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Kerzen als Symbol für Frieden, Verständigung und Zuversicht

Zeichen des gesellschaftlichen Zusammenhalts: In Marbach gehen zahlreiche Menschen für die aktuelle Coronapolitik auf die Straße. Foto: Andreas Becker
Zeichen des gesellschaftlichen Zusammenhalts: In Marbach gehen zahlreiche Menschen für die aktuelle Coronapolitik auf die Straße. Foto: Andreas Becker
Rund 80 Marbacher zeigen am Oberen Torturm Solidarität mit den Pandemieopfern – Fraktionen, Vereine und gesellschaftliche Gruppen beteiligen sich an der Aktion.

Marbach. Wie eine Woche zuvor in Steinheim sind am Freitagabend auch in Marbach Menschen auf die Straße gegangen, um ihre Unterstützung der aktuellen Coronaregeln zum Ausdruck zu bringen. Zu der Kundgebung am Oberen Torturm hatte ein breites Bündnis aus SPD, Grünen, Freien Wählern, CDU sowie verschiedenen Vereinen und Institutionen aufgerufen. „Uns war wichtig, dass die Veranstaltung überparteilichen Charakter hat“, so der Hauptorganisator Nikolai Häußermann, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins, kurz vor Beginn der Veranstaltung. „Deshalb haben wir bewusst auch Vereine und gesellschaftliche Organisationen ins Boot geholt.“ Wie groß die Resonanz sein wird, kann Häußermann nicht einschätzen, „ich lasse mich einfach überraschen“.

Begrüßt wird das Publikum von Amelie Zeck, der Schülersprecherin des Friedrich-Schiller-Gymnasiums. Sie versteht die Kundgebung als Zeichen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Bürgermeister Jan Trost greift zwar nicht zum Mikrofon, signalisiert mit seiner Präsenz aber, dass die Stadt dieses zivilgesellschaftliche Engagement unterstützt. Gleiches gilt für die Kirchen.

Im weiteren Verlauf trägt die Veranstaltung den Charakter einer Mahnwache. Bislang habe die Pandemie alleine in Deutschland 116000 Todesopfer gefordert, sagt Pfarrerin Karin Schweikert, weltweit seien schon 5,5 Millionen Menschen mit oder an einer Infektion gestorben.

„Marbach zeigt Herz“ lautet das Motto der Kundgebung. „Es ist uns ein Herzensanliegen, mit Worten, stillen Gebeten und wärmendem Kerzenlicht Solidarität mit allen zu zeigen, die unter der Pandemie gelitten haben und immer noch leiden“, so die Pfarrerin. Das gelte nicht nur für die Toten und ihre Angehörigen. Sondern auch für Gastronomen, Kulturschaffende oder Schausteller, die von den Folgen der Pandemie – auch materiell – besonders hart getroffen wurden.

Andere wie Ärzte und Pflegepersonal hätten große Anstrengungen erbracht, um ihre Mitmenschen zu schützen. Freiheit im christlichen Sinne drücke sich nicht zuletzt in dieser Fürsorge und in Verantwortung gegenüber dem Nächsten aus, sagt Schweikert. So gesehen bestehe durchaus Anlass, an diesem Abend Kerzen als Symbol für Frieden, Verständigung, Hoffnung und Zuversicht zu entzünden.

Allerdings weiß die Pfarrerin auch, dass die Coronaregeln nicht bei allen gut ankommen. Polizisten, Politiker und andere Berufsgruppen sähen sich bei Demonstrationen und in den sozialen Netzwerken Beschimpfungen ausgesetzt. Deshalb sei die Mahnwache auch ein Zeichen gegen Gewalt, Drohungen, offen zur Schau gestellten Antisemitismus und radikales Gedankengut.

Nach Schweikerts Rede stimmt Musiker Rolf Schmiedel auf seiner Klampfe den Bob-Dylan-Klassiker „Knockin‘ on Heaven’s Door“ an, die Besucher zünden Kerzen an. Das klappt wegen der windigen Verhältnisse in der Fußgängerzone eher leidlich. Also wird improvisiert, in den meisten Fällen ersetzt die Taschenlampenfunktion des Smartphones das Kerzenflackern. Das ist vielleicht nicht ganz stilgerecht. Aber bei der sich an das Lied anschließenden Schweigeminute, bei der an die Opfer der Pandemie gedacht wird, geht es nicht um Ästhetik, sondern um den guten Willen. Und auch ein Smartphone spendet ein wenig Licht in düsteren Zeiten.

Etwa 80 Marbacher folgen dem Aufruf, heißt es am Freitagabend. Mit dieser Beteiligung zeigt sich der Organisator Häußermann zufrieden. „Schön, dass trotz der Kälte so viele gekommen sind“, zieht er eine positive Bilanz. Ob weitere Kundgebungen in Marbach oder anderen Kommunen folgen werden, kann Häußermann noch nicht sagen. Das werde nun besprochen.