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Kein Wasser, sondern Deckel drauf

Seit mehr als 30 Jahren ist die Deponie am Lemberg zu – doch immer noch sickert belastetes Wasser in den Untergrund. Das muss nun verhindert werden. Die Kosten dafür liegen im zweistelligen Millionenbereich.

Oben Natur, im Boden Hausmüll und Bauschutt: Leiter Sebastian Dörr (oben links) führt Neugierige am Montag über die ehemalige Deponie am Lemberg. Auf dem Areal hat eine Imkerin Bienenkästen aufgestellt (rechts). Allerdings muss die AVL hier auch eine
Oben Natur, im Boden Hausmüll und Bauschutt: Leiter Sebastian Dörr (oben links) führt Neugierige am Montag über die ehemalige Deponie am Lemberg. Auf dem Areal hat eine Imkerin Bienenkästen aufgestellt (rechts). Allerdings muss die AVL hier auch eine Anlage betreiben, die verunreinigtes Wasser wieder aufbereitet. Der Kostenpunkt: rund 160 000 Euro im Jahr. Foto: Ramona Theiss
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Kreis Ludwigsburg. An der Oberfläche hat sich die Natur das alte Deponieareal am Lemberg zwischen Poppenweiler und Affalterbach zurückgeholt. Ein Wäldchen ist hier entstanden, in dem sich Zauneidechsen, Wildschweine und Molche wohlfühlen. Für Greifvögel ist die gut 15 Hektar große Fläche zum Jagdrevier und für eine Imkerin zur Arbeitsstelle geworden.

Doch im Boden lagern bis zu 40 Meter tief Hausmüll und Gewerbeabfälle. Rund 6,6 Millionen Tonnen sind über die Jahre zusammengekommen. „Die Deponie ist wie ein offener Reaktor“, sagt der Leiter Sebastian Dörr. Es entsteht Methangas. Wenn es regnet, sickert Wasser durch den Boden und verunreinigt das Grundwasser. Auf dem Plateau der Deponie in gut 330 Metern Höhe hat die kreiseigene Abfallverwertungsgesellschaft AVL ein fünf Hektar großes Gebiet vor Jahren abdichten lassen. „Wir haben gehofft, dass das ausreicht“, sagt Tilman Hepperle, der AVL-Geschäftsführer.

Doch das Stuttgarter Regierungspräsidium hat diese Hoffnung zunichtegemacht und fordert nun, auch die restlichen zehn Hektar qualifiziert zu versiegeln. Der Aufwand, den der Landkreis betreiben muss, ist immens: Bäume, die vor noch nicht allzu langer Zeit gepflanzt worden sind, müssen wieder weichen. Zauneidechsen werden im kommenden Frühjahr aus dem Waldgebiet auf das Hochplateau umgesiedelt. „Wir werden Steinmauern und Reisighaufen anlegen, damit sich die Tiere auch wohlfühlen“, sagt Dörr. Der neue Lebensraum sei größer als die bislang genutzte Fläche. Dazu kommen Amphibienzäune, die verhindern sollen, dass die Zauneidechsen zurückkehren.

Die AVL hat vor, die etwa eine Dekade dauernden Sanierungsarbeiten in einem Jahr zu starten. Die Kostenschätzung liegt bei 15,5 Millionen Euro. Das Projekt zieht sich auch deshalb so in die Länge, weil die Experten Rücksicht auf Vegetations- und Fortpflanzungszeit nehmen müssen.

Bei einem Deponierundgang am Montagmorgen in strömendem Regen mit Entscheidungsträgern aus Ludwigsburg, Affalterbach und Erdmannhausen macht der AVL-Chef Hepperle klar: „Es ist nicht auszuschließen, dass die angrenzenden Ortschaften wie Poppenweiler von den Arbeiten etwas mitbekommen werden.“ Wenn zum Beispiel Holz in großem Stil gerodet und abgeholt oder frischer Boden angeliefert wird. Davon braucht es jede Menge, da der Deponie- deckel drei Meter dick werden muss. Die AVL will einen Lagerplatz anlegen lassen und nun in Grundstücksverhandlungen mit den örtlichen Landwirten gehen.

Dass die Sanierung zwingend nötig ist, um die Natur und vor allem das Grundwasser zu schützen, daran lässt der Müllmanager Hepperle keinen Zweifel. Derzeit leistet sich die AVL am Lemberg noch eine Anlage, die das Sickerwasser reinigt. Der Kostenpunkt für die Gebührenzahler: laut Deponieleiter Dörr rund 160000 Euro pro Jahr. Sein Chef Hepperle verspricht unterdessen am Montagmorgen unter dem Regenschirm: „Wir arbeiten intensiv daran, die Belastungen für Natur, Tiere und die umliegenden Bewohner so gering wie möglich zu halten.“

Hochfliegende Pläne für die alte Deponie machen immer mal wieder die Runde. Der frühere AVL-Technikchef Albrecht Tschackert sagte 2016 auf einem Ortstermin: „Ich träume davon, dass eines Tages auf dem Gipfel der Deponie ein kleiner Aussichtsturm gebaut wird.“ Der Blick auf die Backnanger Bucht und den etwas höher gelegenen Lemberg ist aber auch zu schön – wenn es nicht so schüttet wie am Montag.

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