Logo

Jobprofil für Väter: Verantwortung und Authentizität

Herr Dr. Hopf, brauchen Kinder Väter?

350_0900_14948_COKRHopf_Mundelsheim.jpg
Ludwigsburg. Hans Hopf: Diese Frage kann ich mit einem uneingeschränkten Ja beantworten. Kinder brauchen Väter. Kinder zu allen Zeiten brauchten Väter.

Welche Väter brauchen Kinder?

Früher war das ganz einfach. Da war der Vater der Verdiener und das Familienoberhaupt. Die Zeiten haben sich aber geändert, mit der Emanzipation der Frauen mussten sich auch die Männer verändern, vor allem die Väter. Es gibt kein einheitliches Vaterbild mehr.

Bräuchte es das?

Zunächst einmal entspricht das Fehlen dem Pluralismus unserer Zeit. Einer meiner Kollegen spricht von fragmentierten Vaterschaften. Das heißt: Es gibt vielerlei Formen, Vater zu sein – gute und weniger gute. Und es gibt Männer, die gar nicht mehr Vater werden wollen. Diese Gruppe wächst. Dazu kommt eine große Gruppe von Männern, die ein Kind zeugen, sich aber nicht um es kümmern.

Worin unterscheidet sich das von dem klassischen Rollenverständnis, wonach Erziehung und Kinderstube Frauensache sind, während der Vater fürs Geld sorgt und die Kinder gegebenenfalls maßregelt und bestraft?

Heute entscheiden viele Männer schon vorweg, dass sie keine Verantwortung übernehmen wollen. Wenn ich Vater werde, muss ich mich aber auf bestimmte Verpflichtungen einlassen. Als Vater verspreche ich dem Kind eine lebenslange Bindung, und zwar unabhängig von meiner Beziehung zur Mutter. Ich verspreche ein lebenslanges Sorgen und Versorgen. Und ich verspreche, dass ich mich Konflikten stellen und versuchen werde, sie gemeinsam mit meinen Kindern zu lösen. All das kann natürlich auch abschreckend wirken. Der Vater von früher, der die Kindererziehung als Frauensache betrachtet hat, hat sich damit gar nicht erst befasst. Für den war seine Familie ein notwendiges Anhängsel.

Was also macht einen Vater heute zum guten Vater?

Eine kurze Definition sagt: Der Vater ist der aufmerksame Beschützer und Versorger. Das heißt nicht, dass er noch der alleinige Ernährer sein muss. Aber er muss die materiellen Voraussetzungen für die Familie schaffen. Das kann heute in ganz unterschiedlichen Formen geschehen. Väter können zu Hause bei ihren Kindern bleiben und die Mutterfunktion übernehmen, etwa weil die Frau ein höheres Einkommen hat. Väter können Kinderzeit nehmen. Aber es gibt auch weiter Väter, die fast nur ihrer Karriere nachgehen. Allgemein gilt: Ein guter Vater muss räumlich und psychisch präsent sein.

Sie sprachen vom lebenslänglichen Versorgen. Wie verträgt sich das mit dem Auftrag, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen?

Richtig, Kinder müssen spätestens in der Adoleszenz Autarkie, Autonomie und ihre eigene Identität entwickeln. Aber auch ein 70-Jähriger kann sich um seine 35-jährige Tochter Sorgen machen. Daran sieht man, dass Väter lebenslang in die Verantwortung genommen werden können. Auch wenn meine Kinder erwachsen sind und eine eigene Familie gegründet haben, können mein Rat und meine Unterstützung weiterhin gefragt bleiben.

Wie kann der Vater denn zur guten Entwicklung seines Kindes beitragen? Gibt es da einen spezifisch männlichen Part?

