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Jenseits der Kolonialzeit

Vielfältige historische Spuren: Eine Holzmaske und ein Stammbuch Ludwig Achim von Arnims aus der aktuellen Ausstellung. Fotos: Chris Korner/DLA/p
Vielfältige historische Spuren: Eine Holzmaske und ein Stammbuch Ludwig Achim von Arnims aus der aktuellen Ausstellung. Fotos: Chris Korner/DLA/p
Vielfältige historische Spuren: Eine Holzmaske und ein Stammbuch Ludwig Achim von Arnims aus der aktuellen Ausstellung. Fotos: Chris Korner/DLA/p
Vielfältige historische Spuren: Eine Holzmaske und ein Stammbuch Ludwig Achim von Arnims aus der aktuellen Ausstellung. Fotos: Chris Korner/DLA/p
Autoren aus Afrika kommen bei einer neuen Eventreihe am Deutschen Literaturarchiv zu Wort

Marbach. Mit „Narrating Africa: #Step One“ wurde im November 2019 im Deutschen Literaturarchiv (DLA) der erste Teil eines Projekts sichtbar, das dem Kolonialismus im Bereich der Literatur nachspürt. Die Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne sollte ursprünglich bis zum 22. November 2020 gezeigt werden und ist nun coronabedingt verlängert bis 19. September 2021 zu sehen. Als zweiter Schritt war ein internationales Literaturfestival im Juli 2020 geplant, bei dem Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Afrika auf der Schillerhöhe zu Gast sein sollten. Auch diese Planung wurde von der Pandemie durchkreuzt: Nachdem Teile davon sich bereits auf der Plattform www.literatursehen.com realisiert finden, wird „Narrating Africa: #Step Two“ nun in Form einer virtuellen Veranstaltungsreihe fortgesetzt.

Wie wird von Afrika erzählt?

„Ausgehend von der Ausstellung hatten wir uns überlegt, dass Marbach der Ort wäre, um nach literarischen Traditionen und Schreibweisen zu fragen“, sagt die Literaturwissenschaftlerin Annette Bühler-Dietrich, die als außerplanmäßige Professorin an der Universität Stuttgart neben Neuerer Deutscher Literatur auch Theaterwissenschaft lehrt und maßgeblich zur Konzeption des Festivals beigetragen hat. „Mit dem Titel ‚Narrating Africa‘ waren zwei Begriffe geöffnet: Wie wird heute von Afrika erzählt? Aber auch: Was heißt Afrika für die teilnehmenden Autorinnen und Autoren?“ Dazu habe man sich, wie bereits im ersten Schritt der Ausstellung, eines Fragebogenmodells bedient: „Interessant war die Erfahrung, dass es zunächst gar nicht unbedingt um den Dialog geht, sondern darum, den eigenen Standpunkt, die eigene Position festzuhalten“, fasst Museumsleiterin Heike Gfrereis die Resonanz auf den ersten Teil des Projekts zusammen. Wer mit anderen ins Gespräch kommen wolle, müsse auch sich selbst thematisieren, so Gfrereis.

Aus diesem Grund bilde das Abfragen von Sichtweisen einen der Grundpfeiler in der Rahmenkonzeption des gesamten Projekts. Für den zweiten Schritt habe man die Fragen nun etwas modifiziert: Anstelle konkreter Ausstellungsobjekte stehen jetzt signifikante Zitate, aber auch die Auswirkungen der Pandemie im Mittelpunkt des Interesses. „Spannend war auch zu sehen, wie unterschiedlich man Fragen beantworten kann“, fügt Gfrereis hinzu. Bemerkenswert ist die Tendenz, dass seitens der afrikanischen Autoren nicht mehr die Kolonialzeit als „Hauptbruchstelle und -thema des Erzählens“ angesehen werde, wie Bühler-Dietrich auf die Frage nach neuen Narrativen feststellt. Vielmehr knüpfe man verstärkt an traditionelle Mythen, aber auch an das Geschehen der unmittelbaren Vergangenheit an. Mit der Entscheidung, den Schwerpunkt nicht auf die „Zäsur Kolonialzeit“ (Bühler-Dietrich) zu legen, sondern auf andere Themen, wende sich die aktuelle afrikanische Literatur ganz bewusst gegen Erwartungshaltungen in den Gesellschaften ehemaliger Kolonialherren.

Bei der Auftaktveranstaltung am Freitag diskutieren die franko-senegalesische Theaterautorin und Schauspielerin Penda Diouf, der namibische Schriftsteller und Fotograf Rémy Ngamije sowie die namibische Autorin, Übersetzerin und Literaturkritikerin Sylvia Schlettwein über die Vielfalt in der namibischen Literatur, nachdem Kunststaatssekretärin Petra Olschowski, Nelson Mlambo, Senior Lecturer an der Universität Namibia, Annette Bühler-Dietrich und DLA-Direktorin Sandra Richter das digitale Festival eröffnet haben (19 Uhr). Mit Nuruddin Farah und Jennifer Nansubuga Makumbi treffen am 12.Mai zwei Stimmen aufeinander, in deren Werken auch die Perspektive der Diaspora eine wesentliche Rolle spielt.

Postkoloniale Aufarbeitung

Das Schreiben für die Bühne wird im Zentrum der Begegnung des britisch-nigerianischen Dramatikers Oladipo Agboluaje mit dem burkinischen Schriftsteller Ildevert Méda stehen (26. Mai), das Thema Gender beleuchtet ein Gespräch zwischen dem in Eritrea geborenen und in Brüssel lebenden Autor Sulaiman Addonia und der kenianischen Schriftstellerin Yvonne Adhiambo Owuor (2. Juni). Über seinen 1978 erschienenen Roman „Morenga“, mit dem er hierzulande eine Vorreiterrolle in Sachen postkolonialer Aufarbeitung einnahm, wird sich Uwe Timm mit Jan Bürger, dem stellvertretenden Leiter der Abteilung Archiv am DLA, und Martin Hielscher, Programmleiter für Belletristik im Verlag C. H. Beck, unterhalten (16. Juni).

Info: Alle Veranstaltungen sind kostenfrei über die Homepage des DLA zugänglich, die meisten Termine finden in englischer Sprache statt.