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Im Ozean des Wahnsinns unterwegs

Online-Literaturfestival „ #Step Two“: Schriftsteller sprechen über ihre Arbeit

Nairobi/Brüssel/Marbach. Die Komplexität des Themas Gender, die Suche nach Identität und die Frage nach Geschlecht sollte im Mittelpunkt des vierten Termins des internationalen Online-Literaturfestivals „#Step Two“ stehen, das vom Deutschen Literaturarchiv organisiert wird und sich als Erweiterung der Ausstellung „Narrating Africa“ im Literaturmuseum der Moderne versteht.

Doch weder die kenianische Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor noch der eritreisch-äthiopische Autor Sulaiman Addonia mögen sich so recht auf den im Veranstaltungstitel „Narrating Gender“ anklingenden Diskurs einlassen, als die Historikerin Margret Frenz von der Universität Stuttgart das in englischer Sprache geführte Gespräch auf diesen Punkt zu lenken sucht.

„Ob Frau, Mann oder Cyborg – Story ist Story“, erklärt die aus Nairobi zugeschaltete Autorin, die 2003 für ihre Kurzgeschichte „The Weight of Wispers“ mit dem prestigeträchtigen AKO Caine Prize für African Writing ausgezeichnet und 2015 für ihr Romandebüt „Dust“ (deutsche Übersetzung: „Der Ort, an dem die Reise endet“) mit dem Jomo-Kenyatta-Preis geehrt wurde. Prinzipiell sei sie eher an der Entwicklung ihrer Charaktere als an Genderfragen interessiert und diese tendierten stets dazu, „einen eigenen Willen zu besitzen, ohne sich um die politischen Überzeugungen und Haltungen ihres Autors zu kümmern“. Auch Addonia, dessen 2008 erschienener erster Roman „The Consequences of Love“ in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde („Die Liebenden von Dschidda“), betont, dass es für ihn in erster Linie darum gehe, „sich der Story zu unterwerfen“.

In diesem Sinne beginne die Arbeit des Schriftstellers weit vor dem eigentlichen Schreiben mit der Beobachtung der Welt. In dem Moment, wo er sich an den Schreibtisch setze, überantworte er die Gestaltungsmacht seinen Figuren: „Von dort aus schreibt sich die Geschichte selbst.“ Dann tauche man ein in den „Ozean des Wahnsinns“.

Ein Stichwort, das Owuor wiederum sichtlich zu gefallen scheint. Lachend pflichtet sie ihm bei: „Genau, sie sind überall um uns herum!“ Als eine „Folterkammer“, deren Tür man nicht öffnen könne, bevor sie einen schließlich gehen lässt, beschreibt die 53-jährige Literatin, die auch als Kuratorin von Film- und Literaturfestivals in Erscheinung tritt, ihre Schreiberfahrungen als eine Form poetologischer Heimsuchung.

Nachdem zuvor kurze Ausschnitte aus aktuellen Werken der beiden Gäste zu hören waren – Owuor las aus dem ersten Kapitel von „The Dragonfly Sea“ (2020 als „Das Meer der Libellen“ erschienen), Frenz trug aus Addonias „Silence Is My Mother Tongue“ vor (unter dem Titel „Schweigen ist meine Muttersprache“ veröffentlicht) – identifiziert die Moderatorin im Motiv der Stille eine weitere Gemeinsamkeit.

Dass er ein stilles Kind war, habe ihn seiner Umgebung ein wenig unheimlich erscheinen lassen, weil in der Welt der Erwachsenen Präsenz eng mit dem Sprechen verbunden gewesen sei, erzählt Addonia, der seine ersten Lebensjahre in einem Flüchtlingscamp im Sudan verbrachte, ehe er über Saudi-Arabien und London nach Brüssel kam. Zehn Jahre habe er an „Schweigen ist meine Muttersprache“ gearbeitet, vieles davon sei in der „vermeintlichen Stille“ der Nacht entstanden. Owuor bekennt sich zu einer ambivalenten Beziehung zur Stille: die glückselige Ruhe lesender Menschen und alter Kirchenräume, die Stille der Amnesie in der kenianischen Gesellschaft nach den auf die Präsidentschaftswahl 2007 folgenden Unruhen.

Info: Die Gesprächsaufzeichnung ist auf dem Youtube-Kanal des Deutschen Literaturarchivs abrufbar.