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Kreativität gefragt in Krisenzeiten

Hallen und Gymnastikräume sind seit geraumer Zeit geschlossen. Wo sonst gemeinsam getanzt, trainiert, geschwitzt und durchaus gelacht wird, ist Ruhe eingekehrt. Die Sportvereine leiden unter dem erneuten Lockdown. Doch sie werden auch kreativ und nutzen neue Wege, um mit ihren Mitgliedern in Kontakt zu bleiben – und um sie fit zu halten.

Nachdem Magnus und Emma ihre bemalten Steine vor dem Spvgg-Vereinszentrum abgelegt haben, gibt’s die Faschingstüte von Hannes Rieger, der beim Verein seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert. Fotos: Holm Wolschendorf
Nachdem Magnus und Emma ihre bemalten Steine vor dem Spvgg-Vereinszentrum abgelegt haben, gibt’s die Faschingstüte von Hannes Rieger, der beim Verein seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert. Foto: Holm Wolschendorf
Nachdem Magnus und Emma ihre bemalten Steine vor dem Spvgg-Vereinszentrum abgelegt haben, gibt’s die Faschingstüte von Hannes Rieger, der beim Verein seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert. Fotos: Holm Wolschendorf
Nachdem Magnus und Emma ihre bemalten Steine vor dem Spvgg-Vereinszentrum abgelegt haben, gibt’s die Faschingstüte von Hannes Rieger, der beim Verein seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert. Foto: Holm Wolschendorf

Besigheim. Am Eingang hängt ein Desinfektionsspender, auf dem Boden sind Abstandsmarkierungen angebracht. Doch der Tresen im Fitkom, dem Sportvereinszentrum der Sportvereinigung Besigheim, ist verwaist. Bei den Trainingsgeräten, die nebeneinander aufgereiht im Erd- und im Obergeschoss stehen, brennt kein Licht. Lange vorbei scheinen die Zeiten, in denen sich Freizeitsportler hier fit gehalten haben. Wobei: Oben in einem Raum wird gerade Yoga gemacht. Allerdings liegen hier keine Erholungssuchenden nebeneinander auf den Matten, dehnen und strecken sich. Die Übungsleiterin ist alleine, die Trainingseinheit wird für den Youtube-Kanal des Vereins aufgezeichnet. Mittlerweile hat die Spvgg etwa 130 Sportkurse auf diese Weise produziert und ins Internet gestellt. „Das wird von den Mitgliedern gut angenommen“, sagt Kathrin Edelmann, Sportliche Leiterin der Fitkom-Abteilung. Die positiven Rückmeldungen motivieren die Haupt- und Ehrenamtlichen des Vereins, dranzubleiben und aus dem Lockdown das Bestmögliche zu machen.

