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Krise als schöpferische Phase

Die Galerie im Kunsthof zeigt ihre Jahresausstellung mit hell strahlenden Exponaten

Blick in die Ausstellung: Die Arbeiten von Ingrid Lemke. Foto: Susanne Müller-Baji
Blick in die Ausstellung: Die Arbeiten von Ingrid Lemke. Foto: Susanne Müller-Baji

Eberdingen. „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen“, hat Schriftsteller Max Frisch geschrieben – und beim Rundgang durch den Kunsthof mag man ihm unbedingt recht geben. Die Saison in der historischen Scheune hat coronabedingt später als sonst eröffnet und es gibt nach wie vor Beschränkungen, aber es zeigt sich auch: Der Hunger nach künstlerischem Ausdruck ist nun so groß wie nie.

Fünf Künstlerinnen, eine historische Scheune – die Fixpunkte der Produzentengalerie im Hochdorfer Kunsthof sind geblieben. Und doch ist in diesem Jahr vieles anders, so wie die Pandemie in den meisten Künstlerlebensläufen Spuren hinterlassen wird: Bei einigen ist die Krise existenzbedrohend, Projekte und Ausstellungen wurden ausgesetzt oder ganz abgesagt, andere können den Ausnahmezustand produktiv nutzen. Bei fast allen aber richtet sich der Blick mehr nach innen.

Auch in Hochdorf ist das zu beobachten: Brigitte Krüger etwa hat sich ein neues Themenfeld erarbeitet. Lesen als das Reisen im Kopf haben in der Zeit des Lockdowns ja viele neu für sich entdeckt und auch die Zuffenhäuser Malerin legt nun in ihren Gemälden einen Schwerpunkt auf das Schmökern: Leseratten tragen Bücherstapel durch das Format und in den vielen Einzelmotiven einer Hommage an die Stuttgarter Stadtbibliothek wird quasi in jeder Lebenslage gelesen.

Schon früher haben ihr oft ausgediente Fenster als Bilderrahmen gedient, jetzt aber wirken sie wie eine Reminiszenz an die vergangenen Monate, als vielen nur der Blick aus dem Fenster blieb. Dabei mögen aber auch die Reflexionen aufgefallen sein, die Fotokünstlerin Margit Schnorr-Gutmann in ihren Arbeiten festhält: Die geheimnisvollen Spiegelungen in Schaufenstern und Vitrinen würfeln Hintergrund und Motiv oft gründlich durcheinander, bis die Bildebenen zu tanzen scheinen. Andere Fotos fordern zu mehr Aufmerksamkeit auf: Auch die eigene Umgebung ist voller malerischer Motive, wie die abblätternde Farbe auf einer Plakatwand. Doch erst die Kunst fungiert hier als Augenöffner.

Genau hingesehen hat auch Ingrid Lemke, in deren expressive Arbeiten sich nun deutlich mehr Struktur und Patina geschlichen haben: Epoxidharz über grünspanfarbigem Pigment erzeugt hier etwa eine spannende Raku-Oberfläche, konterkariert von rostiger Patina. Dagegen ist im meergrünen Glasfluss der „Formen“ von Veronika Lausecker-Hoffmann ein gewisses Fernweh erkennbar. Und auch bei Renate Leidner zeigt sich eine gewisse Sehnsucht nach fernen Gestaden: Sie holt mit ihren Badenden das Meer ins Ländle und inszeniert Pinguin-Statuetten.

Doch nicht allein wegen der Pandemie liegt ein Hauch Vergänglichkeit über dem Kunsthof: Nachdem die historische Scheune gemeinsam mit dem angrenzenden Schloss verkauft wurde, ist noch unklar, wie es weitergehen wird. „Wir hoffen, dass alles so bleibt, wie es ist“, sagt Renate Leidner, die die Galerie vor 25 Jahren ins Leben gerufen hat. Es sei auch nie eine Option gewesen, aufzugeben und die Ausstellungssaison abzusagen. „Es gibt keine Alternative, dazu ist uns das hier zu wichtig“, sagt sie, und ihre Mitkünstlerinnen pflichten ihr bei.

Info: Die Hochdorfer Galerie im Kunsthof, Hemminger Straße 4, hat bis 25. Oktober an Sonn- und Feiertagen von 13 bis 18 Uhr sowie am jeweils ersten Samstag des Monats von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

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