50 Prozent vom Land finanziell unterstützt. Außerdem kann man die Renovierungskosten steuerlich abschreiben. Dafür muss man sich aber an alle strengen Vorgaben des Denkmalschutzes halten. Steckdosen oder Lichtschalter dort hinsetzen, wo man will, ist nicht möglich. Sogar der Grundriss der Wohnungen ist geschützt. „Ich bin froh, dass der Umbau jetzt vollbracht ist“, sagt Claudia Wild. Trotz allem ist für sie klar: „Ich würde es wieder tun.“