Bereits im Frühjahr 2020 hat die Spvgg ihre Präsenz im Internet ausgebaut: Mit Newsletter, Instagram, einer eigenen App und dem Youtube-Kanal ist der Verein mittlerweile auf vielen Kanälen aktiv. Gleichwohl weiß Horst Haug, Vorstand Öffentlichkeitsarbeit, dass so nicht alle Mitglieder erreicht werden. Die Übungsleiter versorgen ihre Kursteilnehmer auch per Zettel mit Übungen. Eine wichtige Zielgruppe aber profitiert enorm von dem viralen Angebot: die Kinder. So sind etwa alleine die Akrobatik-Kindervideos mehr als 1000 Mal angeklickt worden, sagt Edelmann. „Uns war es besonders wichtig, etwas für sie anzubieten.“ Und so ist es kein Wunder, dass die Übungsleiter, Fachwarte und FSJler sich speziell für diese Altersgruppe einiges ausgedacht haben. Dabei geht es nicht immer primär um Sport. So sind die Kinder aktuell etwa aufgefordert, Steine zu bemalen und diese vors Fitkom zu legen. Im Gegenzug gibt es eine Faschingstüte für „die Party zu Hause“, wie Kathrin Edelmann sagt. Die Resonanz ist gut: Kaum wurde die Aktion gestartet, lagen die ersten bunten Steine vor der Tür. In den vergangenen Jahren wurden beim großen Kinderfasching immer auch Kostüme prämiert. Das soll es auch in diesem Jahr geben, allerdings in abgewandelter Form: Die Kinder verkleiden sich und schicken ein Bild an die Spvgg. Anhand der Fotos werden dann die Sieger gekürt. „Raus in die Natur“ heißt es hingegen beim Familienangebot, das Übungsleiterin Andrea Uttendorfer initiiert hat. Sie ist ausgebildete Naturpädagogin und hat Handzettel entworfen, mit denen jeder Familienspaziergang zur Entdeckungsreise werden kann. Die Informationen dazu können sich Interessierte über die Vereinshomepage ( www.spvgg-besigheim.de) besorgen. Wissenswertes gibt es auch bei der Spvgg-Stadtrallye, die die FSJler jetzt entworfen haben. Außerdem sollen Fragen beantwortet und auch kleine sportliche Aufgaben bewältigt werden. Derzeit tüfteln die Leichtathleten der Turnabteilung zudem an einer „Laufchallenge“-App. Mit solchen Aktionen will die Spvgg ihre Mitglieder während des Lockdowns bei der Stange halten. Die Reaktionen bestärken die Verantwortlichen, durchzuhalten. „Es kommen immer wieder E-Mails rein, in denen steht, es sei toll, dass wir das machen und dass die Leute durch den Youtube-Kanal neue Sportarten entdecken und später auch im ,echten Kurs‘ ausprobieren wollen“, sagt Edelmann.

Dennoch: Der fehlende direkte Austausch, das leere Sportvereinszentrum – all das schmerzt natürlich. Immerhin wird seit Januar wieder Reha-Sport angeboten. Der ist medizinisch verordnet und genießt somit Sonderstatus. „Wir sehnen natürlich herbei, dass das alles ein Ende hat“, meint Horst Haug, der sich aber auch wegen der negativen Konsequenzen eines verfrühten Endes des Lockdowns sorgt. Kathrin Edelmann lässt ihren Blick durchs leere Fitkom schweifen und meint: „Unser ganzer Winterzuwachs fällt weg.“ Denn eigentlich ist gerade zu Jahresbeginn, wenn alle gute Vorsätze haben und motiviert sind, viel Betrieb und die Kurse sind gut besucht. Dass es derzeit keine Neuanmeldungen gibt, stellt den Verein vor Probleme. Denn so werden die Abgänge und Austritte nicht ausgeglichen. Denn Austritte hat es in diesen Krisenmonaten durchaus gegeben. „Die allermeisten Mitglieder halten uns die Treue, das ist supertoll“, betont Haug. Den Verein erreichten auch Spenden, das sei nicht selbstverständlich. Bei den Beiträgen wird unterschieden in Vereinsbeitrag und den fürs Fitkom. Letzterer sei seit November nicht mehr eingezogen worden, sagt Edelmann. Doch es gebe auch Sportler, die möchten, dass der Betrag weiter monatlich abgebucht wird. Das wird dankend angenommen. Denn zwar sind die staatlichen Hilfen für November und Dezember mittlerweile beim Besigheimer Verein angekommen. Doch die monatelange Schließung des Sportvereinszentrums und das Brachliegen des Vereinslebens wirken sich natürlich finanziell aus.

Durchhalteparolen und Livekurse via Internet

Der Württembergische Landessportbund weiß, was seine Mitgliedsvereine derzeit leisten: „Das Engagement und die Kreativität von Übungsleiterinnen und Trainern können gar nicht genug gewürdigt werden“, sagt Sprecher Thomas Müller auf Nachfrage unserer Zeitung. Denn es sei eine echte Herausforderung, vom Training in der Sporthalle auf die Video-Stunde umzustellen – zumal es dazu erst einmal die passende Technik brauche. Diese Art des Kontakthaltens sei wichtig für die Vereine, damit die Mitglieder bei der Stange blieben.

