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Kleinere Klassen, sinnvollere Inhalte

„Das aktuelle Bildungssystem in Baden-Württemberg ist weder krisenfest noch zukunftssicher“, so Ex-Kultusminister und SPD-Chef Andreas Stoch. Über seine und die Ideen der Partei diskutierte er mit Vertretern von Schulen und Eltern.

Diskutieren darüber, wie Schule krisenfester werden kann (von links): Zwölftklässler Orest TKach, Schulleiter Jörg Fröscher, SPD-Landtagskandidat Torsten Liebig, Parteichef Andreas Stoch, Moderator Macit Karaahmetoglu und Stephan Haag für die Eltern.
Diskutieren darüber, wie Schule krisenfester werden kann (von links): Zwölftklässler Orest TKach, Schulleiter Jörg Fröscher, SPD-Landtagskandidat Torsten Liebig, Parteichef Andreas Stoch, Moderator Macit Karaahmetoglu und Stephan Haag für die Eltern. Foto: Holm Wolschendorf

Gerlingen. Rund 30 Zuhörer sitzen am Mittwochabend in der Gerlinger Stadthalle, alle mit ausreichend Abstand auf ihren Stühlen. Ganz so, wie es die Coronaregeln wollen – wie es aber nicht überall umgesetzt werden kann. Etwa in Klassenzimmern. Ginge es nach der SPD, würden deshalb nur halb so viele Schüler dort sitzen. Das ist zumindest eine der zentralen Forderungen aus dem Konzept „Krisenfestes Klassenzimmer“, über das der ehemalige Kultusminister und aktueller Partei- und Fraktionschef Andreas Stoch am Mittwoch mit Vertretern aus Schulen und von Eltern diskutierte. Und das er nicht nur als Maßnahme während Corona verstanden wissen will.

Vieles habe gerade das Kultusministerium falsch gemacht und nichts gegen die vorhersehbaren Probleme unternommen, stattdessen die Schulen sich selbst überlassen – und sich dann erst und fast ausschließlich um Abiturienten gekümmert, obwohl klar war, dass gerade in anderen Schulformen die technische Ausstattung wie auch die Unterstützungsleistung in den Familien oft schlechter ist. Und auch jetzt noch werde weiter diskutiert, wer für die Anschaffung von Tablets und Co. zuständig sei. Anders Rheinland-Pfalz, dort habe seine Parteikollegin schon eine Einigung erzielt: Die Kommunen suchen und stellen die Fachkräfte – für EDV, die könnten das besser leisten als Lehrer, die das hierzulande zumeist übernehmen müssten – an, das Land zahlt die Hälfte der Kosten. Unterstützen könnte auch der Bund, der über die größeren Geldtöpfe verfüge.

Digitaler Unterricht sei aber nicht das Allheilmittel, sagte er auf kritische Anmerkung aus dem Publikum zum Konzeptpapier „Krisenfestes Klassenzimmer“. Das sei aus dem Mai, als es darum ging, überhaupt wieder Unterricht zu ermöglichen – auch ohne die gescheiterte Bildungsplattform Ella. Denn Schule ist vor allem auch ein sozialer Ort, bestätigten Orest TKach als Sprecher der Zwölftklässler am Robert-Bosch-Gymnasium („Wir brauchen Räume, um uns auszutauschen, Präsenz ist viel besser als Fernunterricht“) und Jörg Fröscher, Leiter der Theodor-Heuglin-(Gemeinschafts)Schule Hirschlanden. Er berichtete davon, dass gerade nach der Wiederöffnung eine gute Atmosphäre zwischen Lehrern und den kleinen Gruppen geherrscht habe, die emphatisch-emotionale Ebene und der Kontakt habe den Kindern am meisten gefehlt. Zudem, so ein Fazit der Zeit vor den Sommerferien, habe der wichtigste Stoff aufgeholt werden können – doch nicht überall habe das mit dem Fernunterricht so gut geklappt, vor allem schwächere Schüler seien schlechter geworden, zitierte SPD-Landtagskandidat Torsten Liebig entsprechende Studien. „Insgesamt muss es uns zu denken geben, ob wir es Pädagogen weiter zumuten, mit 28 Kindern zu unterrichten“, so Fröscher. Kleinere Klassen und damit mehr Lehrer seien sinnvoll, zudem sollten diese auch so ausgebildet sein, um den Kindern die vernünftige digitale Nutzung beizubringen – kaum möglich derzeit, nachdem das Kultusministerium die aus Stochs Sicht gute Fortbildungsstruktur „plattgemacht hat“. Stephan Haag – er ist Korntaler SPD-Stadtrat, Leiter einer Grundschule und hat über seine drei schulpflichtigen Töchter Erfahrung gemacht vom analog bereitgestellten Material bis zum digitalen Unterricht und dem Streit, wer das Notebook nutzen darf – sprach sich in seiner Funktion als Elternvertreter an der Glemstalschule zudem für eine Stärkung der Schulsozialarbeit aus. Freilich, das kostet viel Geld – ebenso wie der in drei, vier Jahren nötige Ersatz für die Tablets und die Fachkräfte, die sich um die Installation und Wartung kümmern – und die Politik müsse sich fragen, ob sie dazu bereit ist, so der Tenor.

Landtag lehnt Aufstockung ab

Zumindest derzeit ist das nicht der Fall, nur wenige Stunden zuvor wurde im Landtag im Rahmen des Nachtragshaushalts der SPD-Antrag auf Schaffung von 1000 zusätzlichen Lehrerstellen abgelehnt, kritisierte Stoch. Gleiches galt für den Antrag, Fachkräfte aus der Erwachsenenbildung an Schulen einzusetzen. Zudem sollten, so die Idee, Gymnasiallehrer, von denen es insgesamt zu viele gebe, auch an anderen Schularten arbeiten, vor allem in der aktuellen Situation.

Einig waren sich alle auch, dass die Bildungspläne auf den Prüfstand und ausgemistet gehörten. Als Beispiel nannte Zuhörer Wilfried Gentner, CDU-Gemeinderat aus Hemmingen, die Differentialrechnung. Solche speziellen Kenntnisse sollten vielmehr in der Berufsausbildung vermittelt werden. Und auch Fröscher sagte: „Wir müssen überlegen, was Bildung heute bedeutet.“ Kinder heute benötigten andere Fähigkeiten als noch vor 20 Jahren, das gelte auch für die Kindheit. So manche wüchsen vereinzelt auf, daheim würde kein Deutsch gesprochen und auch keine Verhaltensregeln beigebracht. „Das Schulsystem hat aber nicht wegen Corona versagt“, sondern schon viel früher, etwa bei der Inklusion, die verschleppt worden sei, und der Integration. Alle seien nun gefordert, gemeinsam etwas zu ändern – auch die Schüler, appellierte Torsten Liebig. „So laut wie fürs Klima müsst ihr auch für eure Bildung kämpfen!“

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