Zunächst einmal ist der Vater der Dritte. Das Kind lernt über den Vater, dass seine Mutter auch noch eine andere Beziehung hat als die Zweierbeziehung zum Kind. Es lernt durch den Vater also die Dreierbeziehung kennen. Das ist ungemein wichtig, denn die Beziehung zum Dritten ist Voraussetzung für die Beziehungsfähigkeit in einer Gruppe. Zweitens dient der Vater zur Identifikation. Ich werde mich unbewusst und bewusst mit Eigenschaften meines Vaters identifizieren. Das gilt zwar in erster Linie für Jungen. Aber auch ein Mädchen – wir sprechen da von Gegenidentifikation – wird die guten Eigenschaften des Vaters aufgreifen. Meine Ideale als Psychoanalytiker sind ein Junge, der möglichst viele weibliche Eigenschaften aufnimmt und sich männlich identifiziert, und ein Mädchen, das möglichst viel Männliches aufnimmt und sich weiblich identifiziert. Frauen, die einen sehr präsenten, liebenden und fördernden Vater hatten, nennen wir Vatertöchter. Denn Mädchen brauchen nicht nur das Vorbild, sondern auch die Aufwertung durch den liebenden Blick des Vaters. Fehlt es ihnen an dieser väterlichen Aufmerksamkeit, können sich Mädchen viel zu früh einen Partner suchen. Oder sie ziehen sich zurück und entwickeln sich zu Mauerblümchen ohne erotische Ausstrahlung. Ich sage daher: Ein guter Vater liebt seine Tochter grenzenlos – das aber in allen Grenzen.

Der Gegenbegriff wäre das Muttersöhnchen?

Natürlich ist es eine wichtige Aufgabe des Vaters, eine allzu große Nähe des Kindes zur Mutter zu vermeiden. Dazu muss ich kurz auf die Paarbeziehung eingehen. Ein liebendes Paar wird niemals zu nah an seinen Kindern sein. Fehlt jedoch der Vater, aus welchen Gründen auch immer, besteht die Gefahr einer zur großen Nähe von Mutter und Sohn. Jungen können dadurch in eine profeminine Position geraten – das kennen alle aus dem Loriot-Film „Ödipussi“. Die zu große Nähe zur Mutter kann Jungen aber auch aggressiv und unruhig machen. In Eineltern-Familien sind nachweislich viel mehr bewegungsunruhige Kinder vorzufinden als in Familien mit einem präsenten Vater. Jungen ohne Vater können sich also zu stark mit dem Weiblichen identifizieren oder aber das Machohafte überbetonen, weil sie kein Vorbild von Männlichkeit haben.

Der Vater ist für Jungen also ein wichtiges Rollenmodell?

Ja, im Guten wie im Schlechten. Der Vater, der am Mittagstisch sitzt, kann nicht zu einem übergroßen männlichen Wesen aufgebaut werden. Er bringt die Wirklichkeit ins Spiel.

Es gibt nicht nur ein neues Männerbild, sondern auch immer mehr Alleinerziehende und immer mehr Patchwork-Familien. Was bedeutet das für die Vaterrolle?

In der Tat: Wir haben mittlerweile 18 Prozent alleinerziehende Mütter. Nun sind viele von denen nicht freiwillig allein. Entscheidend für die Entwicklung ihrer Söhne ist, ob eine alleinerziehende Mutter Männern gegenüber aufgeschlossen bleibt. Dann wird sie für ihre Kinder andere Männer als Bezugsperson zulassen: den Onkel, den Opa, den Lehrer. Entscheidend ist, dass Kinder auch Kontakt zu Männern haben müssen.

Die aber nicht ihr Vater sein müssen?

Genau. Kinder sind sehr bereit, da jemanden zu finden. Komplizierter wird es, wenn sich zwei Familien trennen und eine neue entsteht. Dann muss der „neue“ Vater bei seinen „neuen“ Kindern die Vaterrolle ebenso übernehmen wie bei seinen eigenen. Sonst kommt es in der Adoleszenz zu Auseinandersetzungen.

Wo liegt der signifikante Unterschied zwischen Jungen, die einen präsenten Vater erleben, und solchen, die weitgehend ohne Vater aufwachsen?

Denken Sie einmal an den Zweiten Weltkrieg. Damals sind auch viele Kinder ohne Vater aufgewachsen. Trotzdem gibt es einen wichtigen Unterschied zu vaterlosen Familien heute: Auf jeder Kommode stand damals das Bild des Vaters, der von der Mutter glorifiziert wurde. Die Bindung der Mutter an den Vater bestand also weiter. Der Dritte blieb insofern präsent. Wenn Jungen ihre Väter aber ganz verlieren, etwa durch eine Trennung der Eltern, geraten sie in die geschilderte Gefahr einer zu großen Nähe zur Mutter.

Sie sagen: Wenn Väter sich, warum auch immer, aus ihrer Rolle verdrücken, müssen andere Männer für sie einspringen. Doch in den Kitas gibt es kaum männliche Erzieher, und in den Schulen unterrichten immer weniger Lehrer.

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir sprechen da von „öffentlichen Vätern“ – von Männern, die an Vaters Statt die Männerrolle übernehmen können. Tatsächlich ist aber für Jungen die Chance, in den genannten Einrichtungen auf einen „öffentlichen Vater“ zu treffen, minimal geworden. Männer fliehen zunehmend aus pädagogischen Berufen. Ich möchte gleich betonen: Frauen leisten in Kitas und Schulen sehr gute Arbeit. Aber den Kindern fehlen die Männer.

Wie kommt es zu dieser Flucht von Männern vor pädagogischen Aufgaben?

Das in der Regel angeführte Argument der Bezahlung halte ich für Unsinn. Es ist einfach leider so: Wer sich mit Kindern beschäftigt, wird in unserer Gesellschaft nicht ganz ernst genommen. Der „echte Mann“ beschäftigt sich nicht mit Kindern. Das erlebe ich auch als Kinderpsychotherapeut. Wir haben zwar ein verändertes Rollenbild, aber gleichzeitig sitzen bestimmte, überkommene Vorstellungen noch ganz tief. Es gibt eine spezifisch männliche Angst vor dem Kind: die Angst, dass in der Hinwendung zum Kind die männliche Identität nicht mehr hinreichend zum Ausdruck kommt.

Wir Männer sind also die alten Machos geblieben, können diese Rolle nur nicht mehr so leben wie früher?

Das bringt es auf den Punkt. Die erwähnten fragmentierten Vaterschaften zeigen, wie schwer es vielen Männern fällt, sich auf die veränderte Situation einzustellen. Männer sind unflexibler als Frauen, können sich an Veränderungen meistens schwerer anpassen.

Gleichwohl könnten Männer im Umgang mit Kindern doch eine Bereicherung sehen.

Frauen haben tendenziell eine größere Fähigkeit zu Einfühlung. Das erleichtert es ihnen, sich auf Kinder einzulassen. Männer können das aber lernen. Ich verrate Ihnen mal mein Ideal: In der frühen Kindheit sollte der Vater fast wie die Mutter sein. Er sollte alles können, was die Mutter kann: das Kind wickeln, ausfahren, füttern und ins Bett bringen. Später wird er auch andere Fähigkeiten zeigen müssen: Distanzierung, Strenge. Der Vater ist der große Grenzsetzer und Gesetzgeber in der Familie. Er hat darauf zu achten, dass keine Generationen- und Inzestgrenzen überschritten werden.

Das ist ja ein fast biblisches Verständnis.

Das ist doch nicht schlecht.

Es wirkt aber ein bisschen antiquiert.

Wir leben in einer Zeit, in der diese Gesetze großenteils aufgegeben sind. Und ich weiß als Kinderpsychotherapeut, welche Störungen sich daraus entwickeln. Der Ausdruck „väterliches Gesetz“ mag sich ja altmodisch anhören. Aber wenn sich beispielsweise Schüler respektlos benehmen und in sprachlichen Obszönitäten ergehen, fehlt ihnen die väterliche Grenzsetzung.

Das heißt: Der zunehmende Ausfall privater und öffentlicher Väter produziert psychische und soziale Störungen?

Beispiele sind auch die Zunahme des selbstverletzenden Verhaltens bei Mädchen und die besorgniserregend große Zahl von Jungen mit ADHS. Das gab es früher so nicht. Aus meiner Sicht ist ADHS eine psychische Problematik.

Wie sieht für Sie moderne Autorität aus?

Mir wird, auch von anderen Psychiatern, bisweilen unterstellt, ich wolle in die alten Zeiten zurück und wieder autoritär werden. Ich antworte darauf, dass man Autorität nicht durch Ritalin ersetzen kann. Autorität erwirbt man nicht durch autoritäres Gebaren, sondern indem man authentisch lebt. Die Kinder können nur übernehmen, was ich ihnen vorlebe. Ich muss arbeiten, präsent sein, mich einsetzen. Das erzeugt eine ganz natürliche Autorität. Und man darf nicht den Fehler machen, schon mit kleineren Kindern über Grenzen zu diskutieren. Dadurch kommen sie in Entscheidungsnot. Dinge wie die Schulaufgaben sollten nicht infrage gestellt, sondern als Selbstverständlichkeit behandelt werden. Ich muss also authentisch sein und für meine Kinder das Beste tun und wollen. Noch ein Letztes: „Das Beste, was ein Vater für seine Kinder tun kann, ist, ihre Mutter zu lieben.“ Das ist ein Satz aus dem vorletzten Jahrhundert, den ich sehr beeindruckend finde. Da steckt alles drin.