Logo

Immer mehr Kirchenaustritte

Die Zahl der Kirchenmitglieder im Kreis Ludwigsburg ist im vergangenen Jahr wieder deutlich zurückgegangen. Sie sank im Vergleich zum Vorjahr von 281.042 auf 275.959. Die Kirchen registrierten 3862 aktive Austritte.

Die Türen, wie hier in der Stadtkirche Marbach, stehen offen, aber immer mehr Menschen kehren den Kirchen den Rücken. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Die Türen, wie hier in der Stadtkirche Marbach, stehen offen, aber immer mehr Menschen kehren den Kirchen den Rücken. Foto: Holm Wolschendorf
350_0900_26507_Mitgliederentwicklung_Kirchen.jpg

Kreis Ludwigsburg.. Den einen, eindeutigen Grund für die Austrittswelle, die schon seit einigen Jahren anhält, können die Dekane aus den vier evangelischen und einem katholischen Dekanat im Kreis nicht nennen. Aber allen ist klar: es besteht Handlungsbedarf. Ein wichtiger Grund ist für Reiner Zeyher, Dekan des fusionierten Dekanats Vaihingen-Ditzingen, „der Traditionsabbruch, der mehr und mehr sichtbar und auch spürbar wird.“ In den zunehmenden Austritten spiegelt sich für Marbachs Dekan Ekkehard Graf „die innere Distanz zu Kirche und Glaube wider“. Die traditionelle Bindung spiele kaum noch eine Rolle. „Kirchenmitgliedschaft wird nicht mehr als selbstverständlich, sondern als Option angesehen“, sagt Eberhard Feucht aus Besigheim. Durch die höhere Mobilität und häufigeren Ortswechseln habe der Bezug zur „eigenen Kirchengemeinde abgenommen“. Auch der evangelische Dekan aus Ludwigsburg, Windried Speck weiß, dass der Austritt „leicht möglich ist über das anonyme Standesamt.“ Sein katholischer Kollege, Alexander König, fasst die Gründe für den Kirchenaustritt so zusammen: „In meinen Augen sind es nach wie vor die wirtschaftlichen Fragen, die Missbrachfälle, die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche.“

Dabei spielt die Höhe der Kirchensteuer – acht Prozent von der Einkommenssteuer – eine wichtige Rolle. „Damit hängt sicher auch zusammen, dass derzeit mehr 50- bis 60-Jährige der Kirche den Rücken kehren“, analysiert Speck. „Es mag Lebenssituationen geben, in denen Menschen auch aufgrund materieller Engpässe aus der Kirche austreten“, gesteht Dekan Feucht zu. „Ich gebe jedoch zu bedenken, dass der Beitrag der Kirchen zu einem gerechten und sozialen Miteinander in unserer Zeit wichtiger denn je ist.“ Sein Amtskollege Zeyher aus Vaihingen-Ditzingen befürchtet, dass die Zahl der Austritte nach der Coronakrise eventuell noch steigen wird. „Kirchenaustritte finden nicht nur wegen des schnöden Mammons statt, sondern wirklich auch teilweise, weil die finanzielle Not auch für eine geringe Kirchensteuer zu groß ist.“

Vor allem Menschen zwischen 20 und 40 Jahren kehren zunehmend den Kirchen den Rücken. „Meist fehlt der Kontakt zur Gemeinde, es gibt kein Interesse an Gottesdiensten, Dienste der Kirchen werden nicht in Anspruch genommen“, so Winfried Speck. Auch Menschen, die der Kirche zugewandt seien, stünden zunehmend unter Erklärungsdruck, hat der katholische Dekan König beobachtet. Vor allem der Ausschluss von Frauen von den Weiheämtern werde als kritisch betrachtet. „Sie wollen dann diesen Druck nicht länger aushalten, wo sie die Perspektive auf Veränderung immer mehr verlieren.“

Dabei spielen vor allem in der katholischen Kirche auch die Missbrauchsfälle eine wichtige Rolle. „Das Vertrauen in die Kirche ist seither beschädigt“, konstatiert König.

Auch wenn seine evangelischen Kollegen für ihre Kirchen eine geringere Bedeutung beimessen, so gibt auch Dekan Feucht zu, „dass die Kirchen einen gravierenden Glaubwürdigkeitsverlust erlitten haben.“

Aber wie können die Menschen in den Kirchen gehalten werden? Dabei setzen die Dekane vor allem auf soziale Angebote, etwa die Stärkung der Kinder- und Familienarbeit in Vaihingen-Ditzingen, spezielle Angebote für Jugendliche, die vor allem digital sind. Gerade die Coronapandemie habe gezeigt, dass man die Menschen zunehmend auf diesem Weg erreichen könne, so Winfried Speck.

„Wir müssen uns fragen, was brauchen die Jugendlichen“, richtet Dekan König den Blick auf die jungen Menschen. Es müssten für sie besondere Formate entwickelt werden, die zu ihren Vorstellungen von Glauben und Leben passten, so Dekan Feucht. „Die junge Generation ist weniger an Kirche vor Ort interessiert als an Anregungen zum Glauben, die sie im Netz findet. „, so Ekkehard Graf.

Autor: