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Kreis will mehr günstigen Wohnraum

Die Unterzeichner des Vertrags über die Gründung einer Bürgergenossenschaft Wohnen. Foto: Andreas Becker
Die Unterzeichner des Vertrags über die Gründung einer Bürgergenossenschaft Wohnen. Foto: Andreas Becker
Die Grundsteine für die Bürgergenossenschaft Wohnen sind gesetzt. 17 Kommunen und Privatpersonen unterzeichneten am Freitag einen entsprechenden Vertrag. Ziel ist das Schaffen preisgünstigeren Wohnraums im Landkreis.

Kreis Ludwigsburg. Wohnungen in der Region entwickeln sich immer mehr zu Luxusobjekten, die sich viele, selbst „Normalverdiener“ mit Doppeleinkommen nicht mehr leisten können. Mieten von zwölf Euro und deutlich mehr pro Quadratmeter sind keine Seltenheit. Die Folge: Dringend benötigte Arbeitskräfte wandern ab in günstigere Landstriche und fehlen in Dienstleistung und Gewerbe. Zusätzlich benötigen Unternehmen junge Fachkräfte, die für starke Generation der bald verrenteten Babyboomer nachrücken. Und auch die brauchen ein Dach über dem Kopf.

„Wir schieben seit Jahren beim Wohnungsbedarf eine Bugwelle vor uns her, die demnächst noch höher werden wird“, warnt Andreas Veit, Geschäftsführer der Wohnungsbau Ludwigsburg (WBLB). Und das treibt die Preise. Um dem Problem wenigstens ein bisschen beizukommen, wurde jetzt die „Bürgergenossenschaft Wohnen“ ins Leben gerufen. Die Idee: Städte und Gemeinden werden Mitglied und zeichnen Anteile. Dafür übergeben sie Baugrundstücke oder Bestandsgebäude. Die Wohnungen werden anschließend dauerhaft ein Drittel unter der ortsüblichen Vergleichsmiete vergeben. Satzungsgemäß wird eine Ausrichtung rein auf Renditen ausgeschlossen. Ebenso die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnung nach Ablauf einer bestimmten Frist. Und: Die Anteile, an die ein Mitspracherecht geknüpft ist, müssen wenigstens 40 Jahre lang gehalten werden. Insgesamt soll damit verhindert werden, dass die Immobilen zu Spekulationsobjekten werden.

Ziel sind 300 bis 500 Wohnungen im Eigentum der Genossenschaft. „Den Schlüssel dazu haben die Kommunen in den Taschen“, meint Veit. Denn sie verfügten über die notwendigen Grundstücke und könnten unabhängig vom Markt agieren. Die Resonanz auf die Idee, die hauptsächlich von Veit sowie Landrat Dietmar Allgaier und schon von dessen Vorgänger Dr.Rainer Haas angestoßen und ausgearbeitet wurde, war überraschend gut. Die Bürgermeister von Remseck, Dirk Schönberger, Sachsenheim, Holger Albrich, Schwieberdingen, Nico Lauxmann, Hemmingen, Thomas Schäfer und Freudental, Alexander Fleig sowie Landrat Dietmar Allgaier für den Landkreis setzten ihre Unterschrift unter die Gründungsurkunde.

Kreissparkasse engagiert sich

Ebenso Dr. Heinz-Werner Schulte, als Vertreter Stiftung Jugendförderung, Arbeit und Soziales der Kreissparkasse, Dr.Eckard Bohn für den Mieterbund. Zahlreiche Privatpersonen unter anderen die Ludwigsburger Bürgermeisterin Renate Schmetz, Wolfgang Heckeler, der Verbandspräsident der Deutschen Immobilienverwalter und frühere Chef der Bietigheimer Wohnbau oder Gisela Borrmann, Direktorin des Vaihinger Amtsgerichts. Weitere Kommunen stehen schon in den Startlöchern: Affalterbach, Bönnigheim, Möglingen und Korntal-Münchingen haben konkretes Interesse bekundet. Ebenfalls die Mitglieder der SPD-Kreistagsfraktion.

Veit, dessen Tochterunternehmen der Stadt Ludwigsburg WBLB, das operative Geschäft der Genossenschaft übernehmen wird, freut sich „wie Schnitzel“. Acht Grundstücke seien bereits eingebracht, mehrere Bestandsgebäude würden gerade auf ihre Eignung für das Projekt geprüft. 400000 Euro steuert der Landkreis zum Eigenkapital bei, eine weitere namhafte Summe die Kreissparkasse. Die Rede ist hier von einer bis 1,5 Millionen Euro. So seine Anfangsbilanz. Er hofft auf viele weiter Mitglieder.

„Es ist ein richtungsweisender Tag für den Landkreis“, meint Landrat Allgaier. Aber er bleibt bei aller Euphorie Realist. „Die Genossenschaft wird das Wohnungsproblem nicht lösen.“ Aber mit jeder einzelnen preisgedämpften Wohnung werde die Not mit kleinen Schritten ein bisschen gelindert. Froh ist er, mit der WBLB einen Partner mit Know-how gefunden zu haben, statt überall und langwierig kleinteilige Strukturen aufbauen zu müssen.

Allgaier ist der SPD-Kreistagsfraktion dankbar, dass ihre Initiative den Stein ins Rollen brachte. Und er hofft, dass die Bürgergenossenschaft eine ähnliche Erfolgsgeschichte schreiben wird, wie die Kleeblattheime für Senioren. Sie seien seit 30 Jahren aus den Städten und Gemeinden nicht mehr wegzudenken.

Das in Baden-Württemberg einzigartige Modell scheint auf Landesebene Interesse zu wecken. Diese Woche kommt Nicole Razavi, Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, zu Besuch, eine Woche später Staatssekretärin Andrea Lindlohr. Es werde sogar gemunkelt, dass die Genossenschaft den Status der Gemeinnützigkeit zuerkannt bekomme, plauderte Allgaier aus dem Nähkästchen.