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Kontrolliertes Trinken: Halbtrocken in ein neues Leben

In Deutschland beginnt an diesem Samstag die Aktionswoche Alkohol. Das Motto: Weniger ist besser. Eine Therapiemethode zeigt: Sich ab und zu ein Glas zu genehmigen, kann für alkoholkranke Menschen erfolgversprechender sein als die totale Abstinenz. Ein Beispiel aus dem Kreis Ludwigsburg.

„Es handelt sich um ein hochwirksames Programm“: Suchtberater Tom Bredow (links) und Herbert Wurst, heute Leiter einer Selbsthilfegruppe und kontrollierter Trinker. Foto: Holm Wolschendorf
„Es handelt sich um ein hochwirksames Programm“: Suchtberater Tom Bredow (links) und Herbert Wurst, heute Leiter einer Selbsthilfegruppe und kontrollierter Trinker. Foto: Holm Wolschendorf

Kornwestheim/Ludwigsburg. Am Bahnhofsplatz in Kornwestheim reihen sich Billigshops und Pinten aneinander, in denen es sich schnell einen über den Durst trinken lässt. Doch die Immobilie mit der Nummer 10 ist anders, sie ist der Treffpunkt für Gestrandete, die den Suff hinter sich lassen wollen. In dem Haus hält der Kreisdiakonieverband ein Angebot vor, das den sperrigen Titel Psychosoziale Beratungs- und ambulante Behandlungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke trägt, kurz PSB. Herbert Wurst, 66, Amtsrat im Ruhestand aus dem Ludwigsburger Stadtteil Schlösslesfeld, ist regelmäßig hier.

Der groß gewachsene Pensionär, silberfarbene Haare, Kinnbart, Brille, Jackett zur Jeans, hat seinem Körper viel zugemutet. Wurst trank lange mehr als 40 Flaschen Bier in der Woche. Morgens, wenn er benommen ins Bad wankte, dröhnte ihm der Kopf. Die Schmerzen ließen auch nicht nach, als er mit der Dusche fertig war. Seine Arbeit im Landratsamt in Heilbronn erledigte er leidlich. Immerhin: Zu Filmrissen und Abstürzen kam es nicht. Die Leberwerte? In Ordnung, attestierten ihm die Ärzte. „Ich habe aus Gewohnheit zur Flasche gegriffen“, sagt Wurst im Gespräch mit unserer Zeitung.

Es gibt offenbar auch einen anderen Weg aus der Sucht als totale Abstinenz

Es reifte in ihm allerdings die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen konnte. Dass der Alkohol wie eine betäubende, alles erstickende Watte wirkte. In der Zeitung las er vor gut sechs Jahren eine Annonce: Einsteigerkurs zum kontrollierten Trinken. „Das klang fast zu schön, um wahr zu sein“, sagt Wurst. Er guckt aus dem Fenster, unter ihm rattern S-Bahnen in den Bahnhof. Auf der anderen Seite sind die Hallen der alten Salamander-Schuhfabrik zu sehen, in denen schon eine Verwandte schaffte.

Kontrolliertes Trinken also, abgekürzt KT. Vereinfacht ausgedrückt geht es darum: Suchtkranke, unter die sich der Pensionär Wurst subsumiert, ohne zu zögern, setzen sich mit Hilfe eines Experten ein individuelles Ziel, wöchentlich nur noch eine bestimmte Menge Alkohol zu trinken. Bei Wurst sind das fünf oder sechs Flaschen Bier. An mindestens zwei Tagen in der Woche bleiben die kontrollierten Trinker trocken. Sie orientieren sich damit an den Empfehlungen der WHO, der Weltgesundheitsorganisation. Flankierend führen die Kursteilnehmer ein Trinktagebuch, in dem sie ihren Konsum in Einheiten notieren. Eine Einheit entspricht einem halben Liter Bier, einem Viertele Wein, drei kleinen Schnäpsen oder 20 Gramm reinem Alkohol.