Bei den Handballern des TSV Bönnigheim wird vieles online abgewickelt: Sitzungen, Training und Teambuilding, zählt Vorstand Dittmar Zäh auf. „Nicht zuletzt deswegen sind die Handballer sehr zufrieden, es gibt wenige Mitgliedsverluste.“ Insgesamt 170 Austritte hat der Gesamtverein von Januar 2020 bis Januar 2021 verzeichnet. Bemerkenswert ist aber, dass er in der gleichen Zeit 100 neue Mitglieder gewonnen hat, „da kann man eigentlich zufrieden sein“, meint Zäh.

Generell versuchen die Übungsleiter der verschiedenen Sparten, mit ihren Sportlern in Kontakt zu bleiben. Die Mitglieder der „Gesundheitsecke“ beispielsweise halten sich gemeinsam via Internet, per Skype-Schalte, fit. Bis zu 30 Teilnehmer sind jedes Mal dabei. Über die Vereinshomepage ( www.tsv-boennigheim.de) können Interessierte zudem Kontakt zu den jeweiligen Übungs- und Abteilungsleitern aufnehmen. Auch wenn der Spielbetrieb ruht, wird durchaus trainiert – wenn auch unter strengen Hygieneregeln: Die Kaderathleten haben eine Ausnahmegenehmigung und so halten sich die Spitzenathleten der LG Neckar-Enz zweimal die Woche in Kleingruppen fit.

Etwas Normalität in den Trainingsalltag möchte der Turnverein Kirchheim bringen und hat wegen der verstärkten Nachfrage sein Onlineangebot ausgebaut. So werden mittlerweile auch Livekurse via Skype angeboten. Es gibt beispielsweise Yoga, Pilates, Body Fit und Hip-Hop. Bei den Kursteilnehmern kommt das gut an, zumal sie so die Möglichkeit haben, ihre Sportkameraden auch mal wieder zu sehen – wenn auch nur über den Bildschirm. Wer an einem der wöchentlichen Kurse teilnehmen möchte, sollte eine E-Mail mit Name, Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Kurswunsch an online@tv-kirchheim-n.de schicken. Dort werden auch weitere Fragen beantwortet. Außerdem werden speziell für Kinder wöchentlich neue Übungen über die Vereinshomepage zur Verfügung gestellt ( www.tv-kirchheim-n.de). Generell sei die Arbeit im und für den Verein während des Lockdowns nicht weniger, sondern mehr geworden, sagt TVK-Vorstand Friedhold Lück. Es sei für das Führungsteam nicht immer einfach, die Verantwortung für die Mitglieder beziehungsweise Kursteilnehmer wahrzunehmen. Vor jeder Entscheidung müsse eine Risikobetrachtung gemacht werden.

Ein reger Austausch mit den jeweiligen Sparten und der Vorstandschaft findet auch beim VfL Gemmrigheim statt. Dabei gibt es Durchhalteparolen an die Abteilungen und es geht vor allem auch um die Bedenken und Sorgen, wie es weitergeht. „Wir fragen uns natürlich, so wie alle anderen auch, wann wir wieder weitermachen können“, sagt Vorsitzender Hans-Michael Raiser. Klassische Onlineangebote, wie sie andere Vereine haben, gibt es beim VfL nicht. Doch die Mitglieder halten dem Verein die Treue, „es gibt so gut wie keinen Mitgliederschwund bei uns“. Wenn es etwas Positives in der Krise gebe, dann das. „Wir sind zwar ein klassischer Mehrspartenverein, aber wir sind ein Verein“, erklärt Raiser den „hohen Zusammenhalt“. Die Rückmeldungen seien positiv.

Hans-Michael Raiser spricht auch das Vereinsheim am Wasen an; dessen Pächter hat ebenfalls mit der jetzigen Situation zu kämpfen. Sorgen macht sich der Verein zudem um den Ligabetrieb: Fußball, Ringen und Frisbee beispielsweise. Wie geht es weiter? Wird die Saison abgebrochen oder kann sie zu Ende gespielt werden? (kau)

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