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Kritik an Prioritäten bei Entwicklung von Wohnraum

Bis einmal die ersten Häuser entstehen so wie hier in Oberschwaben, könnten am Pflugfelder Weg mindestens drei Jahre vergehen. Symbolfoto: dpa
Bis einmal die ersten Häuser entstehen so wie hier in Oberschwaben, könnten am Pflugfelder Weg mindestens drei Jahre vergehen. Symbolfoto: dpa
Der Bedarf ist da, Flächen ebenfalls – eigentlich ist niemand gegen das Gebiet Pflugfelder Weg im Norden von Münchingen. Im Gemeinderat wäre dennoch beinahe ein mindestens vorläufiger Stopp beschlossen worden.

Korntal-Münchingen. Die Zahlen, die Fachbereichsleiter Stefan Wolf am Donnerstag an die Leinwand wirft, sind detailliert. 0,69 Krippen-Gruppen und 1,08 Gruppen für über Dreijährige werden für das – schon lange geplante, aber wegen Überlastung der Verwaltung vor allem wegen Korntal-West auch lange geschobene – Baugebiet Pflugfelder Weg am Nordrand von Münchingen benötigt, multipliziert man das mit den Investitionskosten für die Kitas und dem geschätzten Anteil an Neubürgern, so wird pro Quadratmeter ein Infrastrukturkostenbeitrag von 61,32 Euro fällig, und für die Erschließung insgesamt rund 170 Euro. Allein: So detailliert sind die Planungen, so die Kritik aus dem Gemeinderat, für das Gebiet noch lange nicht – das plötzlich zu kippen drohte, wenngleich niemand grundsätzlich dagegen war.

Hintergrund ist, dass die Entwürfe für die 50000 Quadratmeter Nettobauland von Ende 2016 stammen, 2017 wurden sie optimiert, und Ende 2018 der Aufstellungsbeschluss gefasst. Doch damals sei der Klimawandel noch nicht so dramatisch gewesen, sagte Harald Wagner (Grüne). Neue ökologische Maßnahmen seien nicht enthalten, ebenso das Thema Barrierefreiheit nicht so berücksichtigt. Und schon lange diskutiere man, ob die vielen Reihenhäuser sinnvoll seien, und wie der Anschluss an den neuen B10-Knoten sein soll, zumal ein zugrunde gelegtes Verkehrsgutachten aus 2017 datiere, sagte Marianne Neuffer (Freie Wähler).

Wie viele Einwohner? Wie viel Infrastruktur?

Grundsätzlich war als erste Kritikerin Andrea Küchle (FDP) geworden, die nach der Vorstellung der Berechnung anmerkte, dass vieles noch gar nicht bekannt sei, etwa die Zahl der Einwohner und der Dichte. Erst wenn das feststehe, wisse man auch, wie viel Infrastruktur man benötige und wie hoch die Folgekosten seien, so Küchle. Vor allem aber sollten die Innenbereiche vor den Außenflächen entwickelt werden. Ein Argument, das auch Wagner aufgriff. Potenzial gebe es in Münchingen angesichts der von einem Büro festgestellten 47 Baulücken genug.

Ähnlich sieht es auch die Lokale Agendagruppe „Lebenswertes Münchingen“, die zuvor in einem Schreiben an Verwaltung und Gemeinderat gefordert hatte, die Innenentwicklung mit hoher Priorität voranzubringen. Konkret nennt Sprecherin Ursula Schill vier Gebäude um den Spitalhof plus eine Scheune, die ihrer Ansicht nach bald einstürzen werde, ebenso Häuser in der Gaisgasse, von denen teils schon die Fassade abbröckele, und eins an der Stuttgarter Straße, für die sie auch einen verbindlichen Zeitplan für die Sanierung vermisst. Alle Gebäude seien im städtischen Besitz, und die verlottertsten im ganzen Ort, sagt sie. „Wann will die Verwaltung diesen Zustand ändern und durch gezielte innovative Vorgaben (vergleichbar dem Regionalen Gewerbeschwerpunkt) potenzielle Investoren in den Ortskern locken, die den so dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum erstellen könnten?“, fragt sie – und hat damit, mit den Stadträten Küchle und Wagner, den Finger in die Wunde gelegt.

Stadt: Auch im Ortskern viel für Wohnungsbau getan

„Ich finde es nicht in Ordnung, dass nun Innen- gegen Außenentwicklung ausgespielt wird“, sagte Bürgermeister Joachim Wolf sichtlich gereizt. Auch Stefan Wolf ließ die Kritik nicht gelten, acht von zehn neuen Bebauungsplänen der vergangenen vier Jahre hätten der Innenentwicklung gedient, nachdem in den Jahrzehnten zuvor wenig passiert sei, auch weil viele Privateigentümer bei Sanierungsgebieten nicht mitgezogen hätten. Und kaum eine andere Kommune habe derart viel für ihre Ortsteile getan, überall den Einzelhandel und die Infrastruktur gestärkt. „Wir müssen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen und haben uns nichts vorzuwerfen“, sagte er, auch in Anspielung auf Schill, die eher Privatinvestitionen wie in der östlichen Stuttgarter Straße als Projekte sieht, die Zeichen gesetzt hätten.

Denn das möchte man beim Pflugfelder Weg durchaus auch machen, und ein „innovatives, nachhaltiges Quartier“ schaffen, so Wolf. Um den Entwurf, der „städtebaulich noch Potenzial hat“, aber zu überarbeiten, benötige das Büro drei, vier Monate. Solange sollte der Erschließungsträger weiterarbeiten, Einfluss nehmen auf die Pläne könne der Rat ungeachtet dessen weiterhin – doch wenn man wie von Wagner gefordert den Umlegungsbeschluss vertage, bis das geplante Stadtentwicklungskonzept vorliege, könnte der Erschließungsträger abspringen, weil es ihm zu langsam vorangehe.

Acht Stadträte sahen diese Befürchtung aber nicht, stimmten für die Vertagung, zehn dagegen, einer enthielt sich, so das Ergebnis der chaotischen Abstimmung nach mehreren Zählungen. Ähnlich knapp war dann am Ende auch das Ergebnis für die Modalitäten bei der Umlegung.