„Es handelt sich um ein hochwirksames Programm“, sagt Tom Bredow, 56, runde Brille, die dunklen Haare zum Zopf gebunden. Der Diplom-Sozialpädagoge ist Suchthelfer und Fachmann mit Zusatzqualifikation für kontrolliertes Trinken bei der PSB in Kornwestheim. Sein Ziel: alkoholkranken Menschen zu helfen, ihren Konsum auf ein gesundheitsverträgliches Maß zu senken. Dafür bietet er KT-Kurse über jeweils zehn Abende in der PSB an, die rund 150 Euro kosten und von den Krankenkassen unterstützt werden. „Der überwiegende Teil schafft es hinterher, mit Situationen umzugehen, die früher zu Trinkgelagen geführt hätten“, sagt Bredow unserer Zeitung.

Das Programm stammt aus den USA und schwappte vor gut 20 Jahren auch nach Deutschland über. Pionier war der Psychologe und Professor Joachim Körkel, der lange gegen Windmühlen kämpfen musste. Denn in Deutschland gilt ein Dogma: Alkoholiker müssen es schaffen, nie wieder Alkohol anzurühren. Das Problem: Die Erfolgsquote ist verschwindend klein, die Hürde zu hoch. Nur zehn Prozent der Abhängigen begeben sich laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung überhaupt in eine Suchttherapie – und von denen bleibt nur ein Fünftel länger als ein Jahr abstinent.

Deshalb beschreiten Suchthelfer wie Bredow in Kornwestheim neue Wege. Er hat nach der Pandemie wieder einen Kurs zum kontrollierten Trinken gestartet. Mit den Teilnehmern spielt er konkrete Szenarien durch. Sie lernen, mit Ausrutschern umzugehen, wie sie sich auf Festen verhalten, was sie tun können, wenn ihnen Alkohol angeboten wird. „Abstinenz ist möglich“, sagt er über kontrolliertes Trinken, aber nicht zwingend. „Das darf und muss jeder für sich entscheiden.“ Er wirbt dafür, KT als Alternative in der Therapie zu betrachten. „Die Programme sollten nebeneinanderstehen, nicht gegeneinander.“ Etwa 50 Prozent seiner Klienten wollen oder können nicht trocken leben. „Die wären ohne KT für uns verloren.“

Früher war Herbert Wurst ein Problemtrinker – er zischte mehr als 40 Bier in der Woche weg

Der Kreisdiakonieverband verweist auf weltweite Studien, wonach jede Trinkmengenreduktion ein Schritt in die richtige Richtung sei. „Mit jeder Trinkmengenreduktion gehen weitere positive Auswirkungen einher“, sagt der Fachbereichsleiter Suchthilfe, Matthias Liegl. Er nennt als Beispiele Erfolge in der Partnerschaft und bei der Arbeit, Verbesserungen der körperlichen und psychischen Gesundheit, Steigerung der Lebensqualität, Rückgang von Ängsten, Depressionen und des Konsums anderer Suchtmittel.

Für Herbert Wurst, früher mehr als 40 Bier in der Woche, ist es heute nach eigenen Angaben ein Genuss, morgens ohne hämmernde Kopfschmerzen aufzustehen. „Ich bin jetzt fitter, habe mehr Ausdauer und kann mich besser konzentrieren“, sagt er. „Es ist ein anderes Leben.“ Manchmal bleibt er tagelang trocken. Der Pensionär hat mitgeholfen, in Kornwestheim eine Selbsthilfegruppe aufzubauen, die er auch leitet. Sie ist eine der ersten ihrer Art in Deutschland. Aufnahmebedingung ist, dass die Teilnehmer einen Einsteigerkurs zum kontrollierten Trinken erfolgreich absolviert haben. Wurst will Menschen helfen, die Fracksausen bekommen, wenn sie nach zehn Abenden im KT-Kurs in die freie Wildbahn entlassen werden.

Das Programm für kontrollierte Trinker musste der Ludwigsburger Wurst übrigens zweimal durchlaufen, bis er seinen Alkoholkonsum im Griff hatte. Mittlerweile hat er auch zum zweiten Mal geheiratet. Seine jetzige Frau weiß von seinem Vorleben. Wurst sagt schmunzelnd: „Manchmal braucht es eben mehrere Anläufe.“

Info: Die PSB Kornwestheim ist telefonisch unter (07154) 8059750 zu erreichen. Mehr auch im Internet unter www.kdv-lb.de oder www.kontrolliertes-trinken.de.

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