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Kräfte müssen gebündelt werden

Jedes Jahr 1,5 Prozent weniger: Wie die evangelische Kirche im Landkreis gegen den Mitgliederschwund ankämpft

„Wir müssen auf Augenhöhe einen offenen Dialog pflegen“: Der Vaihinger Dekan Reiner Zeyher am Mittwoch in Markgröningen. Nach dem Abschied des Ditzinger Kollegen Friedrich Zimmermann steht er nun alleine an der Spitze des fusionierten Dekanats. Foto:
„Wir müssen auf Augenhöhe einen offenen Dialog pflegen“: Der Vaihinger Dekan Reiner Zeyher am Mittwoch in Markgröningen. Nach dem Abschied des Ditzinger Kollegen Friedrich Zimmermann steht er nun alleine an der Spitze des fusionierten Dekanats. Foto: Holm Wolschendorf

Markgröningen. Pfarrstellen werden gestrichen, Seelsorgeeinheiten gebildet, Immobilien wie Gemeinde- oder Pfarrhäuser verkauft. Auch die evangelische Kirche im Landkreis bekommt es zu spüren, wenn die Schäfchen immer weniger werden. Hierzulande sind die Dekanate Vaihingen und Ditzingen zusammengelegt worden – nach dem Abschied des Ditzinger Dekans Friedrich Zimmermann liegt die Verantwortung nun bei seinem Kollegen Reiner Zeyher. „Ich habe hohen Respekt vor dem, was auf mich zukommt“, sagte der Theologe am Mittwochmorgen bei einem Pressegespräch in Markgröningen. Einen Co-Dekan habe die Ditzinger Synode nicht gewollt. Nur ein Büro werde dort bis auf weiteres geöffnet haben.

Damit wächst das Vaihinger Dekanat beträchtlich, und zwar zum zweitgrößten im Landkreis. Derzeit, so Zeyher, werde der Pfarrstellenplan 2024 umgesetzt, an dessen Ende 7,5 Pfarrstellen abgebaut sein müssen. Dann würden die Vorbereitungen für die nächste und voraussichtlich letzte Stufe bis 2030 laufen. Er befürchtet, dass im schlimmsten Fall noch einmal so viele Stellen gestrichen werden. Aber der Dekan sagt zu, dass es in jedem Dorf weiter einen Pfarrer geben werde. „Wir arbeiten uns von den Zentren in die Peripherie.“

Umso gewichtiger werde die Bedeutung der derzeit 22 Diakone. Die sollen eigene Bereiche aufbauen und nicht nur den Stellenabbau kompensieren. „Die Zeiten, da jede Gemeinde alle kirchlichen Aufgaben erfüllen musste, sind vorbei“, sagt Zeyher über die Notwendigkeit der Vernetzung und Kooperation. Bis Ende 2023 soll ein entsprechender Diakonatsplan stehen. Auch die ohnehin gute Zusammenarbeit in der Ökumene müsse weiter ausgebaut werden. „Die katholische und die evangelische Kirche können längst nicht mehr auseinanderdividiert werden.“

Schon ein Jahr früher sollen die Distrikte neu geordnet sein. Vor allem an den Schnittstellen der Altdekanate müssten die Funktionen und Zuständigkeiten neu sortiert werden. „Wir wollen die alte Grenze durchlässig machen und die qualitative Arbeit noch mehr in den Vordergrund stellen“, sagt Zeyher. Man müsse im wahrsten Sinne „über den eigenen Kirchturm hinausdenken“.

Auch die Finanzen bereiten Sorgen. Im nächsten Jahr müsse man im Etat mit 0,7 Prozent weniger auskommen. Bei vorhersehbaren Gehaltsteigerungen von bis zu vier Prozent. Das müsse kompensiert werden, damit die wohlgefüllten Rücklagen nicht angegriffen werden müssen. „Sonst sind wir 2025 insolvent.“

All die Sorgen wischt Zeyher mit Optimismus weg. „Wir sind viel zu defizitorientiert“, fordert er, die Probleme als Chance zu sehen und aktiv zu werden. Man wolle nah bei den Menschen sein und die evangelische Kirche in die Zukunft führen. Besonderes Potenzial sieht Zeyher in der Kinder- und Jugendarbeit, bei der Unterstützung von Familien. Christliche Grundwerte seien Grundpfeiler der Gesellschaft. Auch wenn mittlerweile weniger als die Hälfte der Deutschen noch getauft seien. Auch die Arbeit in der Seelsorge habe Gewicht, insbesondere in individuellen Krisensituationen.

Es müsse an der schwindenden Kirchenbindung gearbeitet werden. Zum Beispiel mit familienfreundlichen, kurzen Gottesdiensten, die Impulse geben, statt langatmiger Predigten, die den Sonntag beschneiden. Mit anderen Formaten in der Liturgie, wie über das Internet oder den Gartengottesdiensten und mit früh einsetzendem Konfi-Unterricht ab Klasse drei. Zeyher setzt darauf, über die Herzen der Kinder die Eltern zum Nachdenken über ihr bestehendes Kirchenbild zu bringen. Und: „Wir müssen auf Augenhöhe einen offenen Dialog pflegen.“ Viele würden an der Schwelle stehen und zögern. Vielleicht wollten sie nur über diese Schwelle getragen werden.

„Der Einfluss der Kirche an sich ist gering“, sagt Zeyher. Die Kraft liege im Geist und im Wort Gottes. Das müsse neu interpretiert und den Menschen nahegebracht werden. Ihnen müsse klar werden, dass sie als Geschöpfe angenommen und respektiert seien.

Viel Zeit bleibt dem Dekan nicht, die Weichen zu stellen. Bei Zeyher, Jahrgang 1957, klopft der Ruhestand an die Tür. Spätestens im Sommer 2023 ist auch bei ihm Schluss mit dem Arbeitsleben.

Info: Am Reformationstag, 31. Oktober, steht eine Diskussionsrunde mit der Theologin und Ethikerin Elisabeth Gräb-Schmidt und der Oberkirchenrätin des Diakonischen Werks, Anette Noller, auf dem Programm. Das Thema: Assistierter Suizid – Sterben zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr im Lichtenstern-Gymnasium Sachsenheim.

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