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Im Maschinenraum der Autofiktion

Spirituelle Leerstelle: Norbert Gstrein (links) und Carsten Otte bei ihrem Gespräch am Literaturarchiv. Foto: DLA Marbach/p
Spirituelle Leerstelle: Norbert Gstrein (links) und Carsten Otte bei ihrem Gespräch am Literaturarchiv. Foto: DLA Marbach/p
Am Internationalen Museumstag unterhält sich der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein am Deutschen Literaturarchiv Marbach mit dem Wissenschaftler Carsten Otte über Bedingungen und Motivationen des Schreibens – und seine Beziehung zu Hölderlin.

Marbach. Nur zu gern hätte man diesen Internationalen Museumstag auf der Schillerhöhe zum Anlass genommen, die Pforten aufzutun zur Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“, die seit nahezu einem Jahr aufgebaut, bislang aber nur wenige Wochen öffentlich zu sehen war. Doch das lässt die Bundesnotbremse genannte Neuregelung des Infektionsschutzgesetzes nicht zu. Und so sieht man Norbert Gstrein und Carsten Otte nun „leibhaftig“ (Museumschefin Heike Gfrereis in ihrer kurzen Begrüßung) im Livestream an einem Tisch im Deutschen Literaturarchiv (DLA) sitzen, im Hintergrund an die Wand gepinnt einige der 36 Stichwortkarten mit Begriffen aus Hölderlins bekanntestem Gedicht „Hälfte des Lebens“, die sich als lichtblaue Linie durch die Ausstellung ziehen.

Ein anderes, das Jugendgedicht „Die Stille“, sollte im Mittelpunkt ihres Gesprächs stehen. Falls die Erwartung einer Interpretation bestanden hatte, wurde diese enttäuscht: Mehr als an der Textexegese Hölderlinscher Lyrik schien Moderator Otte daran interessiert, Parallelen und Unterschiede zwischen dem 1770 in Lauffen am Neckar geborenen Dichter und seinem Gesprächsgast zu erkunden. Was „Literatur, die aufs Ganze geht“, im Kern ausmacht, das suche er zu ergründen, so der Literaturwissenschaftler.

Die Frage nach den Umständen des Aufwachsens darf da nicht fehlen. In Tirol hat Norbert Gstrein, Jahrgang 1961, eine „Dorfkindheit“ verbracht. Auf das Ansinnen, über die familiären Verhältnisse seiner Herkunft zu sprechen, antworte er gemeinhin mit „großen Ausweichbewegungen in die Literatur hinein“, gab der österreichische Schriftsteller preis. Auf jeden Fall wolle er kein Idyll aus seiner Kindheit machen. Dadurch, dass sie „problembehaftet“ gewesen sei und er mit seinen vielfach autobiografisch motivierten Arbeiten versuche, „Funken daraus zu schlagen“, ergebe sich die Schwierigkeit, dass er zu genau „in den Maschinenraum dessen sehen müsste, was meinen Antrieb erzeugt.“

Auch sein Verhältnis zur Religion – schließlich hat Hölderlin auf Wunsch seiner Mutter ein Theologiestudium absolviert – hält Gstrein für „nicht sehr interessant“: Freilich, die kirchlichen Feste haben den Jahreslauf strukturiert, als Ministrant sei er der katholischen Kirche in einer „kindlichen Gläubigkeit“ verbunden gewesen, auch von einem Klosterinternat ist die Rede. Dies alles hänge ihm „schleppend nach“, geblieben sei – und hier mag Gstrein einen Bogenschlag zu Hölderlin erkennen – „eine Sehnsucht, dass das, was der Fall sei, nicht alles sei.“ Seine literarische Sozialisierung sei anfangs eine sehr beliebige gewesen: „Ich habe sehr viel Konsalik und Simmel gelesen“ – Trivialliteratur, von Besuchern im Elternhaus zurückgelassen. Handwerklich lasse sich im Gelingen und Scheitern von Genreromanen viel lernen, meinte Gstrein – vor allem im Sinne von: „Wie mache ich es besser?“ Insgesamt gelte es aber festzustellen, dass eine im Hölderlinschen Sinne mit Mythen und Größe ausgestaltete, in einer gewissermaßen spirituellen Leerstelle gefundene Differenz zum Dasein als Mensch für ein modernes Bewusstsein als „höhere Berufung“ nicht mehr zur Verfügung stehe: „Heute muss man mit dieser Differenz leben und versuchen, sie im Schreiben fruchtbar zu machen, nur indem man sie ausstellt und eben nicht auffüllt.“ Anstelle von Theologie hat Gstrein Mathematik studiert. Sein Wunsch: Wenigstens für einen Teilbereich der Wirklichkeit eine Sprache zu haben, um sie exakt zu beschreiben. In gewisser Analogie zur Religion, wie Gstrein auf Ottes Einwurf einräumte, aber durchaus auch ihr ergänzendes Gegenstück.

Zurückgesetzsein und sich selbst zurücksetzen, darin sehe er am ehesten eine Verbindung zu Hölderlin. „Untermietumstände“ kämen seinem Schreiben entgegen. Angesprochen auf seinen hypotaktischen Satzbau, sagte der heute in Hamburg lebende Autor, dass hinter der Angst vor dem Punkt die vor der drohenden Leerzeile stehe. Und die Angst vor dem 3.Juni, seinem 60. Geburtstag? Ganz bewusst habe er sich entschieden, mit dem Protagonisten seines jüngsten autofiktionalen Romans „Der zweite Jakob“, eine Figur vorauszuschicken. Dessen erster Satz, von dem er sich nie mehr ganz erhole, lautet: „Natürlich will niemand sechzig werden.“