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Kein großer Rückhalt für den Amtsinhaber

Fast die Hälfte der Stadträte wünscht sich nach der Wahl einen anderen Bürgermeister

Marbach. Der Marbacher Gemeinderat hat sich in der Vergangenheit ganz überwiegend als eher harmoniebedürftige Versammlung erwiesen. Das zeigte sich zum einen in einstimmig oder zumindest mehrheitlich gefassten Beschlüssen für große Projekte, aber auch daran, dass kontroverse Auseinandersetzungen kaum, handfester politischer Streit gar nicht vorkam.

Geht es aber um die Einschätzung der Arbeit von Bürgermeister Jan Trost, um die Frage, ob er weitere acht Jahre an der Spitze der Stadtverwaltung stehen soll, ist es mit der Harmonie dahin. Die Positionierung – oder Nichtpositionierung – der Fraktionen und der zugehörigen Ortsverbände zeigt einen Gemeinderat, der in dieser wichtigen Angelegenheit gespalten ist. Aber in Summe Trosts erster Amtszeit kein gutes Zeugnis ausstellt.

Besonders bitter muss es für den 45-Jährigen sein, dass sich mit den Freien Wählern die größte Fraktion im Gemeinderat nicht zu einer Wahlempfehlung pro Trost durchringen konnte – obwohl der Bürgermeister seit 2019 für die Wählervereinigung im Kreistag sitzt. Die Wähler mögen selbst entscheiden, hinter welchem Namen sie am 24. Januar ihr Kreuz machen, so die Kernaussage der Freien. Rückhaltlose Unterstützung sieht anders aus.

Auf die Mündigkeit der Wähler zieht sich auch die SPD zurück, die sich nicht einmal in den eigenen Reihen einigen kann. Der Ortsverein tendiert mehrheitlich zu Herausforderer Timo Jung, die Fraktion mehrheitlich zu Jan Trost. Daraus lässt sich beim besten Willen keine Wahlempfehlung ableiten. Das ist eher bitter für Trosts schärfsten Konkurrenten Jung, der im Besitz des SPD-Parteibuchs ist und mutmaßlich auf eine klare Unterstützung durch die Marbacher Genossen gehofft hat.

So ergibt sich nun die eher ungewöhnliche Konstellation, dass der Sozialdemokrat Jung von der CDU und den Grünen unterstützt wird. Beide Fraktionen kommen in der Beurteilung von Trosts erster Amtszeit zu ähnlichen Schlüssen. Und nicht nur das: Bemerkenswert ist auch, dass beide Fraktionen ihre (schriftlichen) Stellungnahmen ähnlich formulieren. Die Kritik am Amtsinhaber kommt jeweils in den Fähigkeiten zum Ausdruck, die Timo Jung zugesprochen werden: Visionen und Ideen entwickeln, Impulse geben, Menschen begeistern, Haltung und Gestaltungswillen zeigen, Konflikte lösen können. Das kommunale schwarz-grüne Bündnis geht auch auf die verwaltungsinternen Probleme ein, die der amtierende Bürgermeister zweifellos hat und die nach der fast schon spektakulären Kündigung des stellvertretenden Bauamtsleiters Ralf Lobert öffentlich wurden: Mangelnde Kommunikation und Wertschätzung der Mitarbeiter, eine Arbeitsbe- und -überlastung, die aus immer neuen Aufgaben resultiert, weil es an einer Priorisierung fehlt. Und so erwarten zum Beispiel die Grünen von Timo Jung im Falle seiner Wahl, dass er „für einen notwendigen Neuanfang im Verhältnis zwischen Rathausspitze und der Verwaltung sorgen kann, für eine klare Priorisierung der städtischen Projekte und damit auch für eine Entlastung der Verwaltungsmitarbeiter“. Die CDU traut Jung zu, eine „starke Mannschaft“ hinter sich als Bürgermeister zu versammeln.

Umgelegt auf die Verhältnisse im Gemeinderat bedeuten die Positionierungen der Fraktionen eine Schwächung Trosts: Von den sieben Freien-Wähler-Räten hat sich mit Jens Knittel der Rielingshäuser Ortsvorsteher gegen den Bürgermeister gestellt, bei den sechs SPD-Räten schert Ute Rößner aus und spricht sich wie die insgesamt neun Räte von CDU und Grünen für Timo Jung aus. Die beiden Puls-Stadträte haben kein öffentliches Statement abgegeben.

Wenn sich der Amtsinhaber bei der Wahl in zwei Wochen durchsetzt, muss er innerhalb des Rathauses und im Zusammenspiel mit dem Gemeinderat jede Menge verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen. Keine leichte Aufgabe, wenn sich fast die Hälfte des Gemeinderats einen neuen Bürgermeister wünscht.