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In der Leere liegt die Kraft

Der Löchgauer Künstler Alfons Wiest zeigt seine luftigen Skulpturen in der Städtischen Galerie

Faszinierend ist hier nicht nur, was da ist, sondern auch, was fehlt: Alfons Wiest in seiner Ausstellung – oben rechts Bob Dylan.Fotos: Andreas Becker
Faszinierend ist hier nicht nur, was da ist, sondern auch, was fehlt: Alfons Wiest in seiner Ausstellung – oben rechts Bob Dylan. Foto: Andreas Becker
Faszinierend ist hier nicht nur, was da ist, sondern auch, was fehlt: Alfons Wiest in seiner Ausstellung – oben rechts Bob Dylan.Fotos: Andreas Becker
Faszinierend ist hier nicht nur, was da ist, sondern auch, was fehlt: Alfons Wiest in seiner Ausstellung – oben rechts Bob Dylan. Foto: Andreas Becker
Faszinierend ist hier nicht nur, was da ist, sondern auch, was fehlt: Alfons Wiest in seiner Ausstellung – oben rechts Bob Dylan.Fotos: Andreas Becker
Faszinierend ist hier nicht nur, was da ist, sondern auch, was fehlt: Alfons Wiest in seiner Ausstellung – oben rechts Bob Dylan. Foto: Andreas Becker

Ditzingen. Um den hölzernen Ursprung des Objektes wissend, drängt sich beim ersten Blick darauf die Frage auf: Wie geht denn das? Filigran wie Korallen präsentieren sich diese schillernden Arbeiten, menschliche Köpfe in unterschiedlichsten Variationen, mit kunstvoll ausgehöhlten Schädeldecken. Zugleich sind die Formen fließend wie bei einer Keramik. Wer Alfons Wiest zu seiner doch recht ungewöhnlichen Technik befragt, erntet einen vergnügten Wortschwall an Erläuterungen, auch einiges an Stolz schwingt darin mit. „Das macht so eigentlich keiner sonst“, sagt der Löchgauer Künstler. Nun zeigt er seine neue Ausstellung in der Städtischen Galerie in Ditzingen.

Alfons Wiest arbeitet mit einfachen Platten aus Buchenholz, die, in kleine Stücke geteilt, zunächst wie eine Torte aufgetürmt werden. Die Teile werden in körperlich anstrengender Fleißarbeit verleimt, abgeflext, gefräst und geschliffen, bis sich ein Hohlkörper aus zwei Hälften gebildet hat. Diese erhalten nun unzählige, etwa fingerdicke Bohrungen, die dem Ganzen seine Transparenz verleihen. Die gleichmäßigen Löcher seien etwas, das man in dieser Präzision mit Ton beispielsweise niemals hinbekommen könne, betont Wiest. Faszinierend ist hier also nicht nur, was da ist, sondern gerade, was eigentlich fehlt. Denn der Blick ins Innere lässt beim Vorbeigehen das Licht in immer neuen Schattierungen leuchten. Und was sagt dem Betrachter das alles? „Der Materie wird der Geist gegenübergestellt“, so Wiest. Das Wesentliche eines Behältnisses sei ja schließlich immer der Inhalt. Und das gilt natürlich erst recht für Köpfe.

Die meisten der Figuren, die nicht frei im Raum stehen, werden so präsentiert, dass sie im Profil zu sehen sind, ob alleine, zu zweit, abgeneigt oder zugeneigt, zum Kuss aneinandergeschmiegt. „Von vorne sind mir Gesichter viel zu symmetrisch“, erklärt Wiest, „ich mag viel lieber die Asymmetrie“. Um Schönheit im engeren Sinne geht es ihm ohnehin nicht. Zu leer starren die Augenpaare den Betrachter an. Auch in den Sockeln finden sich Elemente, die ganz bewusst an Augen erinnern, dort, wo Fehlstellen im Holz mit „Plomben“ ausgebessert wurden. Zugleich sieht sich Wiest durch seinen selbstgewählten Stil in einem stetigen Dilemma: „Ich möchte immer die ideale Form finden“, sagt er, „aber das steht dem Expressiven eigentlich entgegen“.

Motivisch wechseln sich individualisierte und typisierte Figuren ab. So zitiert er mit Werken wie „Mädchen mit gebundenem Haar IX“ alte Künstler wie Antonio Pisanello oder Sandro Botticelli. Andererseits tauchen auch einige Promis auf: Ob Schiller, Hölderlin mit seiner große Liebe Susette, Mark Knopfler (in Jung und in Alt) oder Bob Dylan – in der Ausstellung gibt es einiges zu entdecken. Wobei die faszinierende Formensprache stets die gleiche bleibt.

Vor einigen Jahren hat Alfons Wiest noch mit großen Brettern gearbeitet, also flache Formen gestaltet und das Holz einfach Holz sein lassen. Auch wenn er dessen Maserung sehr mag, sagt er: „Man wird zum Sklaven des Materials.“ Denn die Strukturen der Teile müssen zueinander passen, die Auswahl wird zum eigenen Arbeitsschritt, hinter dem das eigentliche kreative Wirken zurücktritt. Daher erhalten seine Skulpturen mittlerweile allesamt farbige Oberflächen, mittels Acryl und Graphit entfernen sie sich somit noch weiter vom Eindruck des Holzes. Nur hier und da lässt Alfons Wiest die Farbe weg – eine „Reminiszenz an das Holz“.

Seit 45 Jahren ist Wiest Künstler, da kommt einiges zusammen. Er hat genau nachgezählt: Die Nummer 26 in der Ausstellung („Stille Schöne“), die neueste Arbeit, ist seine 404. überhaupt. Auch wenn er immer mal wieder ein Werk käuflich an den Mann oder die Frau bringt, ist die Lagerung der Arbeiten eine Herausforderung. In seinem Löchgauer Atelier hat er mittlerweile ein Schranksystem auf Rollen installiert, wie es auch in Archiven häufig Verwendung findet. Als Lehrer frisch im Ruhestand, dürften nun noch einige Kreationen hinzukommen.

Info: Die Ausstellung wird bis zum 11. Oktober dienstags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr, sonntags von 14 bis 17 Uhr gezeigt.

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