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In einer innigen Verschränkung

Corinna Harfouch und Hideyo Harada mit Musik-Text-Collage im Kronenzentrum

Hochkonzentriert: Corinna Harfouch (vorne) und die Pianistin Hideyo Harada. Foto: Uwe Arens, Dirk Dunkelberg/p
Hochkonzentriert: Corinna Harfouch (vorne) und die Pianistin Hideyo Harada. Foto: Uwe Arens, Dirk Dunkelberg/p

Bietigheim-Bissingen. Die eine gehört zu den renommiertesten Schauspielerinnen der Nation, die andere ist eine vielfach ausgezeichnete, international gefragte Pianistin. Zusammen haben Corinna Harfouch und Hideyo Harada ein Programm entwickelt, mit dem sie am Donnerstagabend im mit 240 Besuchern nach derzeitigen Maßstäben nahezu ausverkauften Kronensaal gastierten. „OAsia, das Echo von dir“ folgt dem naheliegenden Gedanken, Parallelen im Werk von Ludwig van Beethoven und Friedrich Hölderlin aufzuzeigen. Naheliegend nicht nur deshalb, weil beide im Jahr 1770 das Licht der Welt erblickten. Obwohl der Dichter und der Komponist sich nie begegnet sein dürften, ja möglicherweise nicht einmal Kenntnis voneinander hatten, sind die Gemeinsamkeiten überraschend offenkundig, von der Antikensehnsucht über die Begeisterung für die humanistischen Ideale der Französischen Revolution bis zu einer krankheitsbedingt in die Isolation getriebenen Biografie. Als zentrale Überschneidung haben Harfouch und Harada eine Konvergenz in Richtung Orient identifiziert, was in den Zeilen aus Hölderlins Hymnus „Am Quell der Donau“ anklingt, dem der Abend seinen Titel entlehnt.

Den markanten Akkorden im Auftakt der Klavierfassung der Ouvertüre zu „Die Geschöpfe des Prometheus“ (op. 43) lässt Harada ungemein lyrisch artikuliert das Nebenthema folgen, dann virtuos perlendes Laufwerk, bevor sie das dramatische Finale mit Vehemenz in den Steinway stemmt – die japanische Pianistin setzt gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen. Mit einem Auszug aus Platons „Protagoras“ stellt Harfouch die Figur des Feuerbringers vor, mit dem „Chor der thebanischen Alten“ aus Sophokles Tragödie „Antigone“ den Übersetzer Hölderlin. Ungeheuer intensiv dann Haradas Collage aus Beethovens „Eroica-Variationen“, der „Marseillaise“ und dem „Dies irae“, endend in einer krachenden Fermate, die lange in der Stille nachhallt.

Die Verschränkung von Wort und Musik ist so innig, dass an Applaus nicht zu denken ist: Gebannt verfolgt das maskierte 2G-plus-Publikum das Geschehen auf der Bühne. Teilweise blenden Harfouch und Harada ihre Beiträge auch ineinander: Hölderlins Elegie „Brot und Wein“ harmoniert bestens mit dem Largo appassionato aus der Sonate für Klavier A-Dur (op. 2/2) – kein Zweifel, dass Beethoven und Hölderlin sich, auch ohne einander zu kennen, etwas zu sagen haben.

Harfouch und Harada sind eine Idealbesetzung: Wenn die Schauspielerin rezitiert, wird das Versmaß in ihrem ganzen Körper lebendig, gehen Gestik und Mimik komplett im Text auf. Von Harfouch intoniert und verkörpert, klingt die hochartifizielle Lyrik von Hölderlin geradezu sonnenklar und einleuchtend. Harada wiederum ist eine Pianistin, deren Virtuosität sich jenseits technischer Schwierigkeiten vor allem in ihrem Einfühlungsvermögen zeigt: Vorwiegend langsame Tempi hat sie ausgewählt – frappierend die emotionale Tiefe, die sie im Largo e mesto der Sonate für Klavier in D-Dur (op. 10/3) auszuloten versteht.

Mit Scardanelli hat Hölderlin viele der späten Gedichte aus seiner Zeit im Tübinger Turm unterzeichnet – Harfouch gibt auch dem daraus sprechenden Lebensüberdruss eine Stimme, während Harada mit dem Thema aus den Variationen über „Mich fliehen alle Freuden“ aus Giovanni Paisiellos Oper „Die Müllerin“ (WoO 70) ein Motiv anstimmt, mit dem sich Hölderlin selbst in seiner Turmstube oft ans Klavier gesetzt haben soll. So musikalisch Harfouchs Hölderlin-Rezitation wirkte, so lyrisch und reflektiert gestaltete Harada ihre Beethoven-Interpretation. Minutenlanger Beifall für die ausgesprochen instruktive und hochkonzentriert dargebotene eineinhalbstündige Vorstellung.

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