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Kokaindealer aus „wirtschaftlicher Not“ kommt hinter Gitter

Um seine Kredite zu finanzieren, ist ein 33-Jähriger zum zweiten Mal in den Drogenhandel eingestiegen – Nach Vorstrafe auf Bewährung jetzt vier Jahre und vier Monate Haft

Tamm/ Heilbronn. Als die Kredite fast seinen ganzen Lohn auffraßen, suchte sich ein 33-jähriger Mann aus Tamm eine andere Einkommensquelle: den Drogenhandel. Der Versuch ging schief und endete vor dem Landgericht Heilbronn mit einer relativ hohen Freiheitsstrafe von vier Jahren und vier Monaten, denn Sebastian K. ist kein unbeschriebenes Blatt.

Vor gerade mal anderthalb Jahren war der gelernte Metalltechniker vom Amtsgericht Marbach zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden. Der Grund war der gleiche: Drogenhandel. „Sie haben damals hoch und heilig geschworen, dass Sie die Finger davon lassen“, hielt ihm die Richterin in Heilbronn nun vor, „aber es ging gerade so weiter.“

Waren es im ersten Fall noch um die 50 Gramm Marihuana, war jetzt von Kilo und Kokain die Rede. Das Ungewöhnliche dabei: Der 33-Jährige selbst hatte mit Drogen – abgesehen von einem gelegentlichen Joint – gar nichts am Hut. Er war auch noch nie straffällig geworden. Wenn nicht die vielen Kredite gewesen wären, von denen einer einen mysteriösen Hintergrund hat.

Zusätzlich zu einem Wohnungs- und einem Privatkredit hatte Sebastian K. weiteres Geld aufgenommen, nachdem er einen alten Schulfreund bei sich hatte einziehen lassen, der arbeitslos geworden und zu Hause rausgeflogen war: „Den musste ich ja irgendwie durchfüttern.“

Dann war etwas Merkwürdiges geschehen: In der ersten Dealer-Phase, so berichtete der Angeklagte, sei er in das Gebiet eines Konkurrenten eingedrungen, der mit geladener Pistole 25000 Euro gefordert hatte. Und bekam – das war der nächste Kredit. Sebastian K. war damals zur Polizei gegangen und hatte alles erzählt. Der erpresserische Konkurrent war zu sieben Jahren Haft verurteilt worden, K. hatte einen weiteren Kredit am Hals.

„Sein Konto war am 2. jedes Monats schon im Minus“, rechnete sein Verteidiger vor. „Wenn er in Kurzarbeit war, blieb zum Leben nichts übrig.“ Sein Mandant habe aus purer wirtschaftlicher Not gehandelt, es allerdings auch versäumt, Hilfe in Anspruch zu nehmen – eine Schuldnerberatung zum Beispiel. Er bat das Gericht um eine Strafe, die „einen Neuanfang möglich macht“; seine Eltern stünden jedenfalls an seiner Seite.

Der Staatsanwalt hielt dem Angeklagten nicht nur den schnellen Rückfall vor, sondern auch das, was die Polizei bei der Hausdurchsuchung in Tamm außer Marihuana, Kokain, Tüten und einer Feinwaage sonst noch so entdeckt hatte: zwei Äxte und ein Faustmesser, das nur Jäger und Kürschner legal besitzen dürfen. Er sei nun mal ein Wikinger- und Ritter-Fan, verteidigte sich der Angeklagte, die Äxte seien reine Deko und – wie ein Polizeibeamter als Zeuge bestätigte – schwer, aber stumpf. Der Staatsanwalt blieb dabei: Allein der Anblick der Äxte habe eine „Abschreckungsfunktion“ für renitente Kunden. Er forderte fünf Jahre Haft.

Das Gericht hielt vier Jahre und vier Monate für ausreichend. „Damit können Sie sich eine Perspektive aufbauen und bei guter Führung als Freigänger Ihrer Arbeit nachgehen“, stellte die Richterin in Aussicht. Und wie eigentlich die Eltern reagiert hätten, die am ersten Prozesstag extra aus Norddeutschland angereist waren, um ihren Sohn zu sehen? „Na, begeistert waren die nicht“, räumte der Verurteilte ein.