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Im Spannungsfeld zwischen Gewerbe und Naturschutz

Die Region scheint bereit zu sein, in Mundelsheim einen Grünzug zu reduzieren, um dort in großem Stil Gewerbe anzusiedeln. Ist das überhaupt nötig?

Grünflächen in Mundelsheim: Auf rund 20 Hektar könnte hier ein regionaler Gewerbeschwerpunkt entstehen. Foto: Andreas Becker
Grünflächen in Mundelsheim: Auf rund 20 Hektar könnte hier ein regionaler Gewerbeschwerpunkt entstehen. Foto: Andreas Becker

Mundelsheim/Stuttgart. Vor sechs Jahren nimmt der Stuttgarter Regionalverband vier Kommunen im Kreis Ludwigsburg ins Visier, die eins gemeinsam haben: Ingersheim, Bietigheim-Bissingen, Schwieberdingen und Korntal-Münchingen liegen nah an der A81 und sollten so auf zusammen rund 75 Hektar Heimat für Betriebe werden, die emissions- und störungsintensive Geschäfte betreiben. Doch im Sommer 2021 zeichnet sich auf ihren Flächen, die als regionale Gewerbeschwerpunkte kategorisiert wurden, eine „bauliche Entwicklung nur vereinzelt ab“, wie der regionale Planungsdirektor Thomas Kiwitt einräumt.

Andere Standorte „nicht der Renner“

Das hält seinen Regionalverband allerdings nicht davon ab, weiter nördlich, in Mundelsheim, auf rund 20 Hektar ein Auge auf einen weiteren Gewerbeschwerpunkt an der A81 zu werfen, womöglich einen Grünzug im Gewann Benzäcker zu opfern und ein Verfahren voranzutreiben, um den Regionalplan zu ändern. Am Mittwochnachmittag haben Kiwitt und seine Mannschaft dafür in der Regionalversammlung eine breite Mehrheit bekommen (wir berichteten). „Wir brauchen Dispositionsflächen für Betriebe mit großem Platzbedarf“, sagt Kiwitt. „Uns fehlen solche Angebote in der Region.“ Auf dem Spiel stehen in seinen Augen Beschäftigung und Lebensqualität der Menschen, wenn Unternehmen abwandern sollten, die in der Region keine Entfaltungsmöglichkeit mehr sehen.

Gegen das Vorhaben ziehen nur zwei Fraktionen und der BUND ins Feld. Die grüne Regionalrätin Ingrid Grischtschenko etwa attestiert den vor sechs Jahren ausgeguckten vier Standorten im Kreis, dass „sie nicht der Renner sind“, und stellt die Strategie der Region infrage, die sie so zusammenfasst: „Wenn es in vier Gewerbegebieten nicht tut, weisen wir ein fünftes aus. Nach dem Motto: Viel hilft viel.“ Die Grünen schlagen stattdessen vor, Leerstände zu revitalisieren und nicht neue Flächen auszuweisen, sondern bestehende umzuwandeln.

Der Ludwigsburger Linke Sebastian Lucke bescheinigt der Region, dass „überdimensionierte Neuausweisungen von Produktionsanlagen in die Wirtschaftspolitik des vergangenen 20. Jahrhunderts gehören“. Ähnlich äußerte sich der Marbacher Kreis-BUND-Chef Stefan Flaig gegenüber unserer Zeitung in der vergangenen Woche. Die Linke stimmte in der Regionalversammlung nur nicht gegen das Projekt in Mundelsheim, sondern enthielt sich, weil sie den Ansatz der Teilrücknahme eines bestehenden Gewerbeschwerpunktes, gemeint ist die Ottmarsheimer Höhe in Besigheim, und dessen Renaturierung spannend findet.

Kommt es zu einem Bürgerentscheid?

Tatsächlich reichen die Finger einer Hand aus, um zu zählen, wo es die Region in den vergangenen gut zehn Jahren ausnahmsweise erlaubt hat, in Grünzüge einzugreifen: für Porsche in Weissach etwa, die Hohenstein-Institute in Bönnigheim oder einen alteingesessenen Betrieb in Vaihingen. Warum also jetzt auch Mundelsheim?

Weil laut Kiwitt unter anderem die Raumschaft hinter dem regionalen Gewerbeschwerpunkt steht, der ebenfalls an der Autobahn liegt und ortsdurchfahrtfrei zu erreichen wäre. Vier Kommunen haben bereits eine Absichtserklärung unterzeichnet: Neben Mundelsheim gehören Besigheim, Gemmrigheim und Walheim dazu. Außerdem gibt es Rückendeckung aus fünf Fraktionen.

„Die Region Stuttgart muss ein Versprechen für die Zukunft sein, für heutige und kommende Generationen, für Ideen und für Neues“, sagt zum Beispiel der CDU-Politiker Jan Tielesch. „Dafür braucht es Raum, Zeit und Entfaltungsmöglichkeiten.“ Für die Freien Wähler dürfe es wirtschaftspolitisch keinen Stillstand geben. „Stillstand ist Rückschritt“, so Wilfried Dölker. Außerdem stelle das jetzt eingeleitete Verfahren auch eine umfassende Umweltprüfung sicher. Die Steinheimer Sozialdemokratin Regina Traub weist darauf hin, dass „gerade den Schlüsselbranchen Flächen fehlen, die zeitnah und zügig erschlossen und genutzt werden können“. Schließlich, so die AfD, wachse echtes Geld nicht auf den Bäumen. „Es muss erarbeitet werden“, sagt ihr Sprecher Holger Dorn.

Vieles spricht dafür, dass in Mundelsheim, wie schon vor zwei Jahren in Schwieberdingen, ein Bürgerentscheid den Fall klären muss. Das erwartet zumindest die FDP. Ihr Regionalrat Hartfrid Wolf: „Wir haben beschlossen, das Verfahren zur Regionalplanungsänderung einzuleiten: Im Moment sind alle Optionen offen. Am Ende ist entscheidend, die Menschen zu überzeugen.“

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