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Kinder holen verpasste Infekte nach

Maskentragen, Abstandhalten und Kontaktevermeiden haben nicht nur die Coronapandemie, sondern auch andere Atemwegsinfektionen eingedämmt. Mit den Lockerungen treten bei Kindern derzeit vermehrt Erkrankungen auf, die sonst eigentlich nur im Winter vorkommen.

Aufgrund der Coronamaßnahmen ist das Immunsystem zwar weniger trainiert, aber nicht aktiv geschwächt. Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com
Aufgrund der Coronamaßnahmen ist das Immunsystem zwar weniger trainiert, aber nicht aktiv geschwächt. Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com

Kreis Ludwigsburg. Anders als Infektionen mit dem aktuellen Coronavirus oder Influenzaviren sind viele weitere Atemwegserkrankungen nicht meldepflichtig. Deshalb kann das Landesgesundheitsamt dazu keine Zahlen liefern. Auch aus dem Landratsamt Ludwigsburg gibt es nur eine Tendenz. „Es hat den Anschein, dass augenblicklich vermehrt Erkältungskrankheiten auftreten“, so ein Sprecher. Da im Sommer nun wieder mehr Kontakte möglich sind, könne es vermehrt zu Ansteckungen kommen, wobei sich das Immunsystem der Kinder mit dem Erregerspektrum auseinandersetze und sozusagen Trainingsdefizite nachhole.

Da etwa Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RS-Virus, RSV) bei Kindern zu Krankenhausaufenthalten führen können (siehe Kasten unten), ergibt eine Nachfrage beim RKH Klinikum Ludwigsburg ein deutlicheres Bild. „In den zurückliegenden Wochen hatte die Klinik mehrere Kinder mit dieser Erkrankung, was absolut ungewöhnlich für die Jahreszeit ist“, sagt der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Prof. Dr. Jochen Meyburg. Ob es sich lediglich um eine Verschiebung vom Winter in den Sommer oder tatsächlich um eine Zunahme der Erkrankungen handelt, lasse sich nicht beantworten, da im Winter wegen der strengen Hygienemaßnahmen keine üblichen Infektionskrankheiten aufgetreten seien. Während es früher zu dieser Zeit im Jahr bei ihnen überhaupt keine RSV-Fälle gegeben habe, seien es im Winter jeweils zwischen 50 und 100 gewesen.

„Wäre jetzt November, wären die Zahlen völlig normal“, sagt der Kinder- und Jugendarzt Dr. Harald Rickert von der Praxis 3Käsehoch in Besigheim. Auch er beobachtet derzeit deutlich mehr Atemwegserkrankungen, darunter durch das RS-Virus verursachte. Vor allem betreffe das Kinder zwischen sechs Monaten und etwa fünf Jahren. Es sei vorstellbar, dass die Kinder in der Lockdownzeit eine gewisse Basisimmunität verloren haben. „Aktiv geschwächt haben die Coronamaßnahmen natürlich kein Immunsystem – wie sollte das gehen?“, betont der Arzt jedoch. Es sei wichtig, dass das Immunsystem der Kinder nun an harmlosen Erregern übe, um später mit gefährlichen besser zurechtzukommen. Richtung Herbst erwartet er eine Zunahme solcher Infekte, mit der Schulöffnung auch bei Grundschülern.

Von einem „Sommer, der fast ein Winter ist“, spricht im Hinblick auf die Atemwegserkrankungen Karin Bender von der Ludwigsburger Gemeinschaftspraxis für Kinderheilkunde und Jugendmedizin. Vor allem gehe es dabei um Klein-, Kita- und Kindergartenkinder. Erstmals träten RS-Viren im Sommer auf. Bei Dr. Rudolf Beck in der Kinder- und Jugendärztlichen Gemeinschaftspraxis in Ludwigsburg kommen derzeit ebenfalls deutlich mehr Atemwegsinfektionen vor, gerade mit dem RS-Virus. „Die Keime hatten im Winter aufgrund der Coronamaßnahmen keine Chance, sich auszubreiten“, so der Arzt. Das werde nun sozusagen nachgeholt. „Wenn Schulen und Kindergärten wieder normal in Präsenz ablaufen, ist ein jahreszeitlich entsprechendes Niveau zu erwarten“, sagt er im Hinblick auf Herbst und Winter. Doch auch in dieser Zeit schwankten die Zahlen von Jahr zu Jahr.

Zum befürchteten Corona-Anstieg gerade in diesen größtenteils ungeimpften Gruppen dürften demnach einige Erkältungen und Grippen hinzukommen. „Da man bei Husten und Fieber erst einmal an Corona denken muss, sich sicherheitshalber in Quarantäne begeben und das Testergebnis abwarten muss, dürfte das ein erheblicher Störfaktor für den Schulbetrieb werden“, erwartet der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl.

Drohen Infekte bei Kindern nach der Coronazeit nun schwerer auszufallen, weil das Immunsystem weniger trainiert ist? Immunologe Watzl geht von mehr Erkrankungen, aber nicht zwangsläufig von schwereren Verläufen aus. „Das Immunsystem darf man sich nicht als Muskel vorstellen, der sich in der Pandemie zurückgebildet hat.“ Auch mit den Maßnahmen zum Schutz vor Corona habe es noch genug zu tun gehabt, zum Beispiel weil Keime nicht nur mit der eingeatmeten Luft, sondern etwa auch mit dem Essen aufgenommen würden